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Der New Yorker Neurologe und Bestsellerautor Oliver Sacks, aufgenommen im Oktober 1989.

Nachruf

Abschied von Oliver Sacks

Zum Tod des großen Autors und Hirnforschers Oliver Sacks. Er wollte noch reisen, schreiben, Freundschaften vertiefen, Dummheiten machen. Er war krebskrank und hatte sich im Februar in einem berührenden Artikel für die „New York Times“ noch ein paar Monate Lebenszeit gegeben.

Von Ulrich Seidler

Am Sonntag ist der Schriftsteller und Neurologe Oliver Sacks in New York gestorben. Er war krebskrank und hatte sich im Februar in einem berührenden Artikel für die „New York Times“ noch ein paar Monate Lebenszeit gegeben. Geradezu professionelle Schicksalsergebenheit, aber auch Mut und Lebenslust sprachen aus seinen Worten. Er wollte noch reisen, schreiben, Freundschaften vertiefen, Dummheiten machen. Seinen 82. Geburtstag am 9. Juli konnte er noch „mit Stil“ feiern, schrieb er später.
Angst vor dem Sterben hatte er natürlich auch, aber bei keinem anderen ist die Gewissheit darüber größer, dass ihn seine Neugier, sein Forschergeist und seine Freude über die so sinnfällige wie rätselreiche Natur bis zuletzt nicht verlassen haben. Die vielleicht stärksten Texte in seinem umfangreichen Werk sind die autobiografischen, wobei sie sich von seinem wissenschaftlichen Werk gar nicht trennen lassen.

In „Onkel Wolfram“ erzählte er eben nur auf einer Ebene von seinem ereignisreichen Leben, von seinen jüdisch-orthodoxen Vorfahren aus Russland, von seiner Kriegskindheit im englischen Internat, von seinen lebensbedrohlichen Experimenten mit dem Chemiebaukasten. Wie nebenher singt er eine Ode an das Periodensystem der Elemente – so hingebungsvoll, dass man selbst, obwohl man mit Chemie nie viel am Hut hatte, sofort selbst irgendein Element entdecken will und keine Glühbirne mehr ansehen kann, ohne mit Wärme an Sacks’ Ahnen – große Lampenerfinder – zu denken.

Doch dann verschlug es ihn doch eher auf die andere Seite seiner großen Familie, und er wurde, wie sein Vater und seine Mutter Arzt. Er studierte Medizin in Oxford und probierte sich als Forscher aus, wofür er sich als zu schusselig erwies; außerdem entwickelte er Sympathien mit den Hühnern und anderen Versuchstieren. 1960, mit zwanzig Jahren, ging er in die USA, setzte seine akademische und klinische Laufbahn fort und erlebte mit seinen populärwissenschaftlichen Patientengeschichten seinen Durchbruch als Schriftsteller. Darüber schrieb er in seiner zweiten Autobiografie, die in diesem Jahr erschienen ist: „On the Move“ (siehe FR vom 22. 8.).

Ignoranz bremste ihn nicht

Bedenken oder missgünstige Konkurrenten konnten ihn nicht bremsen. Er verfügte offenbar über derart unbändige Lebensenergie, dass er eine Raumtemperatur von 14 Grad Celsius bevorzugte. Er düste mit seinen Motorrädern durch die Prärie, schwamm stundenlang, trainierte sich im Gewichtheben, und so manches Wochenende verbrachte er mit Radtouren, bei denen er gemächlich zwei an den Lenker gehängte Zweiliterkannen Cidre leerte und leicht beschwipst durch den Sommer fuhr.

Er fing Feuer beim Lesen von Gedichten und bei der Begegnung mit Poeten, durchlitt intensive, aber nie sehr haltbare Liebesgeschichten, pflegte ausufernde Korrespondenzen und war natürlich jederzeit für seine Patienten da. Zum Essen nahm er sich nie mehr Zeit, als zum Öffnen einer Fischbüchse oder einer Cornflakes-Schachtel nötig ist. Sacks stürmte mit fröhlicher Ausgelassenheit und spendabler Unersättlichkeit durchs Leben, zahlte während einer Drogen- und Seelenkrise auch den Preis für das Gehetze und Danebensein. Er fand erst in späteren Jahren das ruhigere Glück des Innehaltens: Er war 77, als er seinem Mann fürs Leben begegnete, den Schriftsteller Billy Hayes: „Es war eine neue Erfahrung für mich, ruhig in den Armen eines andere zu liegen, zu reden, Musik zu hören oder gemeinsam zu schweigen. Wir lernten, richtige Mahlzeiten zuzubereiten und zu essen – ein großes und unerwartetes Geschenk in meinem fortgeschrittenen Alter, nachdem ich mein ganzes Leben lang Distanz gewahrt hatte.“

Von uns Lesern nahm Oliver Sacks in seinem letzten „New-York-Times“-Artikel Abschied, er erschien vor zwei Wochen, am 14. August: „Ich merke, wie meine Gedanken zum Sabbath driften, zum Tag der Ruhe, zum siebten Tag der Woche und vielleicht zum siebten Tag des Lebens von jemandem, der sagen kann, die Arbeit ist getan, und der mit gutem Gewissen ruht.“ Das ist ein Satz, nach dem man seinen Stift hinlegen kann.

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