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Ai Weiwei mit Fans bei der Kunstbiennale in Peking, 2009.
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Ai Weiwei mit Fans bei der Kunstbiennale in Peking, 2009.

Ai Weiwei

Ai Weiwei: „1000 Jahre Freud und Leid“ – Der Sinn des Ganzen

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Ai Weiweis Erinnerungen „1000 Jahre Freud und Leid“ sind ein großartiges Buch über das 20. Jahrhundert.

Ai Weiwei ist Künstler. Er kennt die Bedeutung von Proportionen. Also hat er sich nicht mit einer Autobiografie begnügt. Nicht aus Mangel an Selbstbewusstsein, sondern aus dem Wissen heraus, dass die eigene Rolle, auch die Epoche, in der er lebt, überdimensioniert erschienen wäre. So bedeutend seine künstlerische Rolle und sein Bewusstsein von ihr auch ist, so sorgt doch seine wache soziale Intelligenz dafür, dass er niemals den Überblick verliert.

Wissen konnte man das im Westen spätestens seit der Documenta von 2007. Der Künstler stellte nicht nur einen Holzturm auf, der bei der ersten Windbö zusammen krachte, sondern er lud auch im Rahmen seines Kunstprojektes „Fairytale“ 1001 Chinesen nach Kassel ein. Vorwiegend Menschen, die zum ersten Mal im westlichen Ausland waren. Inzwischen sah man – vor Corona – zehntausende Chinesen und Chinesinnen durch deutsche Innenstädte streifen. Damals aber waren Auslandsreisen einer streng kontrollierten Parteielite vorbehalten. Ai Weiwei schlug mit seiner Kunst ein Loch in die chinesische Mauer. Er verbreitete keine Doktrin, sondern gab Landsleuten eine Chance, sich selbst ein Bild zu machen. Mehr kann Kunst nicht.

Den Einsturz des Turmes sah ich 2007 als ein Symbol: Während die Eindrücke der 1001 chinesischen Gäste in ihren Köpfen gespeichert blieben, stürzte das Kunstobjekt ein. Heute könnte man auf die Idee kommen, Ai Weiweis Aktion sei von der Parteiführung ausgewertet worden und man sei zu dem Schluss gekommen, so überwältigend habe der Westen nicht gewirkt. Dem Loch in der Mauer werde keine Flucht oder gar ein Mauerfall folgen. Also genehmigte man immer mehr Auslandsreisen.

China hat sich in den vergangenen Jahren gewaltig geändert. Ai Weiwei wird in seinem Buch nicht müde, das zu beschreiben. Unentwegt bettet er seine persönliche Geschichte ein in die seines Landes. Als er in einem Dorf zwischen Peking und dem Flughafen ein Grundstück von einem halben Hektar Größe für 30 Jahre pachtet, rät ihm der Parteisekretär – „ein typischer Verwalter an der gesellschaftlichen Basis: gerissen, skrupellos, geschäftstüchtig“ – „kühner zu denken“. Ai Weiwei verstand nicht so recht, was der Mann damit meinte. Aber dann erklärt er es uns: „Bis in die 1980er Jahre existierte in China kein Immobilienmarkt. Während der Wirtschaftsreformen wurden Grundstücksverkäufe zur Haupteinnahmequelle für Stadtverwaltungen. In den zwanzig Jahren der Reformen, die 1978 begannen, stiegen die Einkünfte durch Grundstücksvermietungen um mehr als das Hundertfache.“

Das ist Ai Weiwei. Den Blick fürs Ganze und die Liebe zum Detail. Als ich das las, erinnerte ich mich, wie mir 2009 der Chef eines großen Pekinger Verlages von seinem Hochhaus aus Peking zeigte und erklärte, das Geld, das der Verlag mit den Millionenauflagen seiner Bücher generiere, seien Peanuts im Vergleich zu dem, was ihm sein Immobilienbesitz einbringe.

Damals sprach ich auch mit Ai Weiwei. Als ich ihn fragte, wie lange das Regime sich noch halten würde, antwortete er mir: fünf Jahre. Dann lachte er und sagte: Das habe er vor fünf Jahren auch schon gesagt. Wie unterentwickelt meine Liebe zum Detail ist, sehe ich jetzt daran, dass ich mir nicht mehr sicher bin, ob er wirklich fünf Jahre sagte.

Ai Weiwei dagegen liebt die Präzision. Wenn er erzählt, wie sein Vater, der berühmte Schriftsteller Ai Qing, in der Verbannung zum Latrinendienst gezwungen wurde, dann zählt er die Werkzeuge auf, die der sich beschaffte: „einen Spaten mit gerader Kante, eine langstielige Kelle aus Eisen und eine Bohrstange aus Stahl, ein wenig dicker als der Daumen eines Mannes. Dieses letzte Werkzeug war in den Wintermonaten besonders wichtig, wenn die Fäkalien zu Eisblöcken gefroren.“

Das Buch

Ai Weiwei: 1000 Jahre Freud und Leid. Erinnerungen. A. d. Engl. v. Norbert Juraschitz/Elke Link. Penguin, München 2021. 565 S., 38 Euro.

