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Adania Shibli: „Eine Nebensache“ – Das Geheul eines Hundes

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Von: Cornelia Geißler

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Adania Shibli.
Adania Shibli. Foto: Hartwig Klappert © Hartwig Klappert

Der Roman „Eine Nebensache“ der palästinensischen Schriftstellerin Adania Shibli erzählt kunstvoll und beziehungsreich von einem Mord im Jahr 1949.

Israel ist gerade ein Jahr alt. Eine Gruppe Soldaten wird beauftragt, den Südwesten der Negev-Wüste zu bewachen. Sie sollen, so erklärt es der Befehlshaber in dem Buch von Adania Shibli, das Gebiet „durchkämmen und von etwaig verbliebenen Arabern säubern“. Nach einer solchen „Säuberung“ wird ein Mädchen von den Soldaten zu ihrem Stützpunkt verschleppt, gequält, vergewaltigt, getötet. Im zweiten Teil des Buches liest eine junge Frau in Ramallah einen Bericht über jenen „Vorfall“. Ein Detail fällt ihr auf: Jener Mord geschah genau 25 Jahre vor ihrer Geburt, am 13. August 1949.

„Eine Nebensache“ heißt der kurze Roman, der eine unerwartete Kraft entfaltet. Auf die rohe Gewalt im Einzelfall folgt der Einblick in von Polizei- und Militärgewalt geregelte Lebensbedingungen für eine Allgemeinheit. Dabei handelt es sich bei dem ersten Teil um die zurückhaltende, fast sachliche Schilderung der Tage und Stunden, die dem Mord an dem Mädchen vorausgegangen sind, aus der Perspektive des Befehlshabers.

Die subjektive Erzählung der Frau im zweiten Teil, die Genaueres über jene Tat wissen möchte und sich auf Recherche begibt, umfasst einen etwas längeren Zeitraum mehr als fünfzig Jahre später. Ihre Perspektive hat durch das beharrliche Gefühl, unter Beobachtung zu stehen, eine hohe Spannung. Lenkt im ersten Teil das Befinden des Offiziers fast von der Brutalität des Vorgangs ab – der Mann leidet zunehmend unter den Folgen eines Insektenbisses -, erweist sich im zweiten vor allem die palästinensische Herkunft der Frau als formales Hindernis bei ihrem Vorhaben.

Die zentralen Figuren – der namenlose Mann „er“ und das ebenfalls ohne Namen bezeichnete Ich – könnten unterschiedlicher kaum sein, doch Adania Shibli führt sie durch ihre Art des Erzählens eng zusammen.

Wie es im Krieg zugeht

Der informative Text auf der Rückseite des schmalen Bandes führt bereits auf den Kern, den man eine Ungeheuerlichkeit nennen würde. In Zeiten eines Krieges, das erfahren wir gerade wieder, ist es furchtbarerweise normal, dass Menschen erschossen werden, dass Frauen Beute sind. Der Roman selbst ist nicht deshalb besonders, weil er von dem Ereignis erzählt, das später von der jungen Palästinenserin in der Zeitung gefunden wird. Die Kunst der Autorin besteht darin, wie sie die beiden Teile koppelt. Ihre Komposition und die sprachliche Durchdringung der Situationen fesseln die Gedanken.

Das Buch

Adania Shibli: Eine Nebensache. Roman. A. d. Arab. v. Günther Orth. Berenberg, Berlin 2022. 120 Seiten, 22 Euro.

Shibli wurde 1974 in den Palästinensergebieten geboren, also in demselben Jahr wie ihre Erzählerin-Figur. Sie ist promovierte Medien- und Kulturwissenschaftlerin, hat für ihre Prosa, Essays und Theaterstücke mehrere Auszeichnungen erhalten, Einladungen zu Festivals und Gastprofessuren. „Eine Nebensache“, übersetzt von Günther Orth, ist nun das erste Buch von ihr auf Deutsch. Und damit ist es auch ein seltenes Beispiel palästinensischer Literatur hierzulande. Es stand auf der Longlist für den Internationalen Booker Preis, ebenso auf der Shortlist für den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin.

Der Offizier in Shiblis Erzählung geht streng nach seiner Berufsauffassung vor, achtet auf Ordnung und Körperhygiene, gestattet sich kein Selbstmitleid angesichts seiner bald eiternden und faulenden Infektion nach dem Insektenbiss. Man kann den Eindruck gewinnen, dass er sich – anders als seine Untergebenen – aus Not oder im Fieberwahn an dem Mädchen vergreift. Er hat Schmerzen und fühlt sich belästigt durch das Jaulen eines Hundes, der bei dem Mädchen war.

Das „endlose Geheul“ eines Hundes in unmittelbarer Nähe der neuen Wohnung der Erzählerin im zweiten Teil bildet das erste Scharnier zwischen beiden Texten, noch bevor die Frau die Nachricht entdeckt und die inhaltliche Verknüpfung beginnt.

Die Erzählerin beschreibt sich als unruhig, zermürbt durch den Alltag der Besetzung, vielleicht überängstlich. „Schüsse, Sirenen von Militärfahrzeugen, manchmal der Lärm von Helikoptern, Jagdflugzeugen und Bomben, anschließend der Heulton von Krankenwagen“ gehören zur Geräuschkulisse ihres Lebens. Das setzt sich später fort, wenn sie sich aufmacht, in Museen und Archiven der israelischen Armee und der damaligen zionistischen Bewegungen nach Details zu dem „Vorfall“ zu suchen. Möglich ist ihr, der Bewohnerin der Zone A, das nur, weil ihr eine Kollegin ihren Ausweis leiht, ein anderer ihr beim Mieten des Autos hilft. Im persönlichen Umfeld also sieht sie sich als Palästinenserin nicht von Israelis diskriminiert.

Im Verlauf ihrer Suche häufen sich die Zeichen, die in der Erzählung der Frau als Parallelen auf den Bericht des ersten Teils deuten. Es sind fast unerträglich viele, so dass es unmöglich ist, sich deren Wirkung beim Lesen zu entziehen. Nicht nur, dass die Frau glaubt, den Ort zu erkennen, von dem sie in dem Zeitungsartikel gelesen hatte, nicht nur, dass ihr kurz vor dem entscheidenden Checkpoint ein bettelndes Mädchen begegnet. Auch der allgegenwärtige Staub der Wüste, Luftspiegelungen und schließlich Benzingeruch greifen von der Erzählebene Anfang der 2000er Jahre zurück in die Zeit der Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung aus dem Gebiet. Der heute politisch brisante Ort brannte schon damals.

Bis ins Unwirkliche

Adania Shibli setzt für ihre jeweilige Person auf eine Steigerung des Erlebens, die ins Unwirkliche deutet und dem Text zugleich ein wenig von seiner Schwere nimmt. Sie antwortet auf die körperliche Pein des Mannes mit der seelischen Notlage der Frau, der die Recherche zu Kopf steigt. Die Auslöschung des Mädchens – die zufällig an dem Datum geschah, das der Erzählerin so vertraut ist – vervielfacht sich unterwegs durch den Blick auf eine Landkarte von 1948. „Sie zeigt Dutzende palästinensische Dörfer, die das gelbe Meer in der israelischen Karte verschlungen zu haben scheint, und ihre Namen springen mich förmlich an.“ Der Blick lässt sie so erschrecken, dass sie die Karte wegpackt.

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