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Die Ästhetik der Liste

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Die Abschaffung jeder Form von Hierarchie: Im Oktober 1974 setzt sich Georges Perec an drei aufeinanderfolgenden Tagen an die Pariser Place Sulpice und notiert, was ihm auffällt.

Im Oktober 1974 setzt sich Georges Perec an drei aufeinanderfolgenden Tagen an die Pariser Place Sulpice und notiert, was ihm auffällt. Also das Unauffällige. Dem allein gilt Perecs Interesse. Womit schon deutlich wird, dass das nicht wirklich eine Kategorie, sondern nichts als Ansichtssache ist. Perec verwendet objektivierende Verfahren. Zum Beispiel notiert er sich nicht nur die Ankünfte und Abfahrten der verschiedenen Buslinien. Er versucht auch das, was in anderen Texten für die Erzeugung von Stimmung sorgt, durch Aufzählung und Kategorisierung zu entsubjektivieren.

Er beschreibt nicht, wie jemand sich auf ein Taxi stürzt, sondern er erstellt einen Katalog von Bewegungen, in dem das Sich-auf-ein-Taxi-stürzen neben anderen vorkommt. Der Text gehorcht der Ästhetik der Liste. Dadurch entfällt nicht nur der subjektive Faktor, auch jede Form von Hierarchie wird abgeschafft. Man bekommt eine Ahnung vom unauflöslichen Zusammenhang von Innenleben und Gesellschaft. awi

Georges Perec: Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel.Libelle, Lengwil 2010, 60 Seiten, 12,80 Euro.

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