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Da leuchtet sie, die blaue Blume.
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Da leuchtet sie, die blaue Blume.

Lyrikband „Teer“

Albert Ostermaier „Teer“: Leben unter dem Eis

  • VonBjörn Hayer
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Der pandemischen Einsamkeit stellt Albert Ostermaiers schillernde Lyrik die Macht der Worte entgegen.

Das Herz schlägt – gegen die Stille, gegen die unermessliche Einsamkeit. Wo ein Ball ohne spielende Kinder auf den Straßen liegt und nur noch kalter Wind durch menschenleere Städte zieht, geht von ihm das einzige Licht aus: Es ist das romantische Feuer der Liebe, das in Albert Ostermeiers gänzlich unter dem Eindruck der Pandemie verfassten Lyrikband „Teer“ alles am Leben hält.

Seine Leuchtkraft zieht dieses Feuer aus dem Du, das jedoch zumeist in weite Ferne gerückt ist. Mal taucht es noch in einem verruchten Barsong auf, mal wird es als Chiffre für vergangene, erotische Nächte aufgerufen. Oder es zeigt sich schlichtweg in einer Erinnerung an einen Pullover mit dem „roten faden in der / schreibenden hand der mich / ins labyrinth geführt hat wäre / ich dir nicht so ungeheuer / gäbe es einen ausweg“. So sieht möglicherweise die ernüchternde Fassung eines modernen Ariadnemythos aus. Die Schnur dient eben nicht mehr der Rettung des Geliebten, sondern vielmehr als Sinnbild für dessen Abhängigkeit von einer Frau, die ihn verlassen hat.

Ostermaier belegt mit solcherlei leichtfüßigen Zitaten nicht nur den breiten Anspielungsreichtum seiner Texte, die mitunter Georg Büchners „Wozzeck“, den Elektra-Stoff und Filmklassiker wie „Der Himmel über Berlin“ oder „Der andalusische Hund“ streifen, sondern gleichsam sein hehres Verständnis von Poesie. Immer wieder erscheint in seinen Miniaturen die blaue Blume, also jenes Zentralmotiv der Romantik für die Dichtung selbst. Sie blüht bei ihm dort, wo der unwirtliche Winter die Landschaft begräbt und wo die Sehnsucht nicht zu stillen ist.

Das Buch:

Albert Ostermaier: Teer. Gedichte. Suhrkamp, Berlin 2021. 119 S., 18 Euro.

Mehr noch: Was das lyrische Ich auch wahrnimmt, äußert sich in Silben, Buchstaben und Sätzen. Ein Körper wird dabei zum beschriebenen Blatt, das zu lesen nur der Begehrende vermag. Überdies lässt das Wort ganze Welten entstehen, ging doch auch von ihm die biblische Schöpfung aus: „das wort wurde / fleisch wurde blut blieb papier“. Sprache birgt für den 1967 geborenen Münchner das Potenzial, sich aus der Ohnmacht zu befreien. Nachdem uns Corona womöglich ein Stück Zukunft geraubt hat, wissen daher ein Ich und ein Du sie mit Versen „wiederzugewinnen“. Denn noch „fällt der / schnee seite für seite auf das / gefrorene meer in uns bis / wir das eis brechen.“

Nicht einmal im Jenseits verebbt die Kraft des Schreibens, wie eines der berührendsten Gedichte des Bandes dokumentiert. Dem verstorbenen Suhrkamp-Lektor Raimund Fellinger gewidmet, spricht Ostermaier darin von den „zeilen die sich im / unendlichen treffen / wo du wartest mit / einem blauen stift der / bis in meine hand / reicht bei jedem Satz (...) wohin soll ich nur / ohne dich und hör dich im herzen und / weiter“. Gerade der offene Schluss verdeutlicht, dass das poetische Sprechen und gegenseitige Inspirieren weit über die Grenze des Lebens hinausreichen.

Ein tieferes Dasein

Poesie ist Möglichkeitsraum, allen voran in hoffnungslosen Zeiten. Indem der Lyriker und bekannte Theaterautor durch die trostlose Oberfläche unserer Realität hindurchblickt, offenbart er uns ein verborgenes, tieferes Dasein. Mit einer hochdynamischen Sprache entfernt er den titelgebenden, finsteren „Teer“ von der Straße. Zum Vorschein kommt ein Fundament, das gleichsam Sentiment bedeutet. Dass bei dem damit einhergehenden Pathos an der einen oder anderen Stelle etwas Kitsch durchschlägt, liegt fast schon in der Natur der Sache. Nichts kann allerdings die Sanftheit der Gedichte schmälern, nichts kann sie verfälschen. Ihre Intensität wirkt im allerklarsten Ton.

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