In seiner Bibliothek in Göttingen: Albrecht Schöne, hier als 80-Jähriger. Wolfgang Weihs/dpa
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In seiner Bibliothek in Göttingen: Albrecht Schöne, hier als 80-Jähriger. 

Albrecht Schöne

Albrecht Schöne zum 95.: Vom gewaltigen Glück, genau zu lesen

  • vonHarro Zimmermann
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Lehrer der schönen Wissenschaften: Der Germanist Albrecht Schöne, der heute seinen 95. Geburtstag feiert, legt seine Erinnerungen vor.

Am Ende, wenn es um die Unvermeidbarkeit des Sterbens geht, erhalten in Schönes Buch zwei seiner literarischen Hausgötter das Wort – Goethe und Paul Celan. Goethe, weil er sich noch in späten Jahren mit großartigem Starrsinn dem Tod verweigern wollte, und Celan, weil er in seinem Gedicht „Einem, der vor der Tür steht“ spiegelhaft und im „dunkeln Wort“ die Hoffnung auf ein verjüngtes Künftiges habe aufscheinen lassen. Über Jahrzehnte hin ist Albrecht Schöne, Großmeister der Germanistenzunft aus Göttingen, dem Dichterischen als verborgener Theologie auf der Spur gewesen, nun nimmt er sein Lebenswerk beim Wort und macht als religiös inspirierter Philologe auch noch einen Textvorschlag für die eigene Traueranzeige.

Zärtlich und dankbar wendet sich der 95-Jährige an seine Familie, insbesondere an seine Enkel und Urenkel, ihnen allen möchte er aufschließen und anvertrauen, was die Tiefe der Zeit seinem Leben zugemutet und zugetragen hat. Es ist eine wahrhaft narbenreiche Vita, die der Jubilar ausbreitet, nicht nur von den Todesgefahren des Panzerschützen im Zweiten Weltkrieg wird berichtet, sondern von etlichen Unglücksfällen und schweren Verletzungen schon vorher und auch später noch.

Dass der 1925 in Barby an der Elbe Geborene überhaupt ein biblisches Alter erreichen konnte, hat er wohl nicht zuletzt der wohlgegründeten Bildungstradition seiner Familie zu verdanken. Liebevoll erinnert sich Schöne seiner musischen Mutter und seines so gütigen wie klugen und aufrechten Vaters, der als Reiterhusar des Ersten Weltkriegs und späterer Gymnasiallehrer dem Nazi-Unwesen widerstand, und dafür etliche Misshelligkeiten in Kauf nehmen musste.

Dabei konnte die Familie auf eine glanzvolle, ins 14. Jahrhundert zurückreichende Ahnengalerie verweisen, in der das protestantische Pfarrhaus, aber auch die eine oder andere politische Zelebrität eine (un-)rühmliche Rolle gespielt hat. Bis in die Nähe Luthers und Lucas Cranachs des Älteren reicht diese Galerie interessanter Köpfe, und endet immer noch nicht bei Johann Wolfgang Goethe, der einem entfernten genealogischen Zweig der Schönes angehört hat. Eine dieser denkwürdigen Gestalten, der Doktor Christianus Brück, er hatte ein Patenkind Luthers geheiratet und war zeitweilig Kanzler des Herzogs von Gotha, wurde 1567 wegen politischer Vergehen auf dem Gothaer Hauptmarkt gevierteilt.

Das Buch:

Albrecht Schöne: Erinnerungen. Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 333 Seiten, 28 Euro.

Über seine Jugend als enthusiasmierter Nazi-Führer und als Kriegsfreiwilliger an wechselnden Fronten in Russland und Rumänien spricht der Autor nüchtern, er gehörte damals zu jener übergroßen deutschen Mehrheit, die keine Fragen nach Unrecht und Judenhass gestellt hat. Auch der juvenile Albrecht Schöne will ein Held werden und sein Leben für Großdeutschland opfern. Trotz aller Gefahren und Verwundungen übersteht er die Kämpfe, gerät 1945 in amerikanische Gefangenschaft und wird entkräftet im Januar 1946 entlassen.

