Grippeopfer der Spanischen Grippe liegen im Jahr 1918 in einem Notkrankenhaus in Fort Riley, Kansas.
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Grippeopfer der Spanischen Grippe liegen im Jahr 1918 in einem Notkrankenhaus in Fort Riley, Kansas.

Sachbuch

Ahnungslosigkeit

  • vonHans-Jürgen Linke
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Wilfried Wittes Buch über die Spanische Grippe ist keine düstere Bestandsaufnahme, sondern Tatsachen. Von Hans-Jürgen Linke

Die Pandemie wird kommen, und keine Panik wird sie verhindern. Auch keine pharmazeutische Maßnahme wird die Pandemie verhindern können, wenn etwa die einschlägigen Mittel schon Jahre lang aus Angst vor der Pandemie massenhaft eingenommen worden und daher bis zu deren Ausbruch wirkungslos geworden sind. Was aber ist eine Pandemie?

Die verheerendste Pandemie der bekannten Geschichte war offenbar die Pest, die seit dem 13. Jahrhundert in mehreren Wellen die Welt entvölkerte. Seither bilden Pestgeschichten und Rattenangst einen unauflöslichen Bodensatz im kollektiven Unbewussten Europas. Merkwürdig ist, dass die Pandemie der Spanischen Grippe nicht ähnliche Folgen hatte, denn ihre Wirkung in Europa, Asien und Afrika war ähnlich verheerend. Nur fiel sie mit dem Ende des Ersten Weltkriegs zusammen und bildete also mit der Not der Nachkriegszeit eine Gemengelage, die möglicherweise eine nachhaltigere Mythenbildung verhinderte.

Die Medizingeschichte sieht die Sache viel klarer, aber ihre Ergebnisse haben kaum Eingang ins öffentliche Bewusstsein gefunden. So liefert der Medizinhistoriker Wilfried Witte auch keine düstere Bestandsaufnahme virulenter Erzählungen, sondern Tatsachen - gemischt mit knappen Spekulationen sowie klaren Kommentaren und Einschätzungen. Man erfährt, wie, wie weit und wie oft sich die Grippe ausbreitete, welche Ereignisse als Vorgeschichte rekonstruierbar waren, was mit dem Kopf, der Lunge und dem Rest der Erkrankten passierte, wie hoch in welchen Weltregionen die Überlebensaussichten waren und welche Merkmale zum Beispiel im Zusammenleben von Tieren und Menschen die Virenmutationen, die zum Ausbruch der Pandemie führte, begünstigen.

Auch wirft man eindrucksvolle Blicke auf das viel zu langsame und auch unter dem Druck der Pandemie kaum beschleunigte Verschwinden der Ahnungslosigkeit von Medizin, Pharmazie und Seuchenforschung: So sieht nun mal der Fortschritt aus. Die Prognose aber, dass die seit langem alarmistisch an die Wand gemalte Pandemie der so genannten Vogelgrippe kommen wird, dürfte weniger eine Spekulation sein als eine halbwegs gesicherte Aussage.

Es ist allerdings nicht gesagt, dass sie ähnlich verheerend ausfallen wird wie die so genannte Spanische Grippe des frühen 20. Jahrhunderts: Wer weiß, welche Mutationen das Virus vorher durchmacht. Und vielleicht ist eine Pandemie längst im Gang, die noch niemand bemerkt hat.

Wilfried Witte: Tollkirschen und Quarantäne. Die Geschichte der Spanischen Grippe. Wagenbach Verlag, Berlin 2008, 126 Seiten, 16,90 Euro.

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