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Abrechnung mit sich selbst

Emmanuel Boves "Der Stiefsohn" aus den dreißiger Jahren endlich auf Deutsch

Von Dirk Fuhrig

Emmanuel Bove ist heute kein Unbekannter in Deutschland. Das ist noch nicht lange so. Er zählt zu den großen Vergessenen des zwanzigsten Jahrhunderts. In den zwanziger Jahren ein literarischer Star, schien sein Werk nach dem Zweiten Weltkrieg vollkommen aus dem literarischen Gedächtnis getilgt. Erst 1977 wurde dieser sonderliche Autor in Frankreich wiederentdeckt. Peter Handke war es, der bald darauf die ersten Romane Boves ins Deutsche übertrug, Mes Amis, Armand und Bécon-les-Bruyères. Vor allem der S. Fischer Verlag sowie Deuticke und die Zürcher Edition Epoca haben sich in den vergangenen Jahren um die Verbreitung im deutschsprachigen Raum bemüht. Mittlerweile liegt auch eine Biographie vor, die den verschlungenen Lebensweg eines Schriftstellers nachzeichnet, der ein ebensolcher Anti-Held war, wie sie in seinen Büchern stehen.

Ein trauriger Held wie Jean-Noël in Le Beau-Fils, diesem stark autobiographischen Roman Boves, geschrieben und in Frankreich erstveröffentlicht 1934. Nun ist Der Stiefsohn, übersetzt von Gabriela Zehnder, bei Manholt in Bremen erstmals auf Deutsch erschienen. Das Buch erzählt eine katastrophale Geschichte, eine des unaufhaltsamen Scheiterns. Jean-Noël hat immer alles falsch gemacht im Leben. Er ist der prototypische Versager. Frei von allen moralischen Prinzipien, frei von Überzeugungen und Charakter, wurstelt sich der "Stiefsohn" von Verhängnis zu Verhängnis. Als Kind leidet er unter seiner gesellschaftlich geächteten Situation: Als Sohn eines Emporkömmlings, der seine (arme) Mutter wegen einer (reichen) neuen Frau verlassen hat. Kaum sind Jean-Noëls geschlechtliche Triebe erwacht, tritt er in die Fußstapfen seines mittlerweile gestorbenen Vaters: Er schwängert eine Geliebte, heiratet sie, weil ihm nichts anderes übrig bleibt, sucht aber schon bald wieder nach Wegen, um sie und das Kind loszuwerden. Es stellen sich weder Fragen nach Verantwortung noch nach Respekt. Alleine zählt, dass sich der junge Mann aus der Schlinge zieht. Dabei spielt immer Geld eine große Rolle - das er sich nicht zu verdienen versucht, sondern stets erbettelt. Bei einer neuen Geliebten, meist aber bei seiner Stiefmutter, mit der ihn ein unausgesprochenes Liebesverhältnis verbindet. Sofern Jean-Noël Œtlinger überhaupt fähig ist, etwas anderes außerhalb seiner selbst zu lieben, dann ist es seine Stiefmutter Annie.

Jean-Noël ist aber nicht allein Opfer seiner Gefühlskälte und mangelnden Reife. Er taumelt durch eine Gesellschaft, die ihn als Aussätzigen behandelt. Weder in der saturierten Bürgerwelt, aus der seine Stiefmutter stammt, noch in der aufstrebenden Mittelschicht einer Geliebten, noch im Arme-Leute-Milieu seiner leiblichen Mutter gehört er dazu. Weder in den feinen Salons des Boulevard du Montparnasse noch in billigen Vorstadtunterkünften ist sein Platz. Dem sozialen Elend begegnet er mit der gleichen Verachtung, die ihm aus dem blasiert-großbürgerlichen Ambiente selbst entgegenschlägt. Jean-Noël möchte dazu gehören. Er reizt die Konventionen nicht bewusst, ist ein Rebell wider Willen. Doch alles, was er tut, wirkt kontraproduktiv, richtet sich letztlich gegen ihn und sorgt für seinen Ausschluss. Der Stiefsohn ist die Karikatur eines Bildungsromans. Anders als in Deutschland, wo der Erste Weltkrieg auch in den Klassenbeziehungen eine Zensur gebracht hatte, sind im Frankreich der zwanziger Jahre die Milieus des von seinen Kapitaleinkünften lebenden Großbürgertums und der arbeitenden Bevölkerung noch strikt getrennt. Erst die Weltwirtschaftskrise beendet die lange nachhallende Belle Epoque endgültig.

Ganz in der Tradition der großen Gesellschafts-Romane des 19. Jahrhunderts, verstecken sich auch bei Boves "Stiefsohn" die Gefühle hinter Renten und Unterhaltsleistungen. Da Jean-Noël seine materiellen Nöte nicht regeln kann, erreicht er auch keine emotionale Stabilität.

Es fällt schwer, dieses Buch nicht als Autobiographie zu lesen; Jean-Noël ist ein Alter Ego des 1898 in Paris geborenen Emmanuel Bove. Die Übereinstimmungen mit der Lebenssituation des Autors sind nicht zu übersehen: Auch Emmanuel Bobovnikoffs Vater verlässt seine Frau und lebt mit einer reichen Engländerin zusammen. Sein jüngerer Bruder wächst mit der Mutter, einem armen Dienstmädchen, in elenden Verhältnissen auf. Der spätere Schriftsteller arbeitet in der Fabrik, als Tellerwäscher und als Portier. Von seiner ersten Frau wendet er sich ab, um eine wohlhabende - und von ihm schwangere - Geliebte zu heiraten. Während des Börsenkrachs verliert das Ehepaar sein Vermögen vollständig. Die große Depression, in finanzieller und moralischer Hinsicht, beginnt.

Dabei ist Bove zu diesem Zeitpunkt ein berühmter Autor. 1924 hatte die Schriftsteller-Kollegin Colette ihm geholfen, seinen ersten Roman Mes Amis zu veröffentlichen. Bove wurde daraufhin Mitarbeiter verschiedener Zeitungen und entwickelte zeitweise eine ungeheure Produktivität. Jüdischer Herkunft, muss er sich während des Zweiten Weltkriegs verstecken. 1942 geht er nach Algier, wo er sich mit Malaria infiziert, drei Jahre später stirbt er daran. Bove wurde stets als schwächliche Erscheinung beschrieben. Prekäre Gesundheit und mangelnde psychische Ausgeglichenheit korrespondierten miteinander. Nie konnte Emmanuel Bove die Prägung seiner Kindheit überwinden. Er blieb ein Außenseiter, auch im Literaturbetrieb seiner Zeit. Der Stiefsohn ist seine moralische Abrechnung mit sich selbst.

Emmanuel Bove: Der Stiefsohn. Aus dem Französischen von Gabriela Zehnder. Manholt Verlag, Bremen 2002, 360 Seiten, 24 € .

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