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Albert Rausch in den 30er Jahren.  

Geschichte einer Liebe

Albert Rausch und Andreas Walser: „Nur das eine, furchtbare – Andreas ist tot!“

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Albert Rausch und Andreas Walser: Andrej Seuss geht einer tragisch endenden Liebesgeschichte in der Pariser Bohème nach.

Die Amour fou beginnt an einem Januar-Abend im Café du Dôme am Boulevard du Montparnasse. Der 47 Jahre alte Schriftsteller Albert Rausch trifft zufällig auf den 20-jährigen Maler Andreas Walser. Für die beiden Männer beginnt eine intensive, turbulente Liebe. Die tragisch enden wird. Geschildert wird dieses bewegte Seitenkapitel der Literaturgeschichte nun in einem Buch von Andrej Seuss – im Friedberger Stadtarchiv pflegt er den literarischen Nachlass des einst viel gelesenen und 1932 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichneten Schriftstellers Albert Rausch alias Henry Benrath.

Der 1882 in der hessischen Stadt geborene Mehlhändler-Sohn Albert Rausch war ein weltgewandter Privatier. Er verkehrte 1929 in der Pariser Bohème, veröffentlichte Gedichte, unterhielt in den Cafés seine Freunde mit witzigen Geschichten, die er in vier Sprachen erzählen konnte. Er suchte und fand die Nähe so unterschiedlicher Geistesgrößen wie Carl Zuckmayer, Kasimir Edschmid, Klaus Mann oder Stefan George. Wie George genoss es der offen homosexuell lebende Albert Rausch, von jungen hübschen Bewunderern umgeben zu sein. An Selbstbewusstsein mangelte es ihm nicht. „Er hielt sich für den größten europäischen Dichter überhaupt“, befindet Seuss.

Nach der Affäre mit dem jungen Maler Andreas Walser machte Rausch unter seinem Künstlernamen Henry Benrath bis etwa 1960 große Auflagen mit Romanen wie „Ball auf Schloss Kobolnow“ und Erzählungen über die Kaiserinnen Galla Placidia, Theophano und Konstanze. Rausch, der häufig durch Südeuropa reiste, hatte eine konservativ-elitäre Weltanschauung. Er war kein Demokrat. Andrej Seuss berichtet: Wenn Albert Rausch in irgendeinem italienischen Hotel auftauchte, standen die dort tafelnden Wehrmachtsoffiziere auf und „knallten die Hacken zusammen“. Andererseits hielt Rausch Kontakt zu Leuten wie Walter Alfons Hummelsheim, der sich mit Carl Friedrich Goerdeler im Widerstand gegen das NS-Regime engagierte. Als das deutsche Militär im Herbst 1944 die Dörfer Magreglio, Barni, Limonta, Onno und Vasenna am Comer See aus Rache für den Tod eines Wehrmachtsangehörigen zerstören wollte, intervenierte Rausch erfolgreich. Eine ambivalente Figur, nicht leicht einzuschätzen.

Anders sein junger Geliebter Andreas Walser. Der Sohn des Pfarrers von Chur in der Schweiz mietet sich gleich nach der Schulzeit in einem Pariser Atelier ein. Da malt er expressionistische, auch dadaistische Bilder, experimentiert mit Fotografien und Collagen. Inspiration sucht er in den Tanzbars und Cafés der Stadt.

Das Buch

Andrej Seuss: „Nur das eine, furchtbare – Andreas ist tot!“. edition clandestin, Biel 2019. 132 Seiten, 29 Euro.

Seuss beschreibt anhand von Zitaten aus Briefen und Cartes pneumatiques (Rohrpost-Karten, analog zur heutigen Whats-App-Nachricht), wie sich Rausch und Walser ineinander verlieben. Doch das Glück kränkelt schon nach wenigen Wochen. Der junge Graubündner lernt Picasso und den drogensüchtigen Jean Cocteau kennen. Auch Walser verfällt dem leicht erhältlichen Morphium, Kokain und Alkohol. Seuss schildert die lebensgefährlichen Exzesse, und wie der besorgte Albert Rausch Walser während einer Krise pflegt und anschließend abgewimmelt wird. Der junge Maler ist sich selber fremd. Einer Freundin in der Schweiz schreibt Walser, er sei „complètement intoxique“: „Ich zittere, ich falle und habe Angst, nicht wieder aufzustehen.“

Immer wieder versucht Rausch, Walser zum Entzug zu bewegen. Doch das gelingt nur zeitweise, während eines malerisch produktiven Urlaubs in den Schweizer Bergen, in dem Walser auch den bei Davos lebenden Ernst Ludwig Kirchner besucht. Rausch reist nach Deutschland zurück. Danach entfernen sich die Geliebten voneinander, wechseln in den folgenden Monaten aber noch viele Briefe. Man kann das Buch auch als Beispiel lesen, wie eine große Liebe wegbröckelt, bis sie nur noch als Wunsch und Traumbild vorhanden ist.

Als Andreas Walser am 19. März 1930 stirbt, informiert sein aktueller Geliebter, Gui de la Pierre, zuerst nicht Rausch, sondern Jean Cocteau: „Er hat Sie geliebt. Jetzt schreibe ich Ihnen, dass mein armer kleiner Andreas nicht mehr ist ... Er hat sein letztes Bild gemalt, während ich schlief. Dann hat er sich zu mir umgedreht und ist bewusstlos auf das Bett gefallen.“

Andreas Walser stirbt vermutlich an einer Drogen-Überdosis. Der zur Clique gehörende Klaus Mann kolportiert dagegen, Walser habe sich erschossen. Danach kondoliert Albert Rausch den Eltern und verspricht ein „Erinnerungsbuch“, das er allerdings nur in kleinen Teilen liefert.

Albert Rausch selbst stirbt im Jahr 1949 im italienischen Magreglio. Seine Bücher sind heute nur noch antiquarisch zu bekommen. Die Bilder von Andreas Walser werden seit den neunziger Jahren in Ausstellungen und Monografien neu entdeckt. In Seuss’ Buch sind neben den Faksimiles von Briefen auch Zeichnungen Walsers zu sehen.

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