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Achtung Hysterie!

Carlo Lucarelli hat in seinem Roman "Die schwarze Insel" einfach zu viel gewollt

Von Roland H. Wiegenstein

Die ersten Jahre der faschistischen Herrschaft in Italien, als der "Duce" noch die Trümmer einer demokratischen Fassade aufrecht hielt und im Parlament kaltblütig den Mord an dem linken Abgeordneten Matteotti zugleich bedauerte und verteidigte, gehören zu denen, die die Fantasie von Schriftstellern oft in Gang gesetzt haben - Carlo Lucarelli, Jahrgang 1960, ist da ein Nachzügler. Doch womöglich hat gerade der von der rechten Mehrheit des Cavaliere Berlusconi gewünschte "Paradigmenwechsel", der verlangt, die Geschichte Italiens umzuschreiben und dabei die Rolle der "Resistenza" zu minimieren, den Autor veranlasst, sich eine Geschichte auszudenken, die in diesen zwanziger Jahren spielt und als Schauplatz eine jener Inseln zu wählen, auf die das Regime seine Gegner verbannte. Davon gab es viele.

Hauptperson des Romans ist ein vierzigjähriger Kommissar ohne Namen, der auf solch eine Insel als Polizeichef versetzt wird. Dass es sich bei dieser Beförderung um eine Strafmaßnahme dafür handeln könnte, dass er einen von Faschisten begangenen Mord in Ferrara aufgeklärt hatte, kommt dem naiven Staatsdiener aus Turin erst viel zu spät in den Sinn.

Auf der Insel passieren in wenigen Tagen mehrere Morde, die der örtliche Kommandant der faschistischen Milizen, denen das Lager der Verbannten in der alten Festung untersteht, als Selbstmorde deklarieren möchte. Der Kommissar misstraut so einfachen Erklärungen und beginnt zögernd zu ermitteln. Mit Hilfe eines der Verbannten, eines Pathologen, der wegen staatsfeindlicher Umtriebe auf die Insel verbracht wurde, kommt er der Verschwörung auf die Spur. Ihr Anführer wird schließlich gefasst und erschossen, das Lager aufgelöst - nur der Kommissar bleibt auf der schwarzen Insel zurück - ihn wird niemand mehr aufs Festland rufen.

Lucarelli ist literarisch ehrgeizig, also füllt er viele Seiten mit zum Teil ungewöhnlich schönen und genauen Landschafts- und Witterungsbeschreibungen, fügt ein wenig Erotik hinzu und kompliziert den Plot durch die Einführung einer Sekte, die sexuelle "Befreiungs"-Riten übt, als hätte sie geahnt, was viel später im 20. Jahrhundert geschah, bei Nitsch und Manson etwa. Auch der Doktor Freud aus Wien taucht ein paar Zeilen lang auf: Achtung, Hysterie! Davon gibt es die Menge selbst an diesem abgelegenen Ort.

Manchmal verliert der Autor in den zahlreichen Rückblenden, die die Biografie der handelnden Personen enthüllen, den Faden, aber er spult ihn dann etwas mühsam doch wieder auf. Freilich, glaubwürdiger wird die Geschichte dadurch nicht, nur romantischer, schauerromantischer, um genau zu sein.

Der Gegensatz zwischen einem dem Staat - das heißt 1925 dem König - treuen Kommissar und dem Regime, verkörpert durch den primitiven Faschistenhäuptling, den es aus den Abruzzen auf die Insel verschlagen hat, ist eben nur eines der Themen des Buchs, das daneben Metaphern - leicht zu entschlüsselnde und kryptische - sonder Zahl enthält. Eine nicht alleweil bekömmliche Mischung - und auch kein guter Krimi. Lucarelli hat einfach zu viel auf einmal gewollt: eine Kriminalstory, eine politische Geschichte und auch noch eine über erotische Verirrungen.

Carlo Lucarelli: Die schwarze Insel. Aus dem Italienischen von Monika Lustig, Piper Verlag München 2003, 269 Seiten, 19,90 €.

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