Dieser Liste folgt eine Schilderung der Arbeit des Vaters: „Bevor Vater anfing, sich einer Latrine zu widmen, zündete er sich immer eine Zigarette an und begutachtete die Arbeit, als bewundere er eine Skulptur von Rodin.“ Das ist – glaube ich – nicht ganz richtig: Der Vater blickte auf die Latrine wie Rodin auf einen Marmorblock und überlegte, wie ihr beizukommen war. Der folgende Absatz macht das deutlich: „Im Winter, wenn sich Vater mit der Bohrstange an die Arbeit machte, hätte man meinen können, sein Werkzeug lasse lediglich Eissplitter abspritzen, die sein Gesicht und Kleider trafen. Aber am Ende wurde seine Ausdauer belohnt: Durch das kontinuierliche Fallenlassen meißelte er am Fuß der (Fäkalien-) Säule eine tiefe Rille, sodass der Fäkalienberg umkippte. Dann konnte er zum letzten Schritt übergehen: die gefrorenen Fäkalien in handliche Stücke zerkleinern und sie eins nach dem anderen aus der Latrine befördern.“

Wem das zu exotisch vorkommt, der sei an den österreichischen Künstler Cornelius Kolig erinnert, der in seinem Garten eine glänzende Großskulptur aufgestellt hat. Es ist der in Jahrhunderten versteinerte Inhalt der Latrine eines katholischen Pfarrhauses, die er aushob, vergoldete und so zum Kunstwerk erhob.

Zurück zu Ai Weiweis großartigem Buch. Und seinem Sinn fürs Ganze. Das Buch ist eine Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert, ja der Welt. Das gelingt ihm, weil er schon von den Großeltern und dann sehr ausführlich von seinen Eltern und seinem Vater Ai Qing (1910-1996) erzählt. Der schreibt nach der Eroberung von Paris durch die Deutschen ein „Requiem für Paris“. Ai Qing hatte in Paris gelebt. Er hatte dort eine Freundin gehabt, eine Polin, eine polnische Jüdin, die später umgebracht wurde. Mit einem Male schließen verschiedene Geschichtserzählungen zusammen.

Der Weltkrieg wird wirklich einer. Er wird jetzt auch in der Erinnerung, was er von Anfang an war. Ende 1941 war Ai Qing in Yan’an, dem Zufluchtsort der Kommunisten. Er hatte dort Kontakt zu Mao Zedong und schrieb das Gedicht „Epoche“. Er setzt sich unerklärlichem Hass, schreibt er, und fatalen Schlägen aus, weil er sich „aus dem Graben der Zeit herausziehen will“. Es endet mit den Zeilen: „Ich liebe diese herrliche Epoche wie nichts davor,/ für ihre Ankunft gäbe ich freudig mein Leben,/ bezahlte mit meinem Leib, ja sogar mit meiner Seele./ Vor ihr erscheine ich gering;/ ich möchte mich auf den Rücken werfen,/ damit ihre Hufe über meine Brust trampeln.“ Ernst Bloch arbeitete damals am „Prinzip Hoffnung“, Robert Oppenheimer an der Atombombe.

Um die Welt, um die Menschen zu verstehen, braucht man die Erinnerung. Was ist und wie man ist, erschließt sich erst wenn man weiß, wie alles wurde.

Ai Qing hatte Paris, Ai Weiwei hatte New York gesehen. Erlebnisse, die beide untauglich gemacht hatten, gute Bürger eines sozialistischen Chinas zu machen. Sie waren nicht angewiesen auf „den Traum von einer Sache“. Sie kannten andere Wirklichkeiten. Eine Gelegenheit, die Ai Weiwei den 1001 nach Kassel reisenden lebenden Kunstobjekten, die ja nie aufhörten auch Subjekte zu sein, verschaffte. Dabei zu helfen, aus Objekten Subjekte zu machen, ist das nicht das, wozu Kunst da ist?

Die Kommunistische Partei und ihr Umgang mit seinem Vater hat Ai Weiweis Blick auf die Welt geprägt. Allerdings ganz anders, als sie sich das dachte: „Die Entfremdung und Feindseligkeit, denen wir von den Menschen um uns begegneten, ließen in mir ein klares Bewusstsein entstehen, wer ich war, und prägten mein Urteil darüber, wie gesellschaftliche Stellungen definiert werden.“ Vom Rande her oder gar von außen ist eine Gesellschaft besser zu begreifen als in ihrer Mitte.

2005 begann Ai Weiwei seinen ersten Blog mit den Worten: „Um sich zu äußern, braucht man einen Grund, aber sich zu äußern ist der Grund.“

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