Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Ach, diese lasterhaften Römer

Immer ein Vergnügen: Die Neuübersetzung von Petronius' "Satyricon" wirkt frisch und ungeniert

Von ROLF-BERNHARD ESSIG

Toll trieben es die alten Römer: Fraßen die Superreichen nicht die absurdesten Delikatessen? Galt nicht ein Sklavenleben weniger als ein verschütteter Krug Wein? Hatte Nero nicht bloß deshalb Brand gestiftet, um Roms Westend neu zu gestalten? Herrschten nicht überall Intrige, Korruption, Willkür? Als "Gladiator" von Ridley Scott vor kurzem all diese Klischees wiederbelebte, bestätigte er damit nur den ehernen Grundsatz: Römermoden kommen so regelmäßig wie Rezessionen. Immer steht hinter der puren Begeisterung für diese höchst differenzierte Zivilisation Angstlust und Kulturkritik zugleich, sah man doch im Untergang des römischen Reiches ein Menetekel für die eigene Zeit. Das galt besonders für das junge deutsche Reich nach 1870 / 71 und das britische Empire nach dem Krimkrieg. Von der zweiten Hälfte des neunzehnten bis zum Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts hatte die Beschäftigung mit den Römern und ihrem Untergang fast ununterbrochen Konjunktur. Wissenschaftler wie Leopold Ranke oder Theodor Mommsen erreichten Traumauflagen. Romane wie Die letzten Tage von Pompeji (1834) von Edward Bulwer-Lytton, Ein Kampf um Rom (1876-78) von Felix Dahn, Ben Hur (1880) von Lewis Wallace und Quo Vadis (1894-96) von Henryk Sienkiewicz wurden internationale Erfolge und später mehrfach verfilmt.

Bestialisch stinkende Küsse

Welche Absichten auch immer die Autoren verfolgten, alle stürzten sich begeistert auf das Satyricon des Petron. Obwohl das Werk nur sehr fragmentarisch überliefert ist, beschreibt es die Zeit Neros so plastisch und lebendig wie kein zweites: "Zuletzt betrat noch ein Schwuler die Szene. Bald riss er uns die Arschbacken auseinander und berammelte uns, bald besudelte er uns mit bestialisch stinkenden Küssen, bis Quartilla, die einen Zauberstab aus Walfischknochen in der Hand hielt und ihr Kleid hochgerafft hatte, gebot, uns Unglücksmenschen aus der Tortur zu entlassen."

Solche und weitere Strafen erleiden Enkolpios und Askyltos, weil sie aus Versehen geheime Riten der Priapus-Priesterin Quartilla beobachtet haben. Es ist nicht das letzte Mal, dass die beiden mit ihrem viel umbuhlten Lustknaben Giton in eine unangenehme Lage geraten. Sie stolpern von einer Bedrängnis in die nächste und erleiden in einem dramatischen Sturm Schiffbruch. Auf diese Weise lernt der Leser mit ihnen Vertreter aller Schichten kennen: Plebejer, Priester, Hexen, Huren, Sklaven, Gastwirte, hohe und niedere Beamte, Rhetoren, Dichter, Seeleute und unermesslich reiche Freigelassene. Unter ihnen sucht der Protagonist und Ich-Erzähler Enkolpios stets skrupellos seinen Vorteil. Betrug und Tätlichkeit gelten ihm als lässliche Sünden, Bereicherung und Lust als höchste Lebenszwecke. Wie dumm, dass ihn der Zorn des Priapus verfolgt, der ihn immer wieder kurz vor dem Einsatz seines gewaltigen Gemächts mit Erschlaffung demütigt.

So gleicht Satyricon tatsächlich ein wenig, wie das traditionelle Etikett lautet, einem "antiken Schelmenroman". Aber es gab um 65 nach Christus noch keine Gattung "Roman", das Buch wechselt zwischen Prosa und Versen, Kleinepen sind eingestreut, und unverkennbar parodiert Petronius neben zeitgenössischen Werken auch die homerische Odyssee und Vergils Aeneis. Der ausführliche Kommentar und das Nachwort der Neuübersetzung von Kurt Steinmann verdeutlichen diese Bezüge auch für den Laien. Die Einteilung in Kapitel, deren Betitelung und Überleitungen erleichtern zusätzlich die Lektüre eines arg zerzausten Textes. Zu starker Tobak war wohl doch für die Christenheit die Menge an sex and crime, so dass große Teile des Satyricon nicht überliefert wurden. Für Petronius dagegen und seine Zeit galten Homosexualität und Päderastie als unanstößig, genau wie bildliche Darstellung von Sexualität aller Art im öffentlichen oder im privaten Raum.

