Von ätzender Eleganz

António Lobo Antunes' Briefe an seine Frau

Von THOMAS LAUX

Die Briefe, die António Lobo Antunes Anfang der 1970er Jahre inmitten des angolanischen Befreiungskampfes an seine Frau Maria José schrieb, sind ein existenzielles, schmerzliches Dokument der Sehnsucht, ein Hin und Her aus Geduld und Resignation. Zwei Jahre lang war der damals angehende Schriftsteller in Angola als Militärarzt stationiert, eine schier unglaubliche Flut von Briefen gelangte in Form portofreier Aerogramme von seinem jeweiligen Stützpunkt aus nach Lissabon.

Im Januar 1971 traf Lobo Antunes in Luanda ein und begann sogleich, Briefe nach Hause zu schreiben. Bereits nach wenigen Tagen zählte ein zunehmend zerknirscht wirkender António die Tage bis zu seinem ersten Urlaub - sieben Monate später. Das alles hatte für ihn, wie es scheint, mehr etwas von einer persönlichen Kränkung, einer himmelschreienden Ungerechtigkeit.

Die jetzt auf Deutsch erschienenen Briefe waren für eine Veröffentlichung im Grunde nicht vorgesehen, und das merkt man ihnen auch an. Lobo Antunes' Töchter haben sich nach dem Tod ihrer Mutter dennoch dazu entschlossen. In der vorliegenden deutschsprachigen Ausgabe erscheint das Buch ästhetisch sehr ansprechend, u.a. schmückt es eine ganze Reihe privater Fotos. Womit in gewisser Weise auch schon ein Problem angesprochen ist: Vieles hier wirkt nicht nur privat, sondern auch sehr intim, und die unendlichen, sicherlich aus der Sehnsucht gespeisten, nichtsdestoweniger redundanten Liebesbezeugungen von António an Maria José sind grundsätzlich nicht für andere Ohren (oder Augen) bestimmt; etwas grundsätzlich Peinliches, lässt sich kaum verschweigen.

Lobo Antunes schreibt an einer Stelle, dass es ihm nicht erlaubt gewesen sei, detailliert über diesen Krieg zu berichten, obschon gerade dieser Krieg ihm für vieles die Augen geöffnet habe. Natürlich redet er hier nicht von Zensur, es ist eher wahrscheinlich, dass er seine - zu diesem Zeitpunkt schwangere - Frau einfach nicht mit dem ganzen militärischen Zeug irritieren wollte. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass von dem oft zitierten Schrecken, den Kriegsgräueln hier nicht allzuviel zu erfahren ist. Vielmehr zeichnet die Briefe, wenn man von den erwähnten, hochprivaten Einlassungen absieht, vornehmlich eine "drôle de guerre"-Atmosphäre aus: Alles subsumiert sich in der Schilderung eines grenzenlos in die Länge gezogenen und absurden Wartemoments (sinnigerweise nennt er sich selbst einmal "Wladimir", in Anspielung auf Becketts "Warten auf Godot"). Sicherlich hat Lobo Antunes in seinem, wie er verbittert anmerkt, "üblichen Pandämonium", hin und wieder auch Kriegsverletzte zu verarzten, worüber er auch (allerdings kurz) berichtet. Fast trotzig kündigt er an, "später" über gewisse Dinge berichten zu wollen.

Besonders die erste Hälfte dieses 500 Seiten starken Buches birgt, wenn man von den beklagenswerten persönlichen Befindlichkeitsmomenten absieht, nicht viel Aufregendes. Interessant wird es, als Lobo Antunes verkündet, an seinem ersten Roman zu schreiben. Da kommt Bewegung in die Sache, man spürt: Er ist motiviert, man kann die konkreten produktionsästhetischen Bedingungen - etwa, wenn er über Fortschreiten und Verzögerung, über Zuversicht und Verzagen redet - besser einschätzen. Ein wenig gewinnt man das Gefühl, beim Zustandekommen des Romans selbst dabei zu sein. Lobo Antunes zeigt sich mit seinen knapp 30 Jahren und angesichts der Qualität seiner eigenen Arbeit bereits erstaunlich selbstsicher, meint, er sei "zu einem Schriftsteller von unvergleichlich ätzender Eleganz geworden" und glaubt, " ein Meisterwerk in der Hand zu halten".

Der Mann hat allerdings sein Thema gefunden, er will "Portugal minuziös, erbarmungslos porträtieren" und träumt - nicht eben bescheiden für jemanden, der noch keinen Roman publiziert hat - sogar davon, dereinst den Nobelpreis zu erhalten. Seiner Frau, die in Portugal gerade die erste gemeinsame Tochter zur Welt bringt, schickt er Passagen seines Konvoluts und erwartet von ihr eine kritische Würdigung. Diese findet allerdings nicht statt, woraus sich mancherlei Spannung ergibt.

Lobo Antunes kann in dieser Zeit zumindest eine Menge schreiben und lesen. Seine Lektüren verraten einiges über literarische Vorlieben (Updike, Faulkner, Tolstoi), aber auch über Abneigung und Enttäuschung (Camus' "Die Pest"). Dann überrascht er mit einer eigenen Literaturkonzeption. An einer Stelle heißt es programmatisch: "Ich bin immer mehr der Meinung, dass Literatur ein Festival der Worte, eine panische Feier (im griechischen Sinne), ein heidnisches Fest sein sollte und die Figuren einfache Stimmen, die singend oder wispernd durch die Seiten gleiten." Diese Polyphonie ist genau das, was Lobo Antunes konsequent in seinem Werk umgesetzt hat, zum Teil auch ohne Rücksicht auf jedwede Publikumsdisponiertheit, wofür Teile der Kritik ihn wiederum gefeiert haben.

Die Briefe enden nach zwei Jahren im Januar 1973, es folgt die so lang herbeigesehnte Rückkehr nach Hause. Sollte wegen seiner Abwesenheit die Liebe am Ende gescheitert sein? Nach der Nelkenrevolution im April 1974 wird Lobo Antunes sich von der einst angebeteten Maria José, der er in den Briefen noch glühend seine ewige Liebe geschworen hatte, scheiden lassen.

António Lobo

Antunes: Leben, auf

Papier geschrieben. Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann. Luchterhand Literaturverlag 2007, 527

Seiten, 24,95 Euro.

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