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Die übersichtliche Welt des (West-)Sandmännchens.
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Die übersichtliche Welt des (West-)Sandmännchens.

Migrationsroman

Alem Grabovac: „Das achte Kind“ – Sie nennen ihn Ali und Jugo, und er wächst bei einem Nazi auf

  • vonSusanne Lenz
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Aus dem Schlechten das Beste machen: Alem Grabovacs Roman „Das achte Kind“.

Am Wochenende in Frankfurt gibt es Cevapcici. Manchmal auch Schläge, wenn Alem den Freund seiner Mutter bei „Mensch ärgere dich nicht“ besiegt und dieser frustriert und betrunken genug ist, alle Hemmungen zu verlieren. Unter der Woche serviert Marianne dem Kind Rinderbraten mit Rotkohl, Eisbein mit Sauerkraut. Danach gucken sie „Dalli, Dalli“ mit Hans Rosenthal. „Für einen Juden ganz ordentlich“, sagt Robert, Mariannes Mann, Alems deutscher Vater. Zwischen zwei Welten und Kulturen – für Alem Grabovac gilt das mehr als für andere, die sich in den vergangenen Jahren literarisch mit ihrer migrantischen Herkunft auseinandergesetzt haben.

Alem, das ist Alem Grabovac, geboren 1974 in Würzburg, Journalist, Prenzlauer-Berg-Bewohner, Familienvater und Sohn von Smilja, die aus einem bitterarmen Dorf in den kroatischen Bergen stammt. Sein Roman „Das achte Kind“ ist eine transkulturelle Coming-of-Age-Geschichte, seine eigene. Ein Roman, den er selbst eine Autofiktion nennt, weil er seine Biografie durch eine fiktionale Handlungsebene ergänzt.

Es sind die 1970er Jahre, in denen Alems Mutter als Gastarbeiterin in die Bundesrepublik kommt. Sie empfindet es als großes Glück. Und dann arbeitet sie, die als Kind armer Leute nie Schokolade bekommen hat, auch noch in einer Schokoladenfabrik in Würzburg. Irgendwann wird sie keine Schokolade mehr herunterbringen. Zunächst aber ist sie einsam, lernt den Bosnier Emir kennen, der sie zum Lachen bringt. Bald ist sie schwanger, Alem kommt auf die Welt. Sie muss ihn schweren Herzens unter der Woche in eine deutsche Pflegefamilie geben, zu Marianne und Robert, die sieben eigene Kinder haben.

Alem ist erst sechs Wochen alt, als Smilja ihn weggibt, aber Emir ist ein Tunichtgut, ein Taschendieb, Säufer und Frauenheld. Als Smilja noch im Krankenhaus liegt, beklaut er sie und geht auf Sauftour, sodass sie am nächsten Tag nicht mal ein Taxi nehmen kann, nachdem sie vergeblich darauf gewartet hat, dass er sie abholt. Mit dem Kind in den Armen geht sie bei schwerem Regen nach Hause.

Das Buch

Alem Grabovac:Das achte Kind. Roman. hanserblau, München 2021. 256 Seiten, 22 Euro.

Die Pflegefamilie übernimmt

Ausgeschlossen, dass dieser Mann sich um seinen kleinen Sohn kümmert, wenn Smilja bei der Arbeit ist. Bald verschwindet er ganz aus ihrem Leben. Nun erlebt Smilja das, was alle Eltern erleben, deren Kinder in einer anderen Kultur aufwachsen: Entfremdung. Nur erlebt sie es doppelt schlimm, denn die andere Kultur macht in Alems Fall nicht vor der Wohnungstür halt, er ist in ihr zu Hause, wenigstens von Montag bis Freitag. Später sogar über manches Wochenende. Die Pflegefamilie nimmt immer mehr den Platz der leiblichen Mutter ein.

Alem Grabovac wirft in seinem packenden Buch viele Fragen auf: Wie und wodurch formen sich Familienbande, was bedeuten sie, was ist Heimat, was bedeutet Herkunft? Seine Antworten sind aufgrund der ungewöhnlichen Art seines Aufwachsens höchst originell. Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft wird das eigene „Coming of Age“ in der Bundesrepublik mit Sandmännchen, Hitparade und Campingurlaub in Italien wie durch einen Spiegel vor Augen geführt. Und es wird einem klar, welch einen Riesenvorteil Menschen mit Migrationshintergrund haben, nämlich eine Familie ohne Nazi-Hintergrund. Nur Alem hat alle Nachteile.

In der Schule nennen sie ihn Ali, Jugo oder Döner-Türke, und sein deutscher Vater, der bei der Wehrmacht war, hat etwas gegen Juden und findet immer noch, dass Hitler ein großer Führer gewesen sei. Das hat Einfluss auf Alem. Und so kommt es, dass er seinem Deda, seinem Großvater in dem kroatischen Bergdorf, der einst gegen die Nazis gekämpft hat, ein Bild mit deutschen Panzern malt, das dieser zerreißt und bespuckt, obwohl es von seinem geliebten Enkel kommt.

Dass Alem Grabovac auch die Vorteile des Wanderers zwischen den Welten hat, ahnt man eher. Er kann jedenfalls die Perspektive wechseln wie kein anderer. Der Autor urteilt nicht, er klagt nicht an. Sein lakonischer Stil hat Kraft. In ihm drückt sich eine Haltung aus, vielleicht gar nicht so sehr, was die Sprache angeht, sondern vielmehr das Leben. Das Wertende, das immer etwas Paternalistisches hat, ist nichts für ihn.

Wer sein leiblicher Vater wirklich war, erfährt Alem Grabovac erst, als dieser stirbt. Es ist dieser Tod, der eine Vatersuche auslöst und wohl auch den Impuls zum Schreiben gab. „Ach Emir, ich hätte dich gern so vieles gefragt“, sagt er, als er schließlich vor dessen Grab steht. „Aber so ist es jetzt auch gut.“ In diesem Satz kann man Grabovacs Haltung dem Leben gegenüber erkennen. Manches lässt sich nicht ändern, aber man kann das Beste draus machen.

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