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Abgetaucht

Drei Bücher für Heranwachsende über das düsterste Kapitel deutscher Geschichte

Von GÜNTER KUNERT

Unbestreitbar ist, dass König Herodes zu biblischen Zeiten gelebt hat. Aber ob er tatsächlich den bethleheminischen Kindermord anstiftete, scheint unbeweisbar. Hingegen ist der Kindermord während der Nazizeit ein unleugbares Faktum. Weil entweder von Juden oder Zigeunern abstammend oder weil sie geistig behindert waren, wurde mit ihnen kurzer Prozess gemacht. In Berichten und Biographien, in der Literatur wird das trostlose Schicksal der zum Tode Verurteilten kenntlich. Und immer wieder wird beim Lesen entsprechender Bücher der einstige Schrecken deutlich.

Ich habe mich nach der Lektüre dreier Bücher gefragt, ob man solche Texte Kindern in die Hand geben sollte; ob man sie nicht damit traumatisiere, ihnen ein Misstrauen gegen die Erwachsenenwelt einimpfe, deren gegenwärtige Friedlichkeit keine Ewigkeitsgarntie enthält. Dennoch: die heutigen Kinder und Jugendlichen leben ohnehin in einem Umfeld, das sie täglich mit Horror, realem und fiktivem, konfrontiert und dergestalt die Kindheit selber fragwürdig macht. Insofern ist es legitim, Publikationen über das düsterste Kapitel der deutschen Geschichte den Heranwachsenden (und ihren Eltern) zu empfehlen.

Bei den besagten drei Büchern handelt es sich um Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens von Elisabeth Zöller, Abgetaucht! Als U-Boot im Widerstand von Eugen Herman-Friede und Julians Bruder von Klaus Kordon.

Anton, der behinderte Junge, wird von seiner Mutter versteckt, wird von den Mördern gesucht, bis die Mutter einen rettenden Einfall hat: "In dieser Zeit kann ein Behinderter am besten tot überleben." So fährt sie zu einem Arzt, einem Freund der Familie, und bekommt als Gegengabe für einen großen Schinken einen Totenschein, der Antons Ableben amtlich beglaubigt.

So überlebt Anton als einer der wenigen die systematische Tötung behinderter Kinder. Er malt und zeichnet in seiner Kammer bis der Krieg zu Ende ist. "Anton verbringt die letzten Jahre seines Lebens in einem Krankenhaus für geistig Behinderte, das eine eigene Malschule hat. Er stirbt mit über 60 Jahren." Wäre das Adjektiv nicht derart abgedroschen, ich würde das Buch "anrührend" nennen; im Gegensatz zu den Dokumenten über jene Anstalten, die alles andere als "Heil- und Pflegeanstalten" gewesen sind, wird hier an einem einzelnen Fall die unerhörte Unmenschlichkeit des Regimes aufgedeckt, und zwar in einer spannenden Geschichte, die, weiß Gott, für junge Leser geeignet ist.

Eugen Herman-Friedes Buch ist ein Teil seiner Autobiographie. Friede erfuhr nach Verkündung der Rassengesetze 1935, dass er Jude sei; im abgedruckten Zeugnis steht: "Religion - nicht arisch". Darüber könnte man lachen, wären die Folgen nicht so fatal gewesen.

