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Hélène Gestern.

Hélène Gestern

Alban im Großen Krieg

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Hélène Gesterns ausschweifender, aber fesselnder Roman "Der Duft des Waldes".

Zum ersten Mal ist ein Roman der Französin Hélène Gestern auf Deutsch erschienen und man wünscht ihm viel Aufmerksamkeit – über 700 Seiten hält die aus Lothringen stammende Autorin, die an der Universität in Nancy lehrt, die Spannung.

„Der Duft des Waldes“ ist ein vielschichtiger Roman. Hier geht es um Familien- und Zeitgeschichte und um die Geschichte der Erinnerung. Er spielt vor allem in der Zeit des Ersten Weltkriegs, aber auch die Jetztzeit wird in der Rahmenhandlung geschickt aufgegriffen. 
Historikerin Elisabeth arbeitet für das Institut für Fotogeschichtsschreibung. Sie ist Spezialistin für historische Postkarten und von Beruf aus akribisch in den Nachforschungen – eine Eigenschaft, die in dieser Geschichte, in die sie plötzlich hineingezogen wird, auch vonnöten ist.

Über die Bekanntschaft mit einer alten Dame kommt sie in den Besitz eines Albums mit Fotografien und Feldpostbriefen aus dem Ersten Weltkrieg, die der junge Frontsoldat Alban de Willecot an seinen Freund, den berühmten Dichter Anatole Massis, geschrieben hat.

Können das wirklich fiktive Figuren sein?

Elisabeth, die Ich-Erzählerin, befindet sich unterdessen in einer großen Krise, der Tod ihres Partners hat sie komplett aus der Bahn geworfen. Sie kann schon länger nicht mehr richtig arbeiten, nicht mehr wirklich am Leben teilhaben. Sie spricht mit dem Verstorbenen, die neugierige Leserin erfährt aber zunächst keine Einzelheiten über die Umstände seines Todes. Die Suche nach der Geschichte Albans führt Elisabeth wieder ins Leben zurück und sogar zu einer neuen, wenn auch unglücklichen Liebe. 

 Für sie – wie auch für uns – beginnt mit der Lektüre der Briefe ein Krimi, der Elisabeth zu immer weiterreichenden Recherchen antreibt und nach Portugal, in die Schweiz und nach Belgien führt. Das Schicksal Albans, dessen Briefe nicht zuletzt ein Aufschrei gegen den Wahnsinn des Stellungskriegs sind, seine Sehnsucht nach einer Geliebten namens Diane und nach dem Freund Anatole, seine Anstrengungen, heimlich die Gräuel des Krieges für die Nachwelt fotografisch festzuhalten und die Zensur zu umgehen – und schließlich die Gründe für so viele tragische Todesfälle unter den Protagonisten: All diese Geschichten und Geheimnisse werden nach und nach ausgebreitet.

Die Suche nach den Zeitzeugen und die Gespräche mit ihnen, die Briefe und Tagebucheinträge, so dicht ist das alles an der Historie, dass sich beim Lesen oft die Frage aufdrängt, wo die Grenze zwischen Fiktion und Realität ist. Gab es den Soldaten Alban wirklich? Ist das Schicksal der 17-jährigen Diane tatsächlich reine Fiktion? Hélène Gestern hat hervorragend recherchiert, erzählt äußerst anschaulich, und es gelingt ihr, Geschichten aus der Zeit des Großen Krieges weiter bis zur deutschen Besatzung und den Judenverfolgungen im Zweiten Weltkrieg in Frankreich zu erzählen. Und auch hier wieder die Nähe zum tatsächlich Geschehenen. 

Die Geschichte der Résistance, das brutale Vorgehen der Gestapo in Lyon und die Folgen von Verrat und Verbitterung werden so eindringlich beschrieben, dass es an die Grenze des Erträglichen geht. Stilistisch ist das brillant gelöst, es braucht aber Konzentration, alle Stränge mitzuverfolgen. Es lohnt sich unbedingt, in diesen Roman einzutauchen. Seine Figuren und ihre Lebensläufe wird man nicht so schnell wieder vergessen. 

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