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Saša Stanišic erzählt auf 350 Seiten von seiner „Herkunft“.

Saša Stanišic

Das Abenteuer-Buch

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Saša Stanišic schreibt in „Herkunft“ von sich und ernährt damit dankbare Leser.

Dieses Buch ist ein Roman und doch keiner, eine Autobiografie und doch keine. Es zieht den Leser an verschiedenen Zipfeln hinein und verknotet diese Enden mit dem Erzähler-Ich. Saša Stanišic erzählt auf 350 Seiten von seiner „Herkunft“, so der Titel. Er beschäftigt sich mit der Heimat – für sich, für sein Kind, für seine Eltern und Großeltern. Dabei zeigt er sich der Brisanz des Themas heute, „in einer Zeit, als Ausgrenzung programmatisch und wieder wählbar wurde“ bewusst. Er nutzt diese Brisanz sogar.

Vorweg sei bemerkt, dass das Schriftprogramm, über das wir für die Zeitung verfügen, leider nicht in der Lage ist, den Namen des Autors korrekt abzubilden. Zwar gibt es für das „s“ das umgekehrte Dach, was es zu einem Sch-Laut macht. Doch müsste auch das „c“ am Ende ein nach rechts gerichtetes Strichlein haben – für ein gequetschtes Tsch.

Damit sind wir bei einem der vielen Aspekte des Themas, dem Anders-Sein. Der Autor ist in Višegrad geboren, das heute zu Bosnien und Herzegowina zählt, aber damals, 1978, einfach Jugoslawien war. „Das aber nicht mehr lang“, schreibt er. „Der Sozialismus war müde, der Nationalismus wach.“ 1992 musste seine Familie die Heimatstadt verlassen, nicht allein, weil dort Krieg tobte, sondern weil die Mutter als Bosnierin (obwohl verheiratet mit einem Serben) nicht mehr sicher war.

Saša Stanišic lernt schnell Deutsch (anfangs mit dem großen Anpassungsdruck der Schule), schreibt Gedichte auf Deutsch (angeregt durch einen Lehrer), studiert Literatur, bleibt aber durch seinen Namen als so besonders erkennbar, dass er ihn in der Not – etwa bei der Wohnungssuche – schon germanisiert hat. „Ich weiß noch, wie es sich anfühlt, für etwas keine Sprache zu haben“, schreibt er über seine Jugend. Nicht nur seine Biografie, sein Ich ist durch die Zweisprachigkeit geformt. Das fängt hier mit der Schlange in den Bergen bei der Großmutter an, die ihm nur als „posok“ einen Angstkitzel beschert, also auf Serbokroatisch, „das übersetzte Wort – Hornotter – lässt mich kalt.“

„Herkunft“ zu lesen, ist ein Abenteuer, weil es viele Gedankenwege eröffnet, auf denen man Erfahrungen vergleichen kann. Eltern und Großeltern haben auch andere Menschen, aber Saša Stanišic erlebt als Jugendlicher mit, wie seine Eltern in Deutschland Jobs annehmen müssen, für die sie überqualifiziert sind, die sie krank machen, die aber ihre einzige Möglichkeit zum Arbeiten sind. „Mutter, die Politologin, landete in einer Großwäscherei. … Vater, den Betriebswirt, verschlug es auf den Bau.“ Abgeschoben werden sie dennoch.

Ihm wird in der Gegenwart seines Schreibens bewusst, dass er sich damals zu wenig für seine Eltern interessiert hatte, weil er selbst damit beschäftigt war, in der neuen Gesellschaft anzukommen. Seine Großmutter Kristina, die ihn einst mit Geschichten gefüttert hatte, versinkt inzwischen in der Demenz, je tiefer er in Erinnerungen gräbt, desto stärker verliert sie die eigenen, Telefonate mit ihr, Besuche bei ihr sind eingewebt in diesem Erzählteppich.

Auch Freunde haben die meisten Menschen, seine trifft Saša Stanišic als Jugendlicher an einer Tankstelle, sie kommen von überall her, denn er besucht eine, wie man heute sagt, Willkommensklasse. Dass Rike seine erste deutsche Freundin ist, hat einen hohen Wert.

„Herkunft“ zu lesen, bedeutet auch ein Sprachabenteuer, weil dieser Autor mit Humor, mit Genauigkeit, mit einer Gleichzeitigkeit, die Zeiten verschwimmen lässt, so viele Möglichkeiten des Erzählens probiert. Er wechselt zwischen Erinnerung, Recherche und Erfindung mal von Kapitel zu Kapitel, manchmal aber sogar innerhalb eines Absatzes. Da gibt es persönliche, sehr emotionale Stellen, die einen stocken und langsamer lesen lassen. Etwa über seine Mutter, die als erste in ihrer Familie studierte – „die ethnische Herkunft allerdings hing ihr wegen ihres arabischen Namens an wie ein hartnäckiges Gerücht.“ Und wie er sich als Jugendlicher in Heidelberg für seine Eltern schämte. Das zu lesen, lässt Gänsehaut wachsen.

Dann gibt es rasante Passagen, mit politischen Widerhaken, so, wenn er von den „Reliquienhändlern“ schreibt, die in Erinnerung an Tito und das alte Jugoslawien zusammenkommen. Oder wenn die Schreibzeit in den Text schießt: Im August 2018 sind es die Demonstranten von Chemnitz. „Migranten wurden angefeindet, der Hitler-Gruß hing über der Gegenwart.“ Der nächste Absatz gilt seiner Kindheit. Darin, dass diese Brüche das Buch nicht auseinanderfallen lassen, beweist sich die Meisterschaft dieses Autors. „Literatur ist ein schwacher Kitt“, schreibt er zwar, aber er hat die Sprache, das Zersplitterte nebeneinander zu legen. Ein besonderer Clou sind die letzten sechzig Seiten, aufgebaut wie ein Brettspiel: Fragen schicken den Leser in verschiedene Richtungen und offerieren mehrere mögliche Enden.

Mit seinem Erzählungsband „Fallensteller“ und den ersten beiden Romanen „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ (2006) und „Vor dem Fest“ (2014) hat Stanišic sich sofort seinen Platz in der Gegenwartsliteratur erobert. Die Bücher wurden von der Kritik gelobt, ausgezeichnet, in mehrere Sprachen übersetzt und außerdem gut verkauft. In das neue Buch lässt er seine Sozialisation als Leser, Geschichtenhörer und -erfinder in einem doppelten Sprachraum einfließen. Da entfaltet sich seine Erzählmethode noch schillernder.

Saša Stanišic legt alles offen. Er breitet seine Herkunft aus und seine Arbeitsweise: „Die Abschweifung ist der Modus meines Schreibens.“ Oder: Fiktion, wie er sie sich denke, „ist ein offenes System aus Erfindung, Wahrnehmung und Erinnerung, das sich am wirklich Geschehenen reibt“. Wer sich das nicht nur denkt, sondern so überzeugend umsetzen kann, der versteht nicht nur viel vom Schreiben, sondern ernährt dankbare Leser und bringt die Literatur weiter.

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