+
Peter Handke, österreichischer Schriftsteller und frisch gebackener Nobelpreisträger, hier bei der Verleihung des Wiener Theaterpreises Nestroy.

Peter Handke

Peter Handke: Der Nobelpreis ist das Schlimmste, was ihm passieren konnte

  • schließen

Denn seine Verharmlosung von Massenverbrechen lässt auch seine literarischen Meisterwerke anders lesen.

Der Literaturnobelpreis ist das Größte, was einem Schriftsteller passieren kann. Meistens ist das verbunden mit der größten Hochachtung. Manchmal, und das ist bei Peter Handke so, verkehrt sich die Anerkennung in ihr Gegenteil. 

Für Peter Handke ist der Literaturnobelpreis das Schlimmste, was ihm passieren konnte. Der Literaturnobelpreis ist der Leuchtturm, der jeden zu zielgenau zu ihm und seinem Gesamtwerk führt. Danach kann keiner mehr sagen, er habe von nichts gewusst.

Peter Handke und die Relativierung von Kriegsverbrechen

Vor der Auszeichnung durch die schwedische Akademie haben viele seine Meisterwerke gelesen und wenige die hinter Wortkapriolen kaum versteckten Verharmlosungen von Massenverbrechen. Niemand musste „Gerechtigkeit für Serbien“, „Sommerliche Nachtrag zu einer winterlichen Reise“, „Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg“ oder „Unter Tränen fragend“ kaufen. Immerhin hat ihm sein Verlag ausreichend Platz dafür eingeräumt. Die Rezeption der Handkeschen Relativierung von Kriegsverbrechen blieb auf einen kleinen Kreis in der intellektuellen Elite beschränkt. Den Deutschunterricht und seine Lektüre hat es nicht beeinflusst.

Peter Handke war mein Lieblingsschriftsteller. „Sprich mit den Gegenständen der Langsamkeit. Sprich mit dem Licht der Gegenstände der Langsamkeit. Sprich mit den Gegenständen im Licht der Langsamkeit.“ Diese Sätze aus Handkes Notizbüchern „Gestern unterwegs“ habe ich oftmals illustriert und interpretiert. Sie stehen für „meinen“ Handke. 

Peter Handke beschwört den Konjunktiv

Er geht so nah an einen Gegenstand, an das Leben heran und verändert ihn in ein literarisches Wort. So scheint hinter der Welt etwas anderes durch als das Banale, Handke beschwört den Konjunktiv, den Irrealis der Transformation des Profanen in das Besondere.

Immer wieder wurde ich schon damals enttäuscht, wenn die Kleinform der Langform wich. Denn vereinzelt erwies sich der versverdichtete Hinweis als Tapetentür der Postmoderne. Wer durch die Pforte der sprachlichen Annäherung ging, etwa in den drei „Versuchen“, fand hinter der Anspielung – nichts. Zumindest nichts, was standhielt. Etwas verstörend, vielleicht ärgerlich, aber nicht weiter schlimm. Doch die Wirkmacht der Handkeschen Wortzeichnungen ist so selten, die Fähigkeit zum Zoom mit dem sprachlichen Teleobjektiv so unikal, dass sich seine Sätze in mich eingruben und mich begleiteten.

Peter Handke - Literaturnobelpreis löst Diskurs aus

Und dann der Literaturnobelpreis. Weltweite Aufmerksamkeit. Völlig zu Recht haben die Kritiker diesen Diskurs genutzt, um auf den anderen Handke aufmerksam zu machen. Es ist eben ein Unterschied, ob ich in Frankreich lustwandle, oder über die Totenfelder des ehemaligen Jugoslawien wandere. Die gleiche Sprache, die gleiche Herangehensweise transformiert in beiden Fällen Wirklichkeit, in dem einen Fall darf und muss sie das, im anderen verstört und zerstört sie.

Handke ist ein Modellfall für unsere Auseinandersetzung mit dem „Aber es war doch nicht alles schlecht.“ Nein, bestimmt nicht. Aber es gibt fundamentale Verletzungen, die unsere Sicht auf ein System, auf einen Menschen verändern müssen. Das eine ist untrennbar vom anderen. Es gibt keine Trennung von Tat und Wort, keine Spaltung von unterschiedlichen Rollen. Für mich kann niemand so mit Sprache umgehen wie Peter Handke, aber wenn er dies einsetzt, um Menschen zu verletzen, erklingt von da an auch die Wortmelodie aller anderen Werke anders.

Peter Handke erzählt nun eine andere Geschichte

Ich werde die Zeichnungen zum „Licht der Langsamkeit“ nicht abhängen. Aber sie erzählen nun eine andere Geschichte. Die von einem, der auszog, über die Wirklichkeit zu meditieren und dabei die innere Wahrheit wichtiger nahm als die grausame Realität. Ganz banal ist auch das Literatur, nur eine, die mir keine förderliche Geschichte von der Welt erzählt, sondern eine von der Hybris des sich selbst übersteigernden Menschen.

Adieu, Peter Handke

Lesen Sie auch: John le Carre: „Federball“ – Der aufrechte Ed

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion