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Abgrund und Rosenkranz

Auf den Spuren von Büchners Lenz: Simon Werles Roman "Der Schnee der Jahre"

Von Guido Graf

In einer frühen Erzählung Simon Werles wird einmal das Zeitmaß und damit auch ein poetologisches Programm benannt, dem sein Werk bis heute folgt: "Wir dividieren die Summe der Tage durch die Summe der Nächte und erhalten eine fensterlose weiße Fläche." Was bei der Divison herauskommt, hält vielleicht ewig, eben das ist die fensterlose Drohung. Eine Zeit, Der Schnee der Jahre ist der Titel von Werles erstem großen Roman, eine Zeit, in der alles zu ersticken droht. Bei Arno Schmidt heißt es einmal, "die Nerven der Meisten von uns würden ,weiß & lautlos' vermutlich viel schlechter ertragen, als dantesk="aufgeregte" Höllen."

Doch genau dieser Nervenprobe setzt Werle seinen Protagonisten Edward Callzig aus, einer lebenslangen Flucht ohne Ziel. Es lässt sich nicht sagen, ob Edward, der Sohn der bis zur Selbstverleugnung frömmelnden Kätt, geborenen Hilgenlohr, und des aus lauter Not angeheirateten Landarbeiters Schlubb Callzig, ob er eigentlich sein eigenes, sein wahres Gesicht kennt. Werle nimmt diese Fragen ernst. Die Helden seiner früheren Erzählungen waren ähnliche Fremdlinge in der Welt. "Schon seit der Kindheit bildeten und hielten sich in Edwards Wesen große weiße, durch die Eltern nicht ausfüllbare Flecken, durch deren Anwesenheit er sich im unklaren darüber befindet, wer er im Grunde ist."

Irritierend ist der fundamentalistische Ton in diesem Buch, das unbedingte Insistieren auf die Präsenz der Dinge ebenso wie der Gefühle und Tagträume, wuchtig intoniert durch das Gepränge der Genetivmetaphern und das reiche, den alltäglichen Konventionen so fremde Vokabular, auch die Namen, alles entrückt aus der Gegenwart. Die dringt anfangs nur wie wattiert in den engen Horizont des Dorfes im Hunsrück, in dem Edward aufwächst. Selbst als Edward, der, als die Handlung Mitte der dreißiger Jahre einsetzt, vor dem Abschuss in der Schule steht, dann eine Schreinerlehre im Ort beginnt, abbricht und in Köln in einem größeren Betrieb fortsetzt, selbst als er mehr sieht als die unendlich einfache Welt zuhause, scheint nur wenig bis zu ihm vorzudringen.

Allzu leicht ließe sich einwenden, dass die metaphysischen Gedankenfluchten nicht dem gewählten Sujet entsprechen, dass niemand von denen, die wir näher kennenlernen in diesem Buch, so denkt. Werle schert sich nicht darum und geht auf's Ganze, um der vom mütterlichen Rosenkranzterror mit lauter Unmöglichkeiten umstellten Innenwelt Edwards eine Sprache zu geben, die nicht an Realismus interessiert ist, eher Stifter, Jünger und Handke auf den Kopf stellt. Edwards Kinderperspektive, die sich das Jenseits als "weltloses Etwas, Luft auf Luft" erklärt, wird nie verschwinden. Das große schwarze Scheunentor, hinter dem der Tod sich verbirgt, mit riesigen Tieren, die "kirchturmgroße Schnauzen" haben, "Augen wie Mühlräder und Zungen, auf denen noch ganze Bäume hängen oder ein eingespeichelter, aber noch nicht hinabgeschluckter Mondberg", wird Edward bis an sein Ende begleiten.

In der weltzugewandten Kölner Zeit umgibt ihn dieses Wissen wie ein Distanzgebot. Er sieht das Tor vor sich, als er 1944 schwer verwundet aus dem Krieg in sein Dorf heimkehrt und nicht mehr arbeiten darf, er sieht es, wenn er seine Kinder vor sich hat, vor allem seinen Sohn mit dem sprechenden Namen Leip. Doch nicht einfach Todessehnsucht ist es, die Edward antreibt. Was ihn bewegt, ist erleuchtet von magischer Religiosität. Philine, die ihm in Köln eine Zeit lang eine Freundin ist, fragt ihn einmal nach seinem Evangelium. Ihre Verbindung löst sich, als ihr klar wird, dass er noch an der immer vergeblich angeschwärmten Diemut Viereck hängt, die stirbt, als Edward mit einem Granatsplitter im Kopf nachhause kommt. Doch nicht Eifersucht, sondern die ganz allein Edward gehörende Funktion dieser Sehnsucht ist es, die Philine stört: Diemuts Nachbild in seiner Erinnerung kann er nicht fassen, und in dieser Fassungslosigkeit will er sich wiedererkennen.

"Jedes Wesen", heißt es einmal, "soll von seiner Form befreit sein". Und was Edward sucht, ist ein "Etwas jenseits der Form". Dieser Edward ist auch ein Nachkomme von Büchners Lenz, der auf dem Kopf geht und nicht aushält, was er sieht. Edwards Sohn Leip, der sich nach dem Tod des Vaters erst recht allein gelassen fühlt - seine Mutter Brieg, die den versehrten Heimkehrer Edward halb aus Mitleid, halb aus Hoffnung auf ein leidliches Erbe geheiratet hatte, war ihm immer fremd - ist es, dem Simon Werle die Einsicht gibt in das, was diese schmerzliche Einsamkeit bedeutet: "Das Denken findet nicht im Innen statt. Es ist nur eine Form, wie das Außen sich ein Wesen einverleibt und einen Saum zu ziehen vorgibt, wo das Gewebe doch nicht endet. Es entsteht wohl eine scheinbare Höhlung, doch die Innenwände sind, bei genauerer Betrachtung, sämtlich Außenwände."

Simon Werles Der Schnee der Jahre ist ein Buch, das Einsilbigkeit atmet. Bisweilen ist das eine Zumutung, eine jedoch, die Edwards Wesen ebenso entspricht wie dem Leips, ihrem Schweben, ihrer unentschiedenen Existenz, deren Gefangene sie sind, fern der Nächsten. Was dieses Lebensverließ, diese Verlassenheit tatsächlich war, entwirft Simon Werle mit der Schlusssequenz seines Romans, die in Leips Ausbruch aus dem Leben eskaliert: er will nicht entkommen, seiner Mutter und ihrem neuen Mann, er sucht die Erschöpfung, die "Zerreißprobe, aus der herausgeflossen ist, was Leip sein muss und was Leip doch nicht sein kann; Leips Nichtleipsein und Leips Leipseinmüssen zugleich".

Simon Werle: Der Schnee der Jahre. Roman.Nagel & Kimche, München und Wien 2003, 443 Seiten, 23,50 €.

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