Deshalb ist das Buch natürlich auch kein Porno, vielmehr eine virtuose Gesellschaftssatire, deren unvergleichliche Qualität darin besteht, Typen, Zustände und Verhaltensweisen so aufgespießt zu haben, dass unterschiedlichste Epochen - und natürlich auch wieder wir - sich darin erkennen können. Nehmen wir nur die Bildung: "Jetzt aber albern die Buben in den Schulen bloß herum, die jungen Leute werden vor Gericht ausgelacht, und was schändlicher ist als beides: Keiner will im Alter zugeben, dass er Schrott gelernt hat." Bekannt kommen uns auch die Ausplünderung der antiken Dritten Welt vor und die dümmliche Lust am Zirzensischen.

Beide Phänomene schildert der Dichter Eumolpus in Versform: "Afrika lieferte Marmor und China Gespinste aus Seide, / ausgeplündert hatte Arabiens Volk seine Fluren. / Sieh' da, weitere Gräuel, die schmerzhaft verletzen den Frieden: / Asiens Wälder durchpirscht man nach Raubwild, und Ammons Oase, / tief in Afrika, wird durchstöbert, damit nicht das Untier / fehle, des' Zahn zum Morden so wertvoll; der fauchende Tiger / reist zu Schiff aus der Ferne, durchschleichend den ehernen Käfig, / um vor klatschendem Volk das Blut von Menschen zu trinken. (. . .) und nach allen / Gütern der Erde lechzt im Kriege der streunende Söldner." Wir kennen natürlich auch viertelgebildete Neureiche und ihre Fixierung auf Sex und Fressen, wie sie im berühmtesten Kapitel "Das Gastmahl des Trimalchio" aufs Trefflichste geschildert werden.

Man trägt ein "porcus troianus" auf, also ein Schwein, das angeblich unausgenommen gegrillt wurde, aus dem aber dann Brat- und Blutwürste quellen, als der Koch es aufschneidet. Ein riesiger gebackener Keiler mit Datteln auf den Hauern ist von Ferkeln aus Gebäck umlagert und mit lebenden Drosseln gefüllt, die, kaum befreit, mit Leimruten wieder eingefangen und zubereitet werden. Wie bei diesem Mahl unflätig geschimpft, gelästert, geprotzt, geflunkert und geprasst wird, ist einzigartig. Der Gastgeber Trimalchio hat seinen Reichtum übrigens als freigelassener Sklave erworben, zuvor aber vierzehn Jahre als Lustknabe seines Herrn und seiner Herrin gedient, bevor er sie beerbte. Leutselig empfiehlt der Parvenü, bei Tisch ungescheut zu furzen, "denn keiner von uns ist gestöpselt geboren", und über dem Saufen nicht das Pissen zu vergessen: "Aqua ex, vinum in".

Frei von Scham übersetzt

Das wirkt durchweg frisch und direkt, aktuell und treffend, weil Kurt Steinmann mit Lust, Feingefühl und frei von Scham übersetzt hat. Andere, beispielsweise Harry Schnur in seiner verbreiteten Übersetzung, haben das schon vor ihm getan. Steinmanns Versuch aber gönnt sich mehr literarische Freiheiten und erreicht damit eine stilistisch homogene und erfreulich lebendige Fassung. Ohne sich eines zu modischen Jargons zu bedienen, greift er gern zu heutigen Floskeln, um das antike Gequatsche richtig wiederzugeben.

Petronius zeichnet sich ja dadurch aus, dass er neben der Hoch- und Verssprache die Redeweise des Plebs aufgreift, den Slang der Händler und Sklaven, der Klageweiber und Seeleute. Vollständig lässt sich das natürlich nicht übertragen, wirkt aber in Steinmanns Fassung sehr reizvoll und - gerade durch den Einbau von Anachronismen wie "Stahlhelm" in archaisierendem Ton - wohl ausbalanciert; selbst Zotiges und Poetisches greifen wunderbar ineinander. So wirken auch die Wahrsprüche des Satyricon als immergrüne Weisheiten: "Jus sichert dir immer dein Brot." Und: "Ja, weit fliehen muss, wer vor seiner Familie flieht."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare