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Abdulrazak Gurnah „Nachleben“: Sie sind mit ihrem Überleben beschäftigt

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Von: Sylvia Staude

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„Kriegssklaven“, so die Information zu diesem Bild, die 1896 von einem einheimischen Askari bewacht werden. 	Imago Images/United Archives Internationa
„Kriegssklaven“, so die Information zu diesem Bild, die 1896 von einem einheimischen Askari bewacht werden. © imago stock&people

Abdulrazak Gurnah erzählt in seinem jüngsten Roman erneut vom Kolonialregime, aber auch darüber hinaus.

Zwei Mal geht Ilyas weg. Das erste Mal ist er elf Jahre alt, Vater und Mutter sind arm und krank und die Mutter außerdem schwanger mit Afiya. „Ich glaube nicht, dass ich wirklich fort wollte, aber als ich auf der Straße war, bin ich einfach immer weitergegangen“, erzählt Ilyas seiner Schwester, als er sie endlich wiedergefunden hat. Sie kann nicht fassen, dass jemand, dass der Bruder, den sie nicht kannte, einfach hereinspaziert, um sie mitzunehmen (wovon sie ausgeht). „Er war so gepflegt und so schön, sein Lächeln so freundlich.“

Wenige Seiten später schon kann Afiya nicht fassen, dass sie dort bleiben soll, bei Tante und Onkel, wo sie so schlecht behandelt, misshandelt wird. Ihr Bruder geht ein weiteres Mal, er will als Askari für die Deutschen in den Krieg ziehen – und er tut es gern und froh. „Die Schutztruppe ist eine mächtige und unbesiegbare Armee. Alle haben Angst vor ihr. In ein paar Monaten bin ich wieder da.“ Aber Afiya wird Ilyas nicht wiedersehen. Dafür wird sie einmal einen Sohn haben, den sie Ilyas nennen wird.

„Nachleben“, im englischen, 2020 erschienenen Original „Afterlives“, heißt der jüngste Roman des letztjährigen Nobelpreisträgers Abdulrazak Gurnah, geboren 1948 im Sultanat Sansibar. Umfeld und Zeit – Deutsch-Ostafrika unter der Besatzung und nachdem die Deutschen den Krieg verloren haben – entsprechen grob dem 1994 erschienenen „Das verlorene Paradies“, wo sich zuletzt ein Junge, dort heißt er Khalil, ebenfalls den Askari anschließt. Die deutschen Kolonialisten werden in beiden Romanen von Einheimischen gehasst, von anderen Einheimischen bewundert. „Dieser Krieg hat nichts mit ihm zu tun“, erklärt Ilyas’ Freund Khalifa dessen Schwester und spricht von den blutverschmierten Händen der Askari. Da ist Ilyas schon weg, hört es nicht mehr, will es nicht hören.

Gurnah zeichnet Lebenswege nach, aber er tut das nicht unbedingt chronologisch. Oft erinnert sich jemand und erzählt; oder berichtet auch nur aus zweiter Hand. Zu den Hauptfiguren Ilyas, Afiya, Khalifa kommt Hamza, auch er hat sich freiwillig für die sogenannte Schutztruppe gemeldet und bereut es schon am ersten Tag. Der Drill ist grausam. Aber der hübsche junge Mann gefällt einem der deutschen Offiziere. Der bringt ihm Lesen, Schreiben, Deutsch bei – es wird Hamza noch dienlich sein. Was möglicherweise sonst noch passiert, kann man zwar vermuten, aber Gurnah spricht es an keiner Stelle explizit aus und beschreibt es schon gar nicht.

Der einst nach England geflüchtete und seitdem dort lebende Gurnah scheint zwei unterschiedliche Arten von Romanen zu schreiben. Im in diesem Jahr auf Deutsch wieder aufgelegten „Ferne Gestade“ („By the Sea“, 2001) prägt sich das Bild eines Entwurzelten nachdrücklich und plastisch ein, der weiß, dass er nicht dorthin zurückkehren kann, wo sein Leben bedroht ist, der darum ein Exilant bleiben wird, bis zum Tode. Im Zimmer, das man dem Asylbewerber zuweist, sitzt er Stunde um Stunde auf einem sauberen Handtuch. Er versteht die Sprache. Er versteht nicht das Leben dieser (englischen) Menschen, nicht ihre Wohnungen, nicht ihre mangelnde Sauberkeit und ihren Phlegmatismus.

