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Ägypterinnen auf dem Tahrir-Platz, Februar 2011.
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Ägypterinnen auf dem Tahrir-Platz, Februar 2011.

Arabischer Frühling

Alaa al-Aswani: „Die Republik der Träumer“ – Die Achillesfersen der Revolution

  • VonAndrea Pollmeier
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Der Arabische Frühling in Ägypten und wie seine Energie zerrinnt: Alaa al-Aswanis analytischer und spannungsreicher Roman „Die Republik der Träumer“.

Mit kaum vorstellbarer Gewalt wurde vor zehn Jahren die Revolutionsbewegung in Ägypten niedergeschlagen. Der Traum vom Wandel, der damals die Demonstrierenden auf dem Tahrir-Platz angetrieben hat, scheint heute in weite Ferne gerückt. Strenge Sprachregelungen steuern in Ägypten inzwischen die Erinnerungen an diese Zeit. Das Bild wird verfälscht, sagt Alaa al-Aswani, einer der meist gelesenen Schriftsteller Ägyptens.

Als Mitgründer der Oppositionsbewegung „Kifaya“ hat der Autor und praktizierende Zahnarzt an der Revolution unmittelbar teilgenommen und gegen die Diktatur Hosni Mubaraks demonstriert. In seinem Roman „Die Republik der Träumer“, jetzt in der Übersetzung von Markus Lemke auf Deutsch erschienen, tritt er den zensurgesteuerten Narrativen entgegen und schildert seine eigene, fiktionalisierte Sicht auf die Ereignisse bis zur Niederschlagung der Revolution.

Alaa al-Aswani ging sicherheitshalber in die USA

Alaa al-Aswani ist damit der erste Autor seines Landes, der es gewagt hat, einen Roman über die traumatische Zeit zu veröffentlichen, in der – wie beispielsweise beim Maspero-Massaker im Oktober 2011 – Demonstrierende von Panzern durch die Straßen Kairos gejagt wurden. In Augenzeugenberichten, Briefen und Familienporträts werden diese Erlebnisse im Roman mit eindringlicher Intensität wachgerufen. Es entsteht ein multiperspektivisch angelegtes Zeitpanorama, das nah an die Lebensrealität der ägyptischen Gesellschaft von 2011 heranführt.

Nachdem der Roman 2018 auf Arabisch im Beiruter Verlag Dar al-Adab erschienen ist, unterliegt Aswanis Werk in Ägypten der Zensur. Der Autor, dessen Romandebüt „Der Jakubijân-Bau“ 2002 nicht nur in Ägypten, sondern weltweit mit Begeisterung aufgenommen worden ist, lebt heute aus Sicherheitsgründen in den USA.

In dem Revolutionsroman „Die Republik der Träumer“ lenkt ein allwissender Erzähler den Blick bis in die intimsten Lebensbereiche seiner Erzählfiguren und spiegelt – wie im „Jakubijân-Bau“ – mit allerlei amourösen Exkursen und strategisch genau platzierten Blickachsen die Machtverhältnisse der ägyptischen Gesellschaft des Jahres 2011 wider. So ist es kein Zufall, dass der Chef des Geheimdienstes, Generalmajor Ahmed Alwani, als erster porträtiert wird. Er ist die wichtigste Autorität im Machtapparat dieses im Roman beschriebenen Staates. Das diktatorische System bleibt, das macht der Text deutlich, auch nach dem Rücktritt des Präsidenten unbeschädigt.

Die Hoffnung der Revolutionäre und Revolutionärinnen, dass alle gesellschaftlichen Schichten draußen auf dem Tahrir-Platz „für einige Tage eine winzige unabhängige Republik“ bilden, die von der Diktatur befreit ist, bleibt Illusion. Im Innern wird mit dem Führer der Muslimbrüder bereits an einem Komplott gearbeitet, der das Überleben der Militärdiktatur sicherstellt.

Das Buch:

Alaa al-Aswani: Die Republik der Träumer. Roman. A. d. Arab. v. Markus Lemke. Hanser Verlag, München 2021. 464 S., 25 Euro.

Indem Alaa al-Aswani erzähltechnisch in abrupten Schnitten zwischen diesen politisch gegensätzlichen Handlungen hin und her wechselt, betont er die Parallelität der Vorgänge. Das systematische Zerrinnen der revolutionären Energie wird vor diesem Hintergrund zwar plastisch nachvollziehbar, erscheint jedoch nicht zwingend.

In der „Republik der Träumer“ von Alaa al-Aswani gilt es immer wieder, sich zu entscheiden

Immer wieder verweist Aswani in seinem Roman auch auf das revolutionäre Potenzial der Gesellschaft. Nachfahren früherer Revolutionäre kämpfen zum Teil unbeirrt, zum Teil dem Sog der Macht erliegend, für Veränderung. Selbst das Zusammenspiel von Familie, Religion und politischer Macht wirkt nicht absolut hermetisch. So ist Dania, die Tochter Alwanis, die nicht – wie in diesen Kreisen üblich – zum Studium an die Eliteuniversität Cambridge ins Ausland gegangen ist, sondern an der heimischen Universität in Kairo Medizin studiert, (so der Vater) durch die Nähe zum Volk auf Abwege geraten. Sie verliebt sich in einen Führer der Revolutionsbewegung und ist Zeugin, als dieser bei den Demonstrationen durch einen Kopfschuss hingerichtet wird.

Für einen Moment schwankt Dania, ob sie sich ihren Überzeugungen gemäß vor Gericht für die Bestrafung des Täters und für Gerechtigkeit einsetzen oder Solidarität mit der eigenen Familie zeigen soll. Sie folgt schließlich dem in der Gesellschaft tief verankerten Respekt vor der Familie und entscheidet sich, vor Gericht nicht als Zeugin auszusagen. Immer wieder beschreibt Aswani solche Momente, in denen Menschen ihr Verhalten verändern und damit den Fortgang der Revolution begünstigen oder schwächen.

„Die Republik der Träumer“: Analytisch und sinnlich

Zahlreichen Spuren geht Aswani nach und zeigt im innerägyptischen Kontext Achillesfersen auf, die der Revolution zum Verhängnis geworden sind. Trotz der analytischen Substruktur des Romans dominieren an der Oberfläche pralle Sinnlichkeit und spannungsreiche Dramaturgie. der Autor ist ein Meister darin, beginnende oder zerbrechende Liebesverhältnisse zu inszenieren und diese als Vehikel zu nutzen, um die korrupten Machtstrukturen in der Gesellschaft erkennbar zu machen.

Auch die Medien, die mit Desinformationskampagnen weit in die Bevölkerung hineinwirken, zeigt er als Teil dieses Systems. Anonym bleibende „Zeugen“ behaupten dort beispielsweise, dass die Revolution von ausländischen Geldgebern bezahlt worden sei. Im familiären und beruflichen Umfeld werden die Beteiligten nun des Verrats beschuldigt, die Bewegung verliert zunehmend an Unterstützung.

Dennoch ist die Revolution nicht gescheitert, erklärt Alaa al-Aswani im Gespräch mit dem Islamwissenschaftler Stefan Weidner im Sommer 2020. Denn die Ideen der „Republik der Träumer“ werden wie einst die Französische Revolution langfristig wirksam sein.

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