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Afghanische Autorin Batool Haidari: „Ich war erstaunt darüber, wie schnell sich das Land kulturell entwickelte“

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Von: Judith von Sternburg

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Mädchenschule in Kabul, 2002.
Mädchenschule in Kabul, 2002. © imago/Rainer Unkel Lächelndes Mädchen mit Kopftuch - Unterricht in einer Mädchenschule in Kabul, Personen , optimistisch; 2002, Afghanistan, Kabul, Städte, Land, Leute, Einheimischer, Einheimische, Afghane, Afghanen, Afghanin, Schleier, verschleierte, verschleiert, Araberin, Araber, Moslem, Moslems, Muslime, Muslim, Muslimin, Kopftuch, Kopftücher, Kind, Kinder, Mädchen, Lehrerin, Lehrer, Klasse, Klassen, Schulklasse, Schulklassen, Klassenzimmer, Klassenraum, Klassenräume, melden, meldend, meldet, Schulunterricht, lächeln, lächelnd, lächelt; , hoch, Kbdig, Einzelbild, , Schule, Bildung, Reisen, Asien / Kopfbedeckung, Kopfbedeckungen, Outfit, Bekleidung

Die afghanische Autorin und Psychologin Batool Haidari, zu Beginn der Messewoche in Frankfurt zu Gast, spricht über das Ende eines Aufbruchs, ihre Flucht vor den Taliban und die düstere Lage der Frauen

Frau Haidari, bei dem Projekt „Untold – Weiter Schreiben Afghanistan“ stehen Sie im Briefkontakt mit der deutschen Autorin Marica Bodrozic. Sie haben erklärt, dass Sie das „gerettet“ habe, als Sie noch in Afghanistan waren. Wie meinen Sie das?

In einer Zeit, in der ich wirklich in eine psychische Krise geraten war und dachte, dass jetzt alles vorbei ist, war das Briefeschreiben wie eine kleine Luke der Hoffnung. Mein Land ging unter, die Menschen waren auf der Flucht, alle Banken waren geschlossen worden und die schlimmsten Terroristen mit furchterregenden Gesichtern waren dabei, die Städte einzunehmen. Wer die Städte nicht verlassen konnte, versteckte sich zu Hause. Ich war am Ende, ich war ja selbst auf der Flucht. Und dann kam plötzlich ihr Brief. Ich saß in einem Taxi, in sehr schlechtem Zustand, und war dabei, das Land zu verlassen. In diesem Taxi las ich im schwachen Licht meines Handys Maricas Brief, und am Ende dieses Briefes hatte ich ein Lächeln auf den Lippen.

Wie sah Ihr Leben als Psychologin, Frauenrechtlerin und Autorin vor dem Fall Kabuls aus?

Vor dem Sturz Kabuls habe ich an der Universität gelehrt. Ich hatte eine angesehene Stellung, nahm regelmäßig als Expertin an Fernsehsendungen teil und wurde von Ashraf Ghanis Ehefrau zu Beratungstreffen eingeladen, die damals im Büro der First Lady der Republik stattfanden. Das alles bestärkte mich darin, trotz der Schwierigkeiten, mit denen ich als Frau dabei konfrontiert war, unbedingt weiter an meiner Dissertation zu arbeiten. Und die Institutionen und Organisationen, die sich im Sinne der Frauen engagierten, waren äußerst aktiv. Die Frauen haben sich zusammengetan und arbeiteten der schwierigen Umstände zum Trotz gemeinsam an einer besseren Zukunft.

Was gab es für Veröffentlichungsmöglichkeiten?

Ich konnte meine Texte damals zur Publikation an jede Zeitung und jeden Verlag schicken. Mein letztes Buch, eine längere Erzählung mit dem Titel „Sargom“ („Verschwunden“) über das Verschwinden eines Mädchens, wurde in Kabul binnen zwei Wochen zu einem Bestseller.

Hatten Sie den Eindruck, es könnte eine liberalere Gesellschaft entstehen?

Wir haben alle hoffnungsvoll in die Zukunft geschaut. Es gab einen Dialog zwischen allen möglichen Sichtweisen, und in Kabul konnten die Frauen tragen, was sie wollten, wenn sie sich durch die Stadt bewegten. Es gab eine Flut an künstlerischen Aktivitäten und Musikveranstaltungen. Niemand hätte gedacht, dass unter diesen Entwicklungen und Aktivitäten, die wir ja alle sahen, im Verborgenen auch Hände am Werk waren, die das Land umstürzen wollten und die eine Rückkehr der Taliban über lange Zeit vorbereitet haben.

Hatten Sie die Geschwindigkeit dieser Entwicklung nach dem Rückzug der Alliierten erwartet?

Ich hätte nicht mit einem so rasanten Untergang des Landes gerechnet. Manchmal war ich erstaunt darüber, wie schnell sich Afghanistan kulturell entwickelte, wie groß das Interesse der Menschen daran war, ihre Kinder auf die Universität schicken zu können. Es wäre mir niemals in den Sinn gekommen, dass jemand planen könnte, die ganze Entwicklung des letzten Jahrzehnts zunichte zu machen. Und mir war nicht klar, dass die USA und die Nato schon seit Jahren planten, das Land wieder den Taliban zu überlassen.

