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Alan Bennet, hier in der New York Public Library.

Alan Bennett

Zu Fuß in die Bibliothek

  • vonStefan Michalzik
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Alan Bennett und sein leichthändig tiefschürfendes Lektürebuch „Der souveräne Leser“.

Der Ärmelkanal“, heißt es an einer Stelle dieses Buches, „ist ein Ironiebad, in das wir alle tiefernsten Kontinentaleuropäer tauchen, um von ihrer Schwermut nicht infiziert zu werden.“ Das steht in einem Text mit dem Titel „Franz Kafka in Las Vegas“. Alan Bennett schreibt darin Kafka einen englischen Zug zu: Über seine Selbstironie hinaus erscheine er als Vegetarier und Sonnenanbeter für die Engländer vertraut versponnen.

Bestens, so Bennett, könne man sich ihn vorstellen als den jungen Mann, der von einer der forschen Frauenfiguren von George Bernard Shaw angesprochen wird, die seinen Charme erkennt, ihn bei der Hand nimmt und ihn dazu bringt, sich zusammenzureißen. Wäre er hingegen, gleich vielen seiner Zeitgenossen in Osteuropa, nach Amerika ausgewandert, hätte er „mit seiner fröhlichen Schwermut“ als Bühnenkomiker reüssieren können.

Autobiografische Momente, etwa Erfahrungen aus seiner Kindheit und Jugend als Buchleser in einer wacklig mittelständischen Schlachterfamilie in Leeds, verknüpft Alan Bennett nahtlos mit einer Form des literarischen Räsonnements, die jeder Konvention spottet, keinen Respekt vor Titanen kennt und sich nicht vor dem Bekenntnis scheut, er habe ein kanonisiertes Buch nicht verstanden. Sein Band „Der souveräne Leser“, herausgekommen in der schönen rotleinenen Salto-Reihe des Wagenbach-Verlages, versammelt Texte aus drei Büchern, die in Großbritannien zwischen 1997 und 2005 erschienen sind, darunter auch Notate aus Lektüretagebüchern. Dass vieles davon mit seinen pointiert verblüffenden Assoziationsketten an die Stand-up-Comedy erinnert, ist kein Zufall.

Seit Mitte der achtziger Jahre ist Alan Bennett, Jahrgang 1934, in Großbritannien ein Autor mit sagenhaften Auflagen und, obgleich damals schon ein distinguiert ältlicher Herr, scharfem Blick für die Belange der Zeit. Er trat als meinungsstarke Stimme wider den politischen Konservativismus in Erscheinung. Schon als Kind war es sein Wunsch, Schriftsteller zu werden. Zunächst jedoch studierte er – wunderbar sein Spott über den verleideten Wissenschaftsbetrieb – in Oxford Geschichte und, so formuliert er das selber, rutschte in das Unterhaltungsgewerbe hinein. In den sechziger Jahren prägte er sich als Comedian in die Fernsehgeschichte ein; alsbald reüssierte er als Dramatiker und schrieb viele Drehbücher für Film wie Fernsehen; für jenes zu dem Hollywooderfolg „The Madness of King George“ (1994, nach einem eigenen Stück) war er für einen Oscar nominiert.

Die Texte dieses Buches, die auch an den feuilletonistisch süffisanten Ton der Wiener Kaffeehausliteraten um Peter Altenberg denken lassen, kennzeichnet ein soignierter Stil. Selbst wenn das Thema mal nicht so arg packend sein mag, bereitet das viel Vergnügen. Es wimmelt nur so von herrlichen Sentenzen. „Wenn man schon kein Gauleiter werden kann, ist Bibliothekar die zweitbeste Lösung.“

Die Bibliothek freilich war der Nährboden für den schon mit fünf Jahren lesefreudigen Alan. Bennetts Plädoyer – auch hierzulande wünscht man sich Politiker, die es beherzigen – gilt der fußläufigen Bücherei im Stadtteil, die für das Kind aus den beengten Verhältnissen einer Hochhauswohnung eben auch ein Rückzugsort sein kann. Mit der gut ausgestatteten Zentralbibliothek ist es nicht getan.

In den fünfziger Jahren, bedrückend zu lesen, war Homosexualität noch an Bücherregalen abzulesen, wenn sie nämlich mit Werken von Denton Welch, Forrest Reid oder Mary Renault bestückt waren, „Codebüchern“, in denen sich homosexuelle Untertöne andeuteten. Anderen gleich konnte sich Bennett damals nicht offen zu seiner Orientierung bekennen. In diesem Zusammenhang ist es zu sehen, wenn er die Homosexualität bitter als eine „Teufelsinsel, von der es kein Entrinnen gibt“, apostrophierte.

Die heutige Misere der Stand-up-Comedy, einst eine achtbare Unterhaltungskunst – Alan Bennett stellt gar einen Bezug zu Marcel Proust her –, liegt seinem plausiblen Befund nach darin, dass es nach dem Schwinden der Tabus keine unaussprechlichen Gedanken und Gefühle mehr gebe, mit denen sich spielen lasse. Was einen Fortschritt darstellt, wenngleich auch angesichts der gelegentlich plärrenden Grellheiten öffentlicher Bekenntnisse einen zwiespältigen.

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