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Schwarz im Atelier ...

Nicolas Mahler

Die Abrundung des Quadrats

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Nicolas Mahler nimmt sich Wedekinds berühmteste Figur und Malewitschs berühmtestes Bild vor.

Eine Parodie war in der Musik einst gar nicht unbedingt eine Lächerlichmachung, sondern eine umformende Nachahmung. Dem Ideenklau verwandt (Melodieeinfälle sind bis heute ein rares Gut), aber hoffentlich auf einem hohen Niveau.

Auch Nicolas Mahler macht in seinem neuen Buch „Lulu und das schwarze Quadrat“ weder Lulu noch das schwarze Quadrat lächerlich, also weder Frank Wedekinds bekannteste Bühnenfigur noch Kasimir Malewitschs bekanntestes Bildmotiv. Dabei ist das eine wahnsinnig komische Geschichte, auf jene Art komisch wie Otto Schenks Opernsketche. Und auf jene Art, wie Kunst, die hochwertig ist, fast immer einen Zentimeter neben oder eine dünne Schicht hinter sich bereits eine komische Spiegelung hat.

Mahler formt also um. Er destilliert aus Wedekinds Dramen „Erdgeist“ und „Büchse der Pandora“ wenige wesentliche Sätze, die in ihrer Einsamkeit jetzt dastehen wie Fanale. „Rührt Sie denn dieser Moment gar nicht?“, sagt Schwarz angesichts des toten Medizinalrates Goll. „Mich trifft es auch mal“, sagt die frischgebackene Witwe Lulu. Bei Mahler fallen aber keine Namen, es gibt keine Erklärungen über die reinste, sichtbarste Handlung hinaus. Sie wird zu lapidaren Zeichnungen in Quadraten zusammengestellt, immer gleich großen: Ein ebenso einfacher wie effizienter Weg, Lulus nicht überschäumende Emotionen ins Bild zu setzten.

Auch hat keine der Rübennasen Gesichtszüge. Lulu ist bei Mahler formal irgendwie erotisierend, trägt auch einen zeitgemäß schicken Haarschnitt, wirkt aber trotzdem bodenständig. Was sie ja auch ist, flirrend wird sie erst im Auge des Betrachters. Das ist wirklich keine Verkasperung des Stoffes, sondern ein rasantes, in der Ausführung vollkommen stoisches Auf-den-Punkt-Bringen.

Lulu ist ungefähr doppelt so groß wie die kurzbeinigen, jenseits ihrer Kopfbedeckung weitgehend austauschbaren Knirpse. Deren Aufgabe im Leben, aber mehr noch im Comic besteht vornehmlich darin, Lulu stante pede zu verfallen. Das kann eine Zeichnung tatsächlich weit klarer und rascher ausdrücken als eine Theaterinszenierung. Man muss sich keine Sorgen machen, dass Mahler an diesen Stellen womöglich mickymausige Späße treiben würde. Sein gnadenlos fortschreitendes Storyboard lässt jeden auf dem Boden der Tatsachen. Die meisten sind bekanntlich auch schon bald wieder tot.

Das schwarze Quadrat gibt den Rahmen vor und zeigt sich im Verlauf der Handlung als praktisch der noch am ehesten gefühlsselige Teil der Geschichte – auch indem der Maler Schwarz (!) erstaunlich gegenständliche Quadrate malt, quasi unmittelbar aus dem Leben genommen (ein feiner frecher Kommentar zur ultimativen Abstraktion).

Hinten im Buch wird Malewitsch zitiert: „Auf meinem Quadrat werden Sie niemals das Lächeln einer reizenden Psyche sehen! Es wird niemals die Matratze der Liebe sein.“ Das trifft auch auf Lulu zu, bei ihr kümmern sich die meisten nur überhaupt nicht darum. Auch insofern ein genialischer Wurf, eine fabelhafte Wedekind-Inszenierung.

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