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Daniel Odija „Auf offener Straße“

Abgenutzt und ausgedient

Der wichtigste polnische Roman der letzten zehn Jahre: Daniel Odijas „Auf offener Straße“.

Von Mathias Schnitzler

Ulica Dluga heißt sie, Lange Straße. Sie ist aber gar nicht lang. Die Dluga, die Lange, in der kleinen nordpolnischen Stadt, deren Name nichts zur Sache tut, ist sogar recht kurz. Wie das Leben mancher ihrer Anwohner. Vorgärten sucht man hier ebenso vergebens wie vorzeigbare Autos. Schon gar keinen in Silber metallic. Zuchttauben flattern um einen alten Schornstein. Am Wegrand liegt seit Tagen eine Katze. Mit geplatztem Schädel. Und die Menschen? Wir werden sehen.

Schon nach den ersten zwei Sätzen hat man ein Bild vor Augen, denn es gab und gibt diese Straße in jeder polnischen Stadt, ob klein oder groß. Ob Kommunismus oder Konsumismus, das ist völlig egal. Hier ändert sich nichts. Doch halt, die Dluga „ist vielleicht ein wenig verwahrloster als die übrigen und vergessener. Vielleicht auch schmutziger und heruntergekommener. Und etwas schäbiger.“ Im Original schreibt Odija „troche bardziej wysluzona“, also: abgenutzter, ausgedienter. Das trifft die Sache noch besser, die Straße wie die Leute.

Geht man durch die Dluga, wähnt man sich in einem Schwarz-Weiß-Film, obwohl man unter dem Ruß an den Wänden – geheizt wird mit Kohle – ein billiges Gelb vermuten kann. Oder Backstein, der irgendwann einmal rot war. Wenn die Häuser doch einen neueren Anstrich haben, reicht er nur bis zur zweiten Etage. Diejenigen, die gemalt hatten, erklärten später, dass ihre Leiter nicht höher gereicht hätte.

In der Dluga wohnen keine heiligen Trinker und warmherzigen Huren, wie sie in polnischen Romanen gerne mal erscheinen, weil die Schriftsteller mit der harten, ungeschönten Wirklichkeit nicht klarkommen. Aber Trinker gibt es in der Dluga natürlich viele und auch die drei Cebulas, die für Geld, manchmal auch für Schnaps ihren Arsch hinhalten. Gelernt haben sie das von der Mutter. Der, den sie Kanada nennen, lebt in einer Bretterbude im Hinterhof. Wenn es stürmt, droht seine Welt davonzufliegen. Pattex, wie der Name schon sagt, schnüffelt sich hingegen das Hirn weg, weil er nicht die Natur eines Bettlers hat.

Eine Mutter beobachtet durchs Fenster, wie ihre Tochter den Bruder mit dem Messer angreift; doch sie ist mit den Gedanken woanders. Und da kommen Zaba und Mucha; ihr Fußballklub „Gryf“, mittlerweile in die Kreisliga abgestiegen, hat wieder verloren. Dafür kriegt jetzt jemand in der Dluga auf die Fresse. Vielleicht Globus, der, seltsam genug, seit einiger Zeit Spaziergänge unternimmt. Spaziergänge, wer macht denn so was? „An Christus glaube ich auch“, antwortet er dem Pfarrer, den man geholt hat, weil er sich so komisch benimmt. „Aber das Kreuz mit dem Christus war teurer, drum hab ich den Buddha gekauft.“

Mit dem Roman „Auf offener Straße“ (im Original schlicht „Ulica“) wurde Odija vor zehn Jahren in Polen bekannt. Während sich das Land daran machte, nach vorne zu blicken und in Danzig, Krakau, Warschau die Fassaden erglänzten; während die Kredite und die Geschäfte wuchsen und die Autos größer wurden; während die jungen Schriftstellerkollegen in ihren Büchern mit Speed oder gleichgeschlechtlicher Liebe die Konservativen und die Kirche provozierten, dabei aber schnell marktkonform wurden, erzählte Odija von denjenigen, die stehen geblieben oder gefallen und nicht mehr hochgekommen waren: im wohl wichtigsten polnischen Roman der letzten Dekade. In kurzen Sequenzen, ein bis zwei, höchstens drei Seiten lang; lakonisch, eindringlich, verstörend und von einer nie aufgesetzten, nie kitschigen Poesie. Manchmal kann man auch den Atem der Männer riechen.

„Auf offener Straße“ ist wie sozialistischer Realismus ohne Sozialismus – ohne Lügen und positive Helden. Kapitalistischer Realismus also? Lohnt es sich, einen Roman zu lesen über eine Straße voller Menschen, die gemeinhin als Verlierer und Versager bezeichnet werden? Odija schreibt über Polen, wie es seit dem jungen Stasiuk kein Zweiter mehr getan hat; doch der hat mittlerweile die Nase voll von seinem Land und treibt sich lieber auf dem Balkan rum. Odija hat einen Blick für die Menschen. Er will ihnen keine Würde verleihen, denn ein besoffener 50-Jähriger, der gelegentlich Löcher in Rohren flickt, im Augenblick aber vor der Bushaltestelle liegt, was soll der mit jener großspurigen Würde anfangen, die Poeten so gerne verleihen. Ein fester Job, endlich wieder Strom in der Bude, ein wenig Wärme, auch menschliche, das wär’s.

Odija ist das verdrängte Gewissen des aufstrebenden und hippen Polen, das für den neuen Glanz seine Peripherie aufgegeben hat. War Odija damals, als der Roman herauskam, noch ziemlich allein mit seinem dreckigen Realismus und schockte das Publikum mit heftigen Darstellungen der Armut und Verrohung, gibt es heute einige Autoren, die genau beobachten, was abseits der Einkaufsmeilen und Cafés los ist. Einen Steinwurf entfernt von der Dluga liegt übrigens der Friedhof. „Zu Allerseelen flackern die Toten mit Tausend Flämmchen, und es hat den Anschein, als zögen sie in Richtung Zentrum. Wenn sie das wirklich wollten, kämen sie natürlich durch die Lange Straße.“

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