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Ein Abend im Club

Arbeit, Wert und Kapital? Die alten Begriffe, meint André Gorz, passen nicht mehr für die neue Ökonomie des Wissens

Von GOTTFRIED OY

Immaterielle Arbeit, dieses merkwürdige Amalgam aus intellektuellen, kommunikativen und affektiven Elementen, ist zum "Herz" kapitalistischer Wertschöpfung geworden; einer Wertschöpfung allerdings, die auf wackligen Beinen steht. Soweit André Gorz, einer der prominenten Kritiker jener modernen Ökonomie, die nicht nur mit dem Adjektiv immateriell, sondern auch mit Wissen und Intelligenz identifiziert wird. Er macht ein Paradoxon jener auf der Produktivkraft Wissen basierenden Wirtschaftsweise aus: Um verkäuflich und verwertbar zu sein, muss Wissen in Privateigentum verwandelt und verknappt werden - allerdings eignet es sich dazu ganz und gar nicht, es droht die hausgemachte Krise.

In seinem Essay zur "Kritik der Wissensökonomie" folgt Gorz der globalisierungskritischen Bewegung in ihrem Kampf gegen die künstliche Verknappung von Wissen zulasten eines Großteils der Weltbevölkerung. Vom patentierten Saatgut über geschützte Software bis hin zur genetischen Neuprogrammierung des Menschen: Eine Koalition der "Dissidenten des digitalen Kapitalismus" sei notwendig, um das Schlimmste zu verhindern.

Was ist ökonomisch verwertbares Wissen? Früher wurde damit das assoziiert, was Ingenieure an Innovationen in den Produktionsprozess einbrachten. In Form von Maschinen und anderen technischen Apparaturen befand sich diese Art des Wissens in Privatbesitz und war durch Patente und Urheberrechte geschützt. Heute hingegen ist das Wissen "lebendig" geworden: Gefragt ist eine spezifische Melange aus Erfahrung, Urteilsfähigkeit, kommunikativen Stärken und Selbstorganisierungstalent, um die Anforderungen moderner Warenproduktion zu meistern - einer Produktion, bei der die Herstellung von Markenimages an Bedeutung dem eigentlichen Produkt schon lange den Rang abgelaufen hat.

Ans kulturelle Gepäck

Während im Frühkapitalismus und später im Fordismus als Voraussetzung für stumpfsinnige Fließbandarbeit mühsam Kenntnisse und Gewohnheiten abtrainiert werden mussten, geht die Entwicklung heute - zumindest in der nördlichen Hemisphäre - in die entgegengesetzte Richtung. All das "kulturelle Gepäck", das bislang verleugnet wurde, soll heute als kreatives Moment in den Produktionsprozess mit eingebracht werden. Grenzen setzt dieser neuen Form der Ausbeutung nur das klassische Lohnarbeitsverhältnis. Konsequent ist hier, so Gorz, die Forderung nach dessen Abschaffung - von Unternehmerseite wohlgemerkt: "So sehen zumindest die Neoliberalen die Zukunft der Arbeit: Abschaffung der Lohnarbeit, verallgemeinertes Selbstunternehmertum, Subsumtion des ganzen Menschen und des ganzen Lebens unter das Kapital, mit dem sich jedermann vollkommen identifiziert."

Lassen sich die Arbeitsverhältnisse eventuell noch auf diese Weise an die neuen Erfordernisse anpassen, so führt die Notwendigkeit, neue Formen von Wissen und Intellektualität in den Produktionsprozess zu integrieren, zur Krise des Wertbegriffs. Wissen entzieht sich der Messbarkeit, ein einheitlicher Maßstab, wie zuvor die Arbeitszeit, ist nicht mehr vorhanden. Ob nun das Musizieren, das Spiel mit den Kindern, der Abend im Club oder der Brunch mit Freunden die entscheidenden kreativen Impulse brachte, lässt sich im Nachhinein nicht mehr feststellen. Wichtig ist nur, dass der immaterielle Arbeiter nicht mehr auf die Uhr schaut: Insofern ist seine Arbeitszeit auch nicht mehr messbar, die heilige Dreieinigkeit des Kapitalismus - Arbeit, Wert und Kapital - gerät somit ins Wanken.

Freie Verbreitung verhindern

Das lebendige Wissen kann im postmodernen Kapitalismus allerdings nur zur Hauptquelle der Wertschöpfung werden, weil Zugangsbarrieren die seinem Charakter viel eher entsprechende freie Verbreitung verhindern. Das bedeutet wiederum im Umkehrschluss, dass prinzipiell die Chance besteht, Wissen zu kollektivieren und somit die Wertschöpfung selbst anzugreifen. Gorz sieht somit die Menschheit vor einem Scheideweg: Entweder setzt sich die Erkenntnis durch, dass die kostenlose Verbreitung die Fruchtbarkeit des Wissens steigert oder es droht eine "posthumane Zivilisation", in der Gemeingüter und Lebenswelten weiterhin privat angeeignet und dadurch zerstört werden.

Gorz selbst verortet sich auf Seiten der Dissidenten des Wissenskapitalismus, wenn er anprangert, zu welch kruden eugenischen Horrorszenarien Gentechnik und Neurowissenschaften schon heute gerne fähig wären. Dabei steht ihm allerdings seine letztlich defensive Position im Weg. Er tritt an, um einen Kern der Humanität vor dem Zugriff böser Mächte zu retten. Jenseits theoretisch fragwürdiger Implikationen unterschlägt dieser Zugang, dass es nicht nur neoliberale Strategen waren, die dem Fordismus den Garaus machen wollten, sondern auch die Neuen Sozialen Bewegungen der 1970er- und 1980er-Jahre, die gegen die Fabrikgesellschaft und ihre stumpfsinnigen und sinnentleerten Arbeits- und Lebensweisen kämpften. Insofern sind die neuen Arbeitsformen eben auch Teil eine ambivalente Erfolgsgeschichte, nicht nur der Unternehmer, sondern auch der Dissidenten von damals.

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