Auch Eugen muss versteckt werden und wandert von einer Helferfamilie zur nächsten, bis er schließlich in Luckenwalde in einem Gasthaus landet, wo bereits andere untergetauchte Verfolgte (sogenannte "U-Boote") hausen. Dort bildet sich eine Widerstandsgruppe, und man staunt über die Naivität der Beteiligten, die Flugblätter gegen Hitler schreiben, um sie hier und da heimlich zu verteilen. Eugens Eltern, durch den "arischen" Teil des Paares geschützt, besuchen den Sohn ab und zu. "Am Morgen des 11. Dezember saßen wir beim Frühstück. (...) Wir alle hörten jetzt deutlich schwere Tritte draußen auf den knarrenden Holzstufen. Ich war schon im Kleiderschrank, als es kräftig gegen die Holztür bummerte und eine Stimme wütend rief: 'Aufmachen, wird's bald!' Eugen wird aus dem Schrank gezerrt und geschlagen. Dann werden die drei abgeführt und auf ein Polizeirevier gebracht. "Papa, noch immer gefesselt, schob mich vor sich her in eine Ecke, wo uns niemand hörte, und flüsterte mir, nach jedem Wort Luft holend, zu: 'Ich konnte das Veronal einstecken. Willst du es haben? Vielleicht hast du es nötiger?'" Dann wird der Stiefvater herausgerufen. Und die keineswegs erfundene Szene endet mit dem Satz: "Ich habe Papa danach nicht wiedergesehen."

Eugen wird durch mehrere Gefängnisse geschleift, entgeht wie durch ein Wunder dem Tod und wird, im Chaos der letzten Kriegstage, aus einem Bunker ins Freie entlassen: Die Freiheit selber ergibt sich erst mit der endgültigen Kapitulation, mit dem Einmarsch der Russen in Berlin. Dann kommt auch die Mutter zurück, aus dem KZ-Ort namens Theresienstadt, als alte, gebrochene Frau. Da ist ihr Sohn 19, betrogen um Kindheit und Jugend.

Klaus Kordons Buch Julians Bruder nennt sich Roman und erweckt dennoch den Eindruck, es handele sich um eine Autobiographie. Der Erzähler Paul ist mit Julian eng befreundet: Beide wurden 1934 eingeschult. "Dass Julian und seine Eltern Juden waren, habe ich lange nicht gewusst. Nicht mal Jule selber hat es gewusst. Sogar das Wort 'Jude' war uns fremd." Freilich sollte es nicht lange dauern, bis die Betroffenen mit der Nase auf ihre Abkunft im wahrsten Wortsinne gestoßen wurden.

Es beginnt in der Schule, wo ältere Jungen Julian trietzen. An einem heiteren Sommertag, als Julian heimkommt, muss er erfahren, dass seine Eltern inzwischen abgeholt worden sind. Pauls Mutter tröstet ihn und sorgt für sichere Unterkünfte. Julian wird, wie ein Bruchteil der jüdischen Bevölkerung Berlins, zum "U-Boot".

Stets in Kontakt mit dem "Zwilling" Paul, überlebt Julian das Dritte Reich, aber seine Odyssee ist noch nicht zu Ende. Denn er und Paul werden gleich nach der Kapitulation von den Russen als "Wehrwölfe", Mitglieder einer Organisation, die nach Hitlers Absicht als eine Art von Partisanen den Krieg fortsetzen sollte, verhaftet und, Hohn der Geschichte, ins ehemalige KZ Buchenwald verfrachtet, das von der Besatzungsmacht weiter genutzt wird. Hier, wird behauptet, würden führende Nazis interniert: eine Lüge, wie man inzwischen weiß, da 90 Prozent der eingesperrten Deutschen später vom obersten Gericht in Moskau rehabilitiert wurden.

Jahrelang sitzen die beiden Jungen hungernd und frierend im Lager. Paul wird 1947 mit anderen entlassen. Julian überlebt die Internierung nicht; er stirbt in der Krankenbaracke. Er hatte, wie es heißt, zu viel erlebt, um der Krankheit noch Gegenwehr leisten zu können.

Das 20. Jahrhundert war reich an Tragödien, deren Echo immer noch nachhallt. Es ist ein Irrtum zu glauben, man könnte sich von der Vergangenheit trennen; man könnte sie "bewältigen". Wer glaubt, dem einstigen Geschehen entfliehen zu können, erliegt einem Wunschdenken. Die Ermordeten von gestern werden weiterhin durch das deutsche Haus spuken - allen Exorzismusversuchen zum Trotz.

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