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„Der Mensch kommt nur voran, solange er sich am Unmöglichen orientiert.“ Columbia-Start, 1994, aus einem romantischen Blickwinkel gesehen.

Peter Sloterdijk: Die schrecklichen Kinder der Neuzeit

Vor uns der Absturz

Und hinter uns Abgründe: Peter Sloterdijk versucht mit „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ unser Zeitalter zu verstehen. Und wie immer beim Sloterdijk-Lesen gilt: Kletterern sieht man gern zu, beim Aufstieg wie beim Fallen.

Von Dirk Pilz

Nebenher in Peter Sloterdijks neuestem Wurf einmal die lapidare Feststellung, die Theologie und den Extremismus verbinde eine Wesensverwandtschaft. Wofür andere hunderte Seiten benötigen, steht bei ihm in einem Nebensatz. Eine schöne Pointe zudem. Nicht nur, weil Theologen von Amts wegen aus den widersprüchlichsten Tatbeständen himmelstürmende Lehrsätze ableiten, sondern weil Sloterdijk unter der Hand gleichsam auf sich selbst als Theologenschüler verweist: Er ist der Meister extremer Zuspitzungskunst, ein treuefester Liebhaber des Widerspruchsdenkens, ein Lehrsatzverfasser von hohen dogmatischen Gnaden. In der Fachwissenschaft von Gott wildert er dabei vor allem deshalb so gern, weil sie denkerische Herausforderungen wie sonst keine Disziplin der Geisteswissenschaften bietet. Sloterdijk hält sich bei niederen Schwierigkeitsgraden nicht auf. Nur das Hochgebirge liefert die Landschaft, in der sich Gipfelstürmer heimisch wissen. Auch ein Grund, warum Sloterdijk lesen ein Vergnügen ist: Kletterern sieht man gern zu, bei Aufstiegen wie Abstürzen.

„Der Mensch“, so schrieb er in seinem Großessay „Du musst dein Leben ändern“ vor fünf Jahren, „kommt nur voran, solange er sich am Unmöglichen orientiert.“ Das ist seine Maxime, in dezidierter Absetzung von „sämtlichen gängigen Diskursen“, die er „in lähmender Harmlosigkeit“ verfangen sieht. Also will er den „sterbenden Baum der Philosophie noch einmal blühen“ lassen, also versucht sich seine Philosophie an der schonungslosen „Lagebesprechung“ der Gegenwart.

Alle Bücher Sloterdijks sind Großerzählungen darüber, wie wir Abendländler wurden, was wir sind. Sein Generalverdacht: Wir wurden, was wir sind, weil wir uns am Unmöglichen versuchen: gedanklich, mental, emotional einzuholen, was unter dem Begriff Gott seit Jahrtausenden die Geschichte beunruhigt. Auch deshalb ist die Theologie bei Sloterdijk die Leitwissenschaft: Sie führt ins Zentrum einer Geschichte, die vom Gottesgedanken verfolgt „nach vorn stürzt“, gleichviel, ob die Einzelnen sich als Gläubige begreifen oder nicht.

„Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ heißt sein neues Buch, das ohne Zweifel in die längere Reihe der Sloterdijk-Hauptwerke gehört. Es beginnt mit dem Satz: „Der Mensch ist das Tier, dem man die Lage erklären muss.“ Hebe es den Kopf, werde es von Unbehagen am Offenen bedrängt.

Herkunft und Zukunft haben sich getrennt

Wollte man die folgenden, naturgemäß weit ausgreifenden, mitunter auch abschweifenden 500 Sloterdijk-Seiten auf einen Thesenkern einschmelzen, dann diesen: Was die alte und neue, die vormoderne von der modernen Welt trennt, sind grundverschiedene Weisen, sich im Unbehagen einzurichten. Die Alten setzten auf genealogische Strategien, auf die streng bewachte Weitergabe erprobter Lebens- und Denkweisen von den Eltern auf die Kinder. Die Zukunft war durch die Herkunft gesichert.

Wer zeitgenössisch empfindet, weiß Sloterdijk zufolge dagegen „in sämtlichen Nervenenden, wie sehr das Zukünftige sich von der Deckung durch Herkunftsbestände losgemacht hat“. Das ist für ihn die moderne Zivilisationsdynamik: Herkunft und Zukunft haben sich getrennt. Nirgends finde sie sich klarer ausgedrückt als in Madame de Pompadours Bonmot: „Nach uns die Sintflut“. Er widmet ihr ein ganzes Kapitel.

Alte und neue Welt. Sloterdijk spricht von dem „großen Einschnitt“, denkt dabei aber nicht in chronologischen Kategorien, sondern anthropologisch. Seiner unsentimentalen Methode gemäß richtet er sich dabei nicht nach den Maßgaben einer straßentauglichen Moral, sondern dem Material der Historie. In diesem Sinne folgt er den auf die Moderne weisenden Spuren, die „Lehrer des Andersseins“ gelegt haben: Sokrates, Jesus, Napoleon, Lenin, Himmler. Man sieht an dieser gewagten Liste, dass die Geschichte der Menschheit für Sloterdijk einem jahrtausendelangen Anlauf gleicht, der in der Moderne „explodiert“. Was modern ist, hat sich früh angedeutet – und ist am Ende etwas substanziell Verschiedenes zu allem Vorgängigen.

Denn der „Abschied von der Orientierung am Generationsprozess“ bedeutet, dass „Statusdifferenzen zwischen Individuum und Gruppen in permanenter generalisierter Konkurrenz ermittelt werden müssen, bei steigenden Frustrationskosten und zunehmenden Demoralisierungsrisiken“. Identitäten werden nicht anhand von Vergleichen mit dem Überbrachten, sondern durch „Nachahmung des Gleichzeitigen“ gesichert. Die Moderne ist von der Mode beherrscht, von Copy-Praktiken. Wir schrecklichen, weil von der Herkunft losgelösten Kinder der Neuzeit sind entsprechend modische Selbstprodukte, die sich ihre Identitäten voneinander abschreiben.

Wir müssen uns neu erfinden

Sloterdijk sieht in dieser Entwicklung seinen „zivilisationsdynamischen Hauptsatz“ bestätigt: Die Geschichte setze ständig mehr Energien frei, als sie zu binden vermag. Die „Entmündigung der Vergangenheit“ hat deshalb zur Folge, dass die Prinzipien der Improvisation in alles und alle eindringt: Wir dürfen nicht nur, wir müssen uns ständig aus uns selbst heraus neu erfinden. Die moderne Welt ist eine Welt im Zustand des Dauer-Experiments.

So gesehen ist dieser aufhellende Langessay die extreme Fortschreibung seiner „übungsanthropologischen“ Studie „Du musst dein Leben ändern“: Aus der Geschichte gelte es zu lernen, dass „den schrecklichen Kindern oft ratlose, manchmal perverse Eltern, vorausgehen“, den „Kammerton des 20. Jahrhunderts“ erkenne man am „reinen Nacheinander ohne Entwicklungs- und Übermittlungssinn“.

Unschwer zu erkennen, dass die Tonart dieser Philosophie auf Apokalypse gestimmt ist. Zukunft? Nichts als „nahendes Unheil“, nur die „Deponie für die Illusionsabfälle der überforderten Gegenwart“. Insofern ist dieses Buch, was bei den Alten den Weisen vom Berge vorbehalten war: das Werk eines Rufers in der Wüste, der auf die Zeichen der Zeit weist – vor uns der Absturz, hinter uns Abgründe. Man sollte es unbedingt lesen, um nicht als Uninformierter hinabzustürzen.

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