Und dann gibt es die Gurnah-Romane, die nicht von eigener schmerzlicher Erfahrung grundiert sind, die man historisch nennen kann, die in der Kolonialzeit und hauptsächlich um die vorletzte Jahrhundertwende spielen. In ihnen scheint der Autor seinen Figuren nicht zu nahe treten zu wollen, versagt sich jede Spekulation über Motive ihres Handelns. Und möchte nicht einmal versuchen, es zu entschuldigen: „Niemand musste ihnen (den Askari, d. Red.) befehlen, brutale Gewalt gegen die Bevölkerung anzuwenden.“

Das Buch:

Abdulrazak Gurnah: Nachleben. Roman. A. d. Engl. von Eva Bonné. Penguin Verlag, München 2022. 384 S., 26 Euro.

Ilyas also geht und schließt sich ihnen an und erklärt sich nicht. Hamza geht und erklärt sich nicht. Und beginnt ein anderes, ziviles Leben erst, als er es muss, weil die Deutschen gegen die Briten (und deren Söldner und Zwangsrekrutierte) verloren haben. Vielleicht, mutmaßt die Leserin, möchte der Schriftsteller seine Figuren nicht mit „modernen“ Gefühlen ausstatten, rückt er sie in eine Ferne, die der alter, verblasster Schwarz-weiß-Fotografien ähnelt.

Er tut das außerdem in geradlinigen, nüchternen, schnörkellosen Sätzen. Die Dinge werden ausgesprochen, die Schwangerschaften, Geburten, Krankheiten, das Töten und das Sterben, das Geschäftemachen und schlecht bezahlte Schuften für einen Chef – das aber wie alles andere nicht bewertet wird. Gewiss, dass Afiya von Onkel und Tante so geschlagen wird, dass sie eine verkrüppelte Hand zurückbehält, ist nicht in Ordnung. Doch der Roman hält sich nicht groß bei ihrem Schmerz auf. Damit sagt er auch: diese Menschen sind so mit ihrem Überleben beschäftigt, dass sie keine Zeit haben, sich mit sich selbst und ihren Befindlichkeiten zu beschäftigen. Und gleichsam an ihrer Seite hat dieser Roman keine Zeit für Seelenschau und für Poesie.

„Nachleben“ erzählt von vergleichsweise privilegierten Leben – meist das von Kaufleuten -, vor allem aber von kargen, harten Leben. Nichts Romantisches daran, kein Preis der Einfachheit. Denn das Buch erzählt vom Schlafen auf dem Boden, vom öfter mal Hungrigbleiben, Sterben an Krankheiten, die heute heilbar sind. Bei den Frauen von der Gefahr, umstandslos an einen Mann verheiratet zu werden, den man nicht liebt, der einen nicht liebt. Dann bei der Geburt eines Kindes zu sterben.

Glück bedeutet, sich zu verlieben und den Geliebten auch heiraten zu dürfen. Dann ein (ein!) eigenes Zimmer zu bekommen als Ehepaar. Glück bedeutet auch, einen anständigen Menschen zu treffen, der einen aufnimmt, pflegt, Medizin gibt. Hamza passiert das mit einem deutschen Pastor und seiner Frau. Sie wird ihm Schillers „Musenalmanach für das Jahr 1798“ schenken. Die Meinung über Menschen anderer Nationalität, so führt es Gurnah vor, entsteht auch durch die Zufälle von Begegnungen und wie sie ausgehen.

Abdulrazak Gurnahs Romane öffnen Türen in eine Vergangenheit, mit der sich alle einstigen Kolonialisten-Länder noch kaum auseinandergesetzt haben. Sie sind, wie gesagt, dabei erstaunlich nüchtern im Stil. Aber auch – gerade durch ihre Nüchternheit – das, was man zugänglich nennt. Und reduzieren trotzdem nicht die gesellschaftliche und politische Komplexität dieser Welt. Durchaus kommt man sich ein bisschen dumm vor, wenn man sie liest – denn groß sind die Wissenslücken, dessen man sich bei der Lektüre von „Das verlorene Paradies“ und jetzt von „Nachleben“ bewusst wird. Dies ist also eine nachdrückliche Lese-Empfehlung.

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