Vom Ernüchterungs- und Bewusstwerdungsprozess ist nur knapp die Rede. Umwegig zwischen Freiburg, Göttingen und Münster, aber letzten Endes zügig sollte die Karriere des hochbegabten Studenten verlaufen, der über dichterische Darstellungen des Wahnsinns promoviert, sich bei Benno von Wiese über „Säkularisation als sprachbildende Kraft“ habilitiert und 1959 einen Ruf als Ordinarius für Deutsche Literaturwissenschaft nach Göttingen erhält. In wenigen Grundzügen gibt Schöne einen Einblick in die Historie seiner akademischen Aktivitäten, bei denen er zunächst mit dem Handbuch zur Emblematik, zur Sinnbildkunst des 16. und 17. Jahrhunderts brilliert. Erst unlängst hat Klaus Garber, ebenfalls ein Grandseigneur der Germanistenzunft, in seiner autobiografischen „LebensReise“ (Böhlau) die Verdienste der illustren deutschen Nachkriegs-Barock-Forschung aufmerksam gewürdigt, nun folgt der Göttinger Ordinarius mit den Glanzlichtern seiner Germanistik als öffentlicher Wissenschaft.

Er tut dies in scharfer Abgrenzung nicht nur gegen die Gewaltsamkeiten der einstigen 68er-Anti-Germanistik, sondern auch gegen das heutige Bologna-Schulungswesen, das eine freie Interessenentfaltung der Studierenden verhindere. Freilich wird überhaupt die gegenwärtige Literaturwissenschaft mit ihrem „Imponiergehabe eines selbstgefälligen und abschreckenden Fachjargons“ scharf gegeißelt.

Was Schöne in den Jahrzehnten seiner Göttinger Tätigkeit erforscht und zu Papier gebracht hat, konnte hier und andernorts einem großen Publikum zum öffentlichen Hör- und Lesegenuss werden – die Highlights der barocken Festkultur, Kunstbildnerei und Poesie, die noch für Günter Grass’ Novelle „Das Treffen in Telgte“ und für den „Butt“ zur Inspiration wurden, die Goetheschen „Faust“-Zaubereien zwischen Götterzeichen und Satanskult, das Spukwesen um Schillers Schädel, Lichtenbergs funkelnde Konjunktive, die Untersuchungen zur Verführungskraft politischer Lyrik oder die Analysen des verborgenen Theologiegehalts in vielerlei Dichtungen.

Vor allem eines habe er lehren wollen, sagt Schöne – genau zu lesen. Was er als Präsident des Welt-Germanistenverbandes 1985 vor fast 1500 Teilnehmern auf dem Göttinger Kongress als intellektuelles „Arzneimittel“ angeboten hat, mag angesichts der digitalen Info- und Wissensexplosion von heute als welt- und zeitverloren erscheinen, bedenkenswert bleibt es allemal: „Wie viel an sinnlicher Wahrnehmung, denkerischer Energie, Formkraft und Imaginationsvermögen, an Trostgeschenken, Fluchthilfen, Lebens- und Sterbensmitteln, an unabgegoltenem Unrecht, ungestillter Trauer, uneingelöster Hoffnung und ungeahnter Schön-heit“ müssten Menschen preisgeben, die der einlässlichen Lektüre von Wörtern und Sätzen nichts Sinn- und Leben-Spendendes mehr abgewinnen könnten.

Die Erinnerungen Albrecht Schönes bieten mehr als eine respektable Gelehrenvita, sie versammeln sich zu einem kleinen Kaleidoskop der (Bildungs-)Geschichte des 20. Jahrhunderts. Aber sie bringen auch ein apartes Vermächtnis zur Geltung, das eines Lehrers der schönen Wissenschaften, der die humanitäre Verheißung des wohlgesetzten Wortes am Leben erhalten will.

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