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Abgesang

Berlin Verlag wieder solo

Von Ina Hartwig

Die Spatzen singen es schon länger von den Dächern, aber wie es so Spatzenart ist, singen sie selten in derselben Tonart. Was beim einen Spatzen mehr nach Abschiedskrächzen klingt, wird in der Kehle des anderen zu einer Aufbruchsmelodie. Was sie singen, ist dies: Der Berlin Verlag ist wieder unabhängig. Die Verlagsgruppe Random House hatte 1998 die Mehrheitsanteile des 1994 von dem damaligen Programmgeschäftsführer des S. Fischer Verlags Arnulf Conradi zusammen mit seiner Frau Elisabeth Ruge gegründeten Berlin Verlags erworben. Nun hat Arnulf Conradi, offenbar auf eigenes Betreiben hin, den Verlag zurückgekauft, rückwirkend zum 1. März. Über den Kaufpreis wurde nichts bekannt gegeben. "Wir danken Herrn Dr. Conradi für seine verlegerische Arbeit und für seinen hervorragenden Beitrag zum literarischen Leben der Bundeshauptstadt Berlin. Wir wünschen ihm für die Zukunft des Berlin Verlags viel Erfolg", formuliert die Pressemitteilung von Random House den Abgang, die Befreiung, oder sollte man nicht lieber sagen: den Verlust?

Mit dem Berlin Verlag verliert die Verlagsgruppe Random House/Bertelsmann in der Tat sowohl einen Stamm renommierter Autoren - darunter Péter Esterházy, Susanne Riedel, Péter Nádas, Ingo Schulze, Elfriede Jelinek, Richard Ford, Zeruya Shalev, Nadime Gordimer und Margaret Atwood - als auch, mit Arnulf Conradi, einen Liebling der internationalen Verlagswelt. Wenige deutsche Verleger dürften so geschliffen in der englischsprachigen Welt auftreten wie er. Andererseits war der Berlin Verlag seit einem Jahr in finanziellen Schwierigkeiten. Worauf der empfindliche Umsatzrückgang zurückzuführen ist, lässt sich kaum mit Sicherheit beantworten, doch könnten zwei Faktoren eine Rolle gespielt haben: erstens das trotz der hochrangigen Autoren recht beliebig gewordene literarische Programm, zweitens die Verluste durch den Taschenbuchverlag BvT. Anders als etwa dem Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch, der sich auf junge Autoren aus aller Herren Ländern spezialisiert hat, ist es dem Berlin Verlag - trotz der großen Sympathie von Seiten der Presse zumindest in den ersten Jahren - zuletzt kaum mehr gelungen zu signalisieren, wofür das Programm eigentlich steht.

Der hauseigene Taschenbuchverlag BvT, der jetzt ebenfalls von Conradi zurückgekauft wurde, war im Jahr 2000 gegründet worden, als die Branche sich gerade in einem Höhenrausch befand. Es war, wie man heute sehen muss, keine glückliche Verlagsgründung, bedeutete sie doch in der Konsequenz, dass auf den Handel mit den einträglichen Lizenzen für das Taschenbuch verzichtet wurde. Die Taschenbuchlizenzen wurden statt dessen intern weitergereicht. Doch trotz all dieser unbestreitbaren Probleme, die wiederum nur teilweise hausgemacht sind, stellt sich die Frage, ob es nicht klüger gewesen, wenn Random House sich bemüht hätte, den Berlin Verlag zu halten (und zu verschlanken), den Taschenbuchverlag BvT jedoch zu veräußern, anstatt beide ziehen zu lassen? Es ist und bleibt letztlich schwer einzusehen, wie Random House auf einen so attraktiven Stamm von Autoren meint verzichten zu können.

Der Konzern gibt sich hinsichtlich eines anspruchsvollen belletristischen Programms unter seinem Dach widersprüchlich. Einerseits heißt es, heute könnten literarische Verlage in der Unabhängigkeit besser bestehen, andererseits wird betont, man wolle weiterhin ein solches Profil beherbergen. Ob jedoch der Münchner Luchterhand Verlag das durch den Weggang des Berlin Verlags entstehende Vakuum eines anspruchsvollen literarischen Programms füllen kann, darf zumindest bezweifelt werden. Es ist kein Geheimnis, dass Luchterhand - seit Herbst 2001 Random House gehörend - ebenfalls in der Krise steckt. Zwar verfügt der Verlag mit Christa Wolf über ein verkaufsstarkes Zugpferd, doch ist das Programm weder besonders umfangreich noch besonders prickelnd.

All jene Veränderungen finden statt im Rahmen eines größeren Umbaus innerhalb der Verlagsgruppe Random House, dessen Ziel ganz gewiss eine Optimierung der Umsätze ist. Erst kürzlich hat Random House die Axel Springer-Verlagsgruppe Ullstein-Heyne-List gekauft. Zu dieser Gruppe gehört auch der Propyläen Verlag, dessen konservativ-historisch ausgerichtetes Programm sich mit dem des Siedler Verlags zum Teil überschneidet. Da der bisher von Arnulf Conradi geleitete Siedler Verlag bei Random House bleibt (nun unter Leitung des bisherigen Cheflektors Thomas Sparr), stellt sich die Frage, was mit Propyläen geschehen soll. Der Umbau, so viel steht fest, ist alles andere als abgeschlossen. Bleibt nur zu hoffen, dass der Siedler Verlag, dessen in den letzten Jahren modernisiertes und liberalisiertes Programm dem Umsatz förderlich war, in der Hauptstadt bleibt, wo dieses Berliner Urgestein hingehört.

Arnulf Conradi sucht hingegen einen neuen Investor für seinen Berlin Verlag, und es ist anzunehmen, dass er ihn schon gefunden hat. Warum sonst hätte er eine Loslösung von Random House vorantreiben sollen? Die Entlassung in die Unabhängigkeit dürfte daher eine Fiktion sein, eine freundliche Sprachregelung, auf die Random House und Berlin Verlag sich für die Öffentlichkeit einigen konnten. Ein neuer Investor wird auch neue Abhängigkeiten schaffen: Wenn auch sonst noch alles offen ist, so viel steht fest. So richtig froh dürfte niemand sein in diesem ernsten Spiel.

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