Wie muss man sich Ihre persönliche Flucht vorstellen, wie lief das praktisch ab?

Als die Taliban zurückkamen, war ich wegen eines Patienten gerade in Kandahar und dort in einem Gästehaus untergebracht. Der Inhaber des Gästehauses sagte mir, du musst von hier verschwinden, die Taliban haben die Stadt eingenommen und wenn sie sehen, dass du eine Frau bist und worüber du forschst, töten sie dich. Kurz darauf kam er schon wieder und erklärte, ich müsse sofort über das Dach verschwinden. Einige Taliban wollten hier im Gästehaus unterkommen und seien schon auf dem Weg. Ich habe sofort nach meiner kleinen Handtasche gegriffen, den obligatorischen Tschador übergezogen und bin aufs Dach rauf. Oben merkte ich, dass außer mir noch zwei Generäle der Streitkräfte auf dem Dach waren. Sie waren außer sich vor Angst, sie gehörten ja der Ära der Republik Afghanistan an. Mit Mühe und Not habe ich es vom Dach in eine Gasse geschafft und von dort aus auf die Hauptstraße. Mit der Hilfe eines meiner Patienten konnte ich ein Taxi auftreiben, das mich nach Herat in der Nähe zur iranischen Grenze bringen sollte. Da ich als Studentin im Iran eingeschrieben war, hatte ich ein Studentenvisum und konnte pendeln. Den ganzen Weg über musste ich daran denken, dass ich meinen Laptop und meine Forschungsergebnisse und Notizen zurückgelassen hatte. Als ich in Isfahan ankam, glaubten viele meiner Freunde, die noch im Land waren, immer noch nicht an den vollständigen Fall Afghanistans. Sie waren sich sicher, dass die USA einschreiten würden.

Habe ich es richtig verstanden, dass Sie noch einmal zurückgekehrt sind, um Ihre Forschungsarbeiten zu holen?

Mein Doktorvater riet mir angesichts der Situation, das Thema meiner Arbeit zu verändern und im Iran noch einmal zu einem neuen Thema zu forschen. Aber ich konnte nicht all die Arbeit unabgeschlossen lassen. Und so fasste ich den Entschluss, zurückzukehren, nur dieses Mal zusammen mit meinen drei Kindern. Ich wandte mich an das Konsulat der Islamischen Republik Iran, das für Studentenvisa zuständig ist, und fragte nach, ob ich meinen Aufenthalt im Land verlängern könne. Sobald dein Studium abgeschlossen ist, musst du gehen, sagte man mir. Ich war am Boden zerstört. Ich war es so leid, etwas aufzubauen und dann wieder vertrieben zu werden. Ich wollte nicht, dass meine Kinder dasselbe erleben müssen wie ich, ich musste diese Geschichte des „Ohne-Ort-Seins“ beenden. Bevor ich nach Afghanistan kam, habe ich bereits als Flüchtling in Syrien gelebt. Als ich also hörte, dass es wieder Flüge aus Afghanistan in andere Länder gab, habe ich mich entschieden zurückzukehren, meine Dokumente und meinen Laptop zu holen, mit meinen Kindern einen Weg aus Afghanistan heraus zu finden und die Zukunft meiner beiden kleinen Töchter und meines Sohnes zu retten. So kam es, dass ich in den ersten Herbsttagen noch einmal nach Afghanistan reiste. Ich bat den Inhaber des Gästehauses – ein Freund meines Ehemannes –, meine Sachen jemandem mitzugeben, der von Kandahar nach Kabul reiste, und er willigte ein.

Zur Person

Batool Haidari wurde in Afghanistan geboren, sie lebte einige Zeit in Syrien und im Iran, bevor sie in ihre Heimat zurückkehrte. Sie ist Autorin und Therapeutin und war als Psychologin an der Universität Kabul tätig. Nach ihrer Flucht schreibt sie weiter an ihrer Doktorarbeit über Pädophilie und engagiert sich wie schon in Afghanistan für die LGBTQ-Community und die Rechte von Frauen im Land. Sie veröffentlicht literarische Texte auf Dari, Englisch und Deutsch. 2021 floh sie vor den Taliban und lebt heute mit ihrer Familie in Rom.

Untold – Weiter Schreiben Afghanistan ist eine Initiative der KfW Stiftung in Kooperation mit der Londoner Initiative „Untold – Write Afghanistan“ und der Berliner Plattform „Weiter Schreiben“: In literarischen Korrespondenzen begegnen sich afghanische und deutschsprachige Autorinnen.

In Frankfurt stellen sich am Montag, 17. Oktober, „Neue Stimmen afghanischer Schriftstellerinnen“ mit Lesungen und Gesprächen vor, darunter Batool Haidari. Villa 102, Bockenheimer Landstraße 102, um 19 Uhr. Um Anmeldung wird gebeten – kfw-stiftung.de/

Sie sind dann zunächst geblieben, um Proteste mitzuorganisieren. Was für Protest war zu diesem Zeitpunkt noch möglich?

