Sema Kaygusuz

In den Abgründen der Seele

Leidenschaft fürs Obskure: Die türkische Schriftstellerin Sema Kaygusuz.

Von MARTIN ZÄHRINGER

Sema Kaygusuz legt mit ihrem Debüt einen Roman vor, der sich vielleicht am weitesten von der modernen Linearität des türkischen Romans entfernt. Bei einer ersten Lektüre erscheint "Wein und Gold" irrational und mythopoetisch, tiefenpsychologisch und genderbeflissen, musikalisch und magisch, dunkel verborgen, aber auch poetisch berührend und dahinsprudelnd. Ich habe mich mit der Autorin und dem Dolmetscher Askin-Hayat Dogan im Berliner Literaturhaus für ein Hintergrundgespräch getroffen. Dort verbrachte die Autorin im Oktober auf Einladung des Goethe Institutes im Rahmen des Stadtschreiberprojektes Yakin Bakis zwei Wochen, um Berlin poetisch zu erkunden.

Der Roman besteht aus zwei Teilen mit jeweils unterschiedlichen Schreibweisen, die sich wechselseitig beeinflussen. Der erste Teil mit dem Titel "Wein" ist der Bericht einer jungen Frau, die das Sterben ihres alkoholabhängigen Vaters erlebt. Es ist eine existenzialistisch angehauchte Erzählung, zugleich eine Art Kulturpoetik des Weins und eine aufs Wesentliche reduzierte Erkundung menschlicher Einsamkeit. Der Alkohol hat vermutlich etwas mit dem Anliegen des Romans zu tun, das Unbewusste zu bewältigen und zu spiegeln, der Schauplatz einer Insel ist allerdings fiktiv.

Der zweite Teil mit dem Titel "Gold" führt vollends in einen imaginären Raum. Bei einem blutig-orgiastischen Auftakt in einer Höhle könnte man auf Anhieb den freudianischen Urhordenmythos inszeniert sehen, und in der Tat geht es hier um eine psychoanalytische Reise. Eine poetologische Beziehung zur wissenschaftlichen Literatur sieht die Autorin jedoch nicht: "Natürlich hat es damit zu tun, in der wissenschaftlichen Literatur findet sich eben das, was die Menschen erleben, aber hier ist etwas, das sich in meinen eigenen inneren Reisen herausgelöst hat."

Auf solchen Reisen ins Innere der Psyche folgen wir der Erzählerin nun in "Gold". Sie hat sich jedoch in verschiedene dramatische Personen transformiert, in eine Witwe, ihren Sohn und ein Pferd mit Namen Yasur. Das Pferd wird bald Teil eines merkwürdigen Opferrituals.

Die Frau und der Junge, also Mutter und Sohn, legen sich im Bauch des Tieres in einer intensiv intimen Begegnung zueinander, da denkt man an Otto Mühls Mysterientheater oder an ähnliche Rituale in der griechischen Mythologie. Oder ist es etwas Türkisches? Nein, es sei schlicht aus dem Leben gegriffen: "Als ich als kleines Kind in Kars gelebt habe, hörte ich eine Erzählung von einem Mann, der kurz vor dem Erfrieren war, den Bauch eines Pferdes aufgeschlitzt hat und dann dort hineingestiegen ist. Als Kind hat mich das sehr beeindruckt."

Der Junge wird nach diesem Akt ein berühmter Ringer, und Memoiren und Interviews von berühmten Ringern aus Edirne und der Besuch von Wettkämpfen bilden die Grundlage für poetisch beschriebene Ringkämpfe, die symbolisch für den Kampf um eine Rolle in der Gesellschaft stehen. Yasur selbst ist eine dichterische Erfindung der Autorin, es gibt keine bewusst integrierten Mythen - "Ich glaube, das liegt einfach in meiner Natur".

Diese Natur ist oral geprägt: "Meine Urgroßmutter kommt aus einer Tradition, in der Geschichten mündlich weitergegeben wurden, sie war Erzählerin. Und ihre Tochter war eine Frau, die bei Hochzeiten Gedichte vorgetragen hat, und meine Großmutter väterlicherseits hat mir Märchen erzählt. Ich schreibe alles auf, aber ich lese es mir dann laut vor. Wenn ich dann merke, dass der Rhythmus nicht stimmt, ändere ich das. Ich arbeite mit den Worten, als wären es Musiknoten."

Dieser Aspekt des Musikalischen findet sich im deutschen Text wieder, die Übersetzerin Barbara Yurtdas wusste offenbar, dass Teil I von Bach und Teil II von türkischer Volksmusik und Roma-Rythmen inspiriert sind. Der Leser wird zumindest von diesem Sprachrythmus mitgenommen, die erzählerischen Abläufe muss er nicht unbedingt verstehen: "Vielleicht wollte ich mich auch gegen den Wunsch des Menschen auflehnen, alles verstehen zu wollen, denn manchmal geschehen uns doch Dinge, die nicht ganz aufgelöst werden können. Zum Beispiel das Verlangen und die Sehnsucht nach dem eigenen Vater."

Eine zweite Hauptlinie in "Gold" ist die Erzählung von der Witwe, die sich nach dem Tod des Mannes selbst wie ein Mann kleidet und danach weitere Transformationen erlebt. Ich möchte wissen, warum? "Erzählt wird das Leben einer kämpferischen Frau, die zu ihrer eigenen Identität findet, indem sie ihre geschlechtlichen Übertretungen hinter sich bringt. In dieser Phase gelangt sie in eine problematische Position, in der sie eine Zeitlang selbst nicht weiß, was oder wer sie ist. Sie muss für eine gewisse Zeit zum Mann werden, oder besser gesagt - sich vermännlichen, damit sie am Leben bleiben und sich behaupten kann. Am Endpunkt kann sie dann für ihren verstorbenen Mann als Witwe ein Trauerlied singen." Es sieht so aus, als habe Sema Kaygusuz mit ihrem Schreiben ebenfalls ein solches Ende gesucht: "Das ist eine spezielle Problematik in der Welt, in der ich mich selbst befinde. Wenn eine Frau sich alleine behaupten will, muss sie etwas von einem Mann in sich haben."

In einer Passage über das Motiv des Kaleidoskops wird einmal Yasurs Unfähigkeit genannt, das Grundmuster hinter dem Farbenspiel des Lebens zu erkennen. Sema Kaygusuz hat ihres verraten: "Das Grundmuster ist die zweifache Ausfertigung einer Geschichte. Bei der ersten haben wir eine lineare Chronologie, die an der Oberfläche zu sehen ist, in der zweiten Etappe geht es darum, wie diese oberflächliche Linearität in unserem eigenen emotionalen Lebensfeld tiefer wird und was das bei uns für innere Kämpfe auslöst." Der deutsch-türkische Erzähler Feridun Zaimoglu hat kürzlich bekannt, er zähle sich zur Gegenaufklärung. Sema Kaygusuz darf sich auch dazu zählen, zu ihrer dunkelsten Fraktion, denn sie will aus Überzeugung literarisch "obskur" sein.

Sema Kaygusuz: Wein und Gold.

Roman. Aus dem Türkischen von

Barbara Yurtdas. Suhrkamp Verlag 2008, 390 Seiten, 24,80 Euro.

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