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„Aber ich lebe“ – Ganz normale Familien

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Von: Judith von Sternburg

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Emmie Ardel und der Löffel ihrer Mutter. Bild: Barbara Yelin/Verlag C.H. Beck
Emmie Ardel und der Löffel ihrer Mutter. Bild: Barbara Yelin/Verlag C.H. Beck © Barbara Yelin/Verlag C.H. Beck

„Aber ich lebe“, eine Graphic Novel zu den Erinnerungen von jüdischen Kindern in der NS-Zeit.

Man hofft immer, dass viele Kinder entkommen konnten, sie sind so klein, aber sie sind auch so hilflos. Die Kulturwissenschaftlerin Iris Därmann erklärte bei der Sigmund-Freud-Preisverleihung am Wochenende in Darmstadt: „Die Massentötung von Säuglingen, Kindern und Jugendlichen war der Kernbestand des deutschen Verbrechens gegen die Menschheit“ und zitierte eine Berechnung für Polen: „Von fast einer Million jüdischer Kinder im Alter bis zu 14 Jahren gab es am Kriegsende noch etwa 5000.“

Nico Kamp, der fünf war, als die Eltern ihn mit seinem siebenjährigen Bruder zusammen zu fremden Menschen in das erste Versteck (von schließlich 13) gaben, erinnert auch an die „Reichsausschusskinder“: „Mindestens 275 000 deutsche jüdische und nichtjüdische Kinder fielen dem ,Euthanasie‘-Programm zum Opfer“, schreibt er in seinem kurzen Text für „Aber ich lebe.“ Vorher kann man ihn und seinen Bruder Rolf in der Bildererzählung von Gilad Seliktar kennenlernen: Die drei treffen sich 2019 in Amsterdam, der israelische Zeichner fragt die in Krefeld geborenen, nach der ersten Flucht der Familie in den Niederlanden aufgewachsenen Brüder nach ihrer Geschichte (an die sie sich in Details durchaus unterschiedlich erinnern, spannend). Nicht nur hier fällt der Satz von der „ganz normalen Familie“, die sie waren.

Als nach dem Einmarsch der Deutschen wenigstens die Kinder untertauchen sollen, trennt die Mutter vorsichtig alle Sterne von der Kleidung ab. „Man musste achtgeben, dass keine Spuren mehr zu sehen waren.“ Nico ist noch so klein, dass er einmal vor Leuten damit angibt, er werde bald sechs und könne dann auch den Stern tragen wie die größeren Jungs. „Ich dachte, das wäre etwas, auf das ich stolz sein konnte.“ Es ist nicht leicht, ein Kind zu schützen, aber hier gibt es genug Menschen, die es wenigstens versuchen, von Monat zu Monat, von Tag zu Tag. Der Vater wird in Auschwitz ermordet. Die Mutter überlebt das KZ.

Das Buch

Barbara Yelin / Miriam Libicki / Gilad Seliktar: Aber ich lebe. Vier Kinder überleben den Holocaust. A. d. Engl. v. Rita Seuß. Hrsg. v. Charlotte Schallíé. C.H. Beck, München 2022. 176 S., 25 Euro.

Es ist – obwohl es große Beispiele dafür ja bereits gibt – unerwartet erschütternd, das in einer Graphic Novel zu sehen und zu lesen: Einzelne Sätze können Donnerschläge sein, Bilder erzählen alles weitere, auch Unaussprechliches. „Aber ich lebe“, für das nicht nur der 9. November ein geeigneter Tag ist, ist ein großes Projekt mit großem Ergebnis. Wie es dazu kam, wird im Buch geschildert, hier nur so viel: Die Comic-Künstlerin Barbara Yelin („Tagebuch eines Zwangsarbeiters“), ihre Kollegin Miriam Libicki, die in Vancouver lebt, und Gilad Seliktar erzählen jeweils die Geschichten von Emmie Arbel, David Schaffer und den Kamp-Brüdern.

Emmie Arbel war in Ravensbrück. „Der Tod war uns sehr vertraut.“ Das Wort „Überlebende“, das nach Mitleid klingt, mag sie nicht. „Ich war nicht schwach“, sagt sie, auf dem nächsten Bild sagt sie noch einmal: „Ich weiß, dass ich stark bin.“ Auf dem nächsten Bild sieht man sie an ihrem Tisch, eine alte stille Frau mit Zigarette. Dann blättert man um, und sie ist wieder im KZ. Die Mutter stirbt kurz nach der Befreiung, „Ich schlafe selten mehr als drei Stunden pro Nacht“, sagt Emmie Arbel und: „Wisst ihr, immer wenn ich nach Deutschland komme, habe ich das Gefühl, ich muss etwas stehlen.“ Das macht sie auch, Kleinigkeiten. David Schaffer, 1931 in Vama in der Bukowina geboren, erzählt, wie er mit den Eltern während der Deportation flieht und sich unter unfassbaren Umständen durchschlägt. „Man kann es Widerstand nennen, man kann es Überlebensinstinkt nennen ... .“

Die Zeichnungen zeigen ganz eigene Handschriften, Yelin für die Finsternis des KZs, Libicki für den von ihr scharf ausgeleuchteten Horror in Wald und Flur, Seliktar für die grau-in-graue Welt, in der Kinder stets verschwiegen sein müssen. Hinten kommen Erzählerin und Erzähler direkt zu Wort, dazu gibt es Texte zum Kontext, so dass „Aber ich lebe“ am Ende auch ein Kompendium zu Kindern im Holocaust ist.

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