Ich bin zwei Monate in Kabul geblieben. Was habe ich für einen Fehler gemacht, habe ich oft gedacht. Denn die Lage verschlechterte sich immer mehr. Die Schulen waren schon bald dauerhaft für Mädchen geschlossen. Die Taliban begannen, junge Männer für den Krieg an der Front in Pandschschir zu rekrutieren, auch wirtschaftlich war die Lage äußerst schlecht. Lehrerinnen und Universitätsprofessorinnen durften ihren Beruf nicht länger ausüben. Und die täglichen Zwangsverheiratungen 13-jähriger Mädchen und die Proteste der Frauen gegen diese Zustände machten das Leben immer anstrengender. In den Monaten, die ich in Kabul war, beteiligte ich mich an den Protesten der Frauen und Mädchen, ich und fünf andere Frauen schlossen uns zu einer Art Think Tank zusammen, um uns zu organisieren; ich habe die jungen Frauen und Mädchen zu Veranstaltungen begleitet und mit den Medien gesprochen.

Gibt es aktuell noch Protestaktionen? Was wissen Sie über die Situation von Frauen im Land?

Leider haben die Frauen in Afghanistan keinerlei Unterstützung erfahren. Ihre Lage könnte nicht düsterer sein. Niemand schert sich um die Frauen, und die Situation verschlechtert sich von Tag zu Tag.

Sie setzen sich für die LGBTQ-Gemeinschaft ein, deren Situation jetzt besonders verzweifelt sein muss. Was können Sie darüber sagen?

Ich habe einigen Personen aus der LGBTQ-Community dabei geholfen, Afghanistan zu verlassen. Sie brauchten einen Nachweis darüber, dass sie transgender sind, den ich ihnen ausgestellt habe, damit sie von ausländischen Institutionen und Organisationen unterstützt werden. Ich stehe bis heute mit ihnen in Kontakt. Einige von ihnen sind im Land geblieben. Interessant ist, dass beide Gruppen – sowohl die, die im Land geblieben sind als auch die, die es ins Ausland geschafft haben – sich in einem Zustand der Verzweiflung befinden. Viele würden sich Operationen unterziehen, zögern aber, da das bedeuten würde, dass sie nie wieder nach Afghanistan zurückkehren können und ihre Familien nie wieder sehen werden. Ich führe mit beiden Gruppen regelmäßig Beratungsgespräche.

Ist inzwischen Ihre ganze Familie in Sicherheit?

Meine Kinder und mein Ehemann sind hier bei mir in Italien, und wir werden derzeit durch die Organisation FCEI (Federazione delle Chiese Evangeliche in Italia) unterstützt. Maria Grazia Mazzola, eine Journalistin, die mir bei der Ausreise aus Afghanistan geholfen hatte, hat den Kontakt zu dieser Organisation hergestellt. Aber ein Teil meiner Verwandtschaft ist immer noch in Afghanistan und lebt dort unter wirtschaftlich und sicherheitstechnisch sehr schlechten Bedingungen. Einige wenige von ihnen haben es auch in den Iran geschafft.

Wie wird es in Afghanistan in, sagen wir: zehn Jahren aussehen?

Darüber kann ich keine Voraussagen treffen, denn die Zukunft des Landes ist ungewiss. Die Rückkehr der Taliban hat all die Zeit und Energie, die zum Aufbau des Landes aufgewendet wurden, zunichte gemacht, und die Menschen, die ausgebildet wurden – die menschlichen Ressourcen –, haben das Land verlassen. Wieder aufzustehen und alles noch einmal aufzubauen, das ist schwer. Wie häufig kann ein Knie gebrochen werden, wieder heilen, wieder stehen, und dann wieder gebrochen werden und wieder stehen? Es ist schwer.

Batool Haidari. Foto: Juliette Moarbes
Batool Haidari. © Juliette Moarbes

Können Sie sich eine Rückkehr vorstellen?

Ich stelle mir ständig meine Rückkehr nach Afghanistan vor.

Woran arbeiten Sie derzeit?

Gerade arbeite ich an einem Kurzgeschichtenband. Außerdem möchte ich einen Auszug aus meiner Dissertation als Artikel in einem der internationalen wissenschaftlichen Journale publizieren und das letzte Kapitel meiner Dissertation fertigstellen. Das Abschließen dieser Dissertation und ihre Verteidigung ist gerade mein wichtigstes Vorhaben.

Was bedeutet es für Sie, jenseits der Heimat in Ihrer Muttersprache zu schreiben?

In meiner Muttersprache zu schreiben, obwohl ich so weit von Afghanistan entfernt bin, bedeutet für mich, dass ich immer noch da bin, dass ich immer noch atmen und auf eine Rückkehr und ein lichtdurchflutetes Morgen hoffen kann.

Interview: Judith von Sternburg

(Die Übersetzung von Batool Haidaris Antworten aus dem afghanischen Persisch übernahm Sarah Rauchfuß)

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