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Grabsteine mit Rundkreuzen (auch Keltenkreuz) auf dem Friedhof in Bantry, Irland.
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Grabsteine mit Rundkreuzen (auch Keltenkreuz) auf dem Friedhof in Bantry, Irland.

Máirtín Ó Cadhain

Soll er nicht doch mit dem Grabstein anfangen?

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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„Die Asche des Tages“, Máirtín Ó Cadhains skurriler Roman über einen Entschlusslosen.

Die englische Sprache hat ein beeindruckendes, angemessen kratziges Wort für das, was N. (durchweg nur „N.“) einen Roman lang treibt: procrastination. „Aufschieben“ ist dagegen ein Leichtgewicht in diesem Ringen mit dem oft so mächtigen inneren Schweinehund. Das Irische wiederum, in dem die prokrastinierende Romanfigur N. denkt und spricht, nennt das ungute Verschleppen von Erledigungen und Aufgaben laut Wörterbuch „moilleadóireacht“ (und fragen Sie mich nicht, wie man das ausspricht); aber keine Angst, die Skandinavistin und Keltologin Gabriele Haefs hat ins Deutsche übersetzt, was N. in „Die Asche des Tages“ so fatal umtreibt und schandhaft lähmt.

„Fuíoll Fuine“, 1970 erschienen, ist der letzte Roman Máirtín Ó Cadhains (1906–1970), der noch westlich der Stadt Galway in der so genannten Gaeltacht irischsprachig aufwuchs. Der Alfred Kröner Verlag und Gabriele Haefs haben sich schon um dessen „Grabgeflüster“ verdient gemacht, das fantastisch-skurrile Geschwätz und Gezänk von Toten, sozusagen von Grab zu Grab und Sarg zu Sarg.

N. nun müsste eigentlich dafür sorgen, dass seine frisch verstorbene Frau erstmal in einem Sarg und dann auf einem Friedhof landet, aber sich darum zu kümmern, das ist ihm Stunde und Stunde nicht möglich. Zuerst geht er arbeiten, redet sich ein, der Chef würde es ihm übelnehmen, käme er nicht. Dann läuft er durch Dublin, starrt betrübt in den Kanal, macht sich möglichst unsichtbar, schläft auf einer Bank ein. Im Kaufhaus wird ihm die Brieftasche gestohlen, die Polizei stellt ihm Fragen, die ihm Angst machen. Angst hat er auch vor den Schwägerinnen, die darauf warten, dass er wenigstens mal nach Hause kommt: Sie „würden ihm bei lebendigem Leibe die Haut abziehen und Strumpfbänder aus seinem Gedärm machen“, fürchtet der Zauderer.

Das Buch

Máirtín Ó Cadhain: Die Asche des Tages. Roman. Übers. v. Gabriele Haefs. Kröner, Stuttgart 2020. 156 S., 18 Euro.

Nicht, dass N. nicht ein paar bescheidene Anläufe in Richtung einer Beerdigung nehmen würde. Er trifft einen Kumpel in der Kneipe, der einen Bestattungsunternehmer kennt (oder nur so tut, als ob er einen kennt?), überlegt, ob die Kleinen Schwestern die Leiche womöglich sogar kostenlos herrichten würden. Und wo könnte der Whiskey fürs Leichenbesäufnis günstig zu bekommen sein? Zwei Flaschen oder mehr? Es ist Samstag, das könnte bedeuten, dass der ein oder andere übers Wochenende weggefahren ist und nicht mittrinken kann. Doch Moment: inzwischen ist es Abend, da ist sowieso nichts mehr zu machen, keiner mehr zu erreichen. N. übernachtet bei einer Hure, „Knutschi“. Stolpert dann weiter.

N. ist ein hoffnungsloser Fall. Einer, der sich die Dinge fantastisch zurechtbiegt, einen „Wohltäter“ imaginiert, eine Art Deus ex machina. Einer, in dessen Kopf es wirbelt, der sich für die Begegnung mit seinen Schwägerinnen die absurdesten Entschuldigungen ausdenkt, der einen Augenblick ganz euphorisch ist – dann lieber das Nachhausegehen doch noch ein wenig verschiebt. N. ist ein Philosoph, der Mond, der sich im Kanal spiegelt, ist ihm Anlass genug für intrikate Gedankengänge: schrumpft er (der Mond) oder dehnt er sich aus?

Jedes Argument dreht und wendet N., bis er einen Grund dafür hat, weiterhin durch die Stadt zu laufen, noch ein Stündchen im Park zu schlafen, denn kann man es einem Mann verbieten zu schlafen? – und die Sache mit seiner toten Frau hinauszuschieben. „Statt mit dem Rohmaterial anzufangen, dem Leichnam“, überlegt er, „sollte er vielleicht alles vom Ende her aufrollen, mit dem allerletzten Puzzleteil beginnen: mit dem Friedhof, mit dem Grab.“ Oder, besser noch, mit dem Grabstein?

Von den vor allem seelischen und gedanklichen Irrungen und Wirrungen des N. erzählt Máirtín Ó Cadhain in sich umeinander drehenden, gleichsam in den eigenen Schwanz beißenden Sätzen, in einer prallen, hinterlistig doppelbödigen, auch gern mal derben Sprache. Ein bisschen tut er einem schon auch leid, der entschlusslose Witwer. Aber seine Schwägerinnen hätten jeden Grund, aus seinem Gedärm Strumpfbänder zu machen.

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