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Ringen um die Wahrheit: Autorin Alex Marzano-Lesnevich.
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Ringen um die Wahrheit: Autorin Alex Marzano-Lesnevich.

Dokumentarischer Krimi

Worüber nicht gesprochen wird

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Alex Marzano-Lesnevichs „autobiografischer Kriminalroman“ über Missbrauch, Mord, über Opfer und Täter.

Es ist leicht, Ricky Langley im Internet zu finden. Auf den Bildern sieht man einen schmalen Mann – die Wendung „halbes Hemd“ kommt einem in den Sinn – mit dunklen Locken, einer dicken Brille und großen abstehenden Ohren. Die Ohren, liest man an einer Stelle des Buches, von dem hier die Rede sein soll, können auf den Alkoholmissbrauch von Rickys Mutter hinweisen, als sie mit ihm schwanger war. Oder auf die Schmerzmittel, die sie über viele Monate im Krankenhaus bekam. Der Junge war noch nicht gezeugt, als die Familie einen schweren Autounfall hatte. Ein Bruder Rickys, fünf, kam ums Leben; und obwohl die Eltern das tote Kind nie auch nur erwähnten, fing Ricky irgendwann an, imaginäre Gespräche mit ihm zu führen. Möglicherweise hat er ihn im sechs Jahre alten Jeremy Guillory gesehen, als er diesen 1992 tötete. Aber das weiß nicht einmal Ricky selbst.

Schweigen in der Familie

Nichts ist sicher, nichts ist einfach oder wird einfach behauptet in Alex Marzano-Lesnevichs im Untertitel etwas hilflos als „autobiografischer Kriminalroman“ bezeichnetem Buch „The Fact of a Body“, deutsch „Verbrechen und Wahrheit“. In einem Erzählstrang berichtet Marzano-Lesnevich, wie ihr Großvater sie missbrauchte und ihre Eltern damit umgingen: nämlich gar nicht. (Es erinnert an das Schweigen von Rickys Familie.) Für den anderen Erzählstrang hat die Autorin öffentliche Gerichtsakten, Transkripte, Zeitungsartikel, Fernsehdokumentationen durchgearbeitet, sogar ein Theaterstück über Jeremys Mutter Lorilei, das auf Interviews beruhte. Tausende Seiten. Mit jahrelanger – man möchte es Besessenheit nennen.

Das Buch

Alex Marzano-Lesnevich: Verbrechen und Wahrheit. A. d. Engl. v. Sigrun Arenz. Ars Vivendi 2020. 390 S., 23 Euro.

Es gab für Alex Marzano-Lesnevich einen auslösenden Moment. Auch von diesem erzählt sie mit Offenheit: Wie sie als Jurastudentin – auch ihre Eltern sind übrigens Juristen – im Jahr 2003 ein Praktikum antritt in einer Kanzlei, die vor allem Menschen vertritt, denen die Todesstrafe droht. Wie sie dort konfrontiert wird mit dem Fall des pädophilen Ricky Langley, sein Geständnis auf Video sieht, plötzlich nicht mehr sicher ist, dass sie tatsächlich verhindern möchte, dass er stirbt. (Wegen Verfahrensfehlern im ursprünglichen Prozess 1994, als auf Mord befunden wurde, war es 2003 zu einer Wiederaufnahme gekommen; Langley wird diesmal wegen Totschlags verurteilt. 2009 folgt der nächste Prozess, weil in der zweiten Verhandlung der Richter – Marzano-Lesnevich beschreibt dies staunend, die Leserin staunt mit – bei den Plädoyers einfach rausgeht aus dem Saal. Sie mutmaßt: Er steht kurz vor der Rente, es nimmt ihn zu sehr mit, er will und kann es nicht mehr hören.)

Immer wieder weist die Autorin darauf hin, wo sie die Fakten und dokumentierten Geschehnisse auffüllt mit eigenen Beschreibungen, immer wieder bietet sie der Leserin verschiedene Varianten an – so könnte es gewesen sein, aber auch so –, sie benennt Lücken auch der polizeilichen Ermittlungen.

Mit Truman Capotes „In Cold Blood“ („Kaltblütig“) wurde Alex Marzano-Lesnevichs „The Fact of a Body“ im englischen Sprachraum verglichen. Das tut ihr insofern unrecht, als inzwischen bekannt ist, dass Capote sich – um der besseren Geschichte willen – nicht unbedingt an die Fakten hielt, aber es vorgab.

In jeder Zeile von Marzano-Lesnevich spürt man dagegen ihr Ringen um Rekonstruktion, mögliche Nuancen, Verständnis, um unbedingte Einfühlung und um die Wahrheit, die der deutsche Verlag in den Titel genommen hat. Das gilt für ihre behutsamen Beschreibungen von und Überlegungen zu Jeremy Guillorys Mutter Lorilei, die 2004 vor Gericht auftritt und Aufsehen erregt, indem sie sich gegen die Todesstrafe für Langley ausspricht. Sie hält ihn, wie auch seine Verteidiger, für psychisch krank, schizophren womöglich.

Er hielt sich für gefährlich

Die Behutsamkeit gilt ebenso für die Passagen über die nach dem verheerenden Unfall vollends heillose Familie Langley. Aber nie vergisst Marzano-Lesnevich den Hinweis auf die Aussage einer Nachbarin, wonach Ricky allem Anschein nach keineswegs ohne Liebe aufgewachsen ist. Das gilt für Langley, von dem die Autorin mehrfach erwähnt, wie er sich schon als blutjunger Mann in eine Klinik begeben wollte, weil er sich selbst, seinen pädophilen Drang für gefährlich hielt und Hilfe suchte. Man sprach mit ihm, man fand, dass er keine Gefahr darstellt.

Und schließlich ringt Marzano-Lesnevich auch darum, ihre eigenen Beschädigungen und das Verhältnis zu ihrem Großvater und zu ihren Eltern in berührender Ehrlichkeit zu beschreiben. Ihre Alpträume, ihre Magersucht. Das Gefühl, dass sie ihren Großvater tatsächlich immer noch liebt. Und die Liebe zu den Eltern, die, genauso wie Ricky Langleys Eltern, über ein totes (Drilllings-)Kind einfach gar nicht gesprochen haben, so dass Alexandria immer davon ausging, ein Zwilling zu sein.

Sie erzählt mit Wärme, was ihre Eltern richtig gemacht haben, und so ist „Verbrechen und Wahrheit“ auch ein staunenswertes Buch über Vergebung.

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