Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Abdulrazak Gurnah an seinem englischen Wohnort.
+
Abdulrazak Gurnah an seinem englischen Wohnort.

Literaturnobelpreis

Abdulrazak Gurnah: „Das verlorene Paradies“ – Die Fremden mit den Eisenschädeln

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
    schließen

Zur Nobelpreisverleihung am Freitag erscheint Abdulrazak Gurnahs „Das verlorene Paradies“ neu.

Als Abdulrazak Gurnah, geboren 1948 im Sultanat Sansibar, im Oktober den Literaturnobelpreis zugesprochen bekam, hieß es in der Begründung der Schwedischen Akademie, er erhalte die Auszeichnung „für seine unbestechliche und leidenschaftliche Auseinandersetzung mit den Auswirkungen des Kolonialismus und dem Schicksal der Flüchtlinge im Spannungsfeld zwischen den Kulturen und Kontinenten“. Wer hierzulande den Namen noch nie gehört hatte (die allermeisten auch unter den Literaturinteressierten), wer gleich Lust hatte, wenigstens einen der Romane des Preisträgers zu lesen, erfuhr, dass einige um die letzte Jahrtausendwende ins Deutsche übersetzte Bücher allesamt längst vergriffen waren. Heute erscheint immerhin eines von ihnen in durchgesehener Übersetzung wieder, „Das verlorene Paradies“ (Orig. „Paradise“, 1994).

Gurnah, dessen Muttersprache Swahili ist, kam mit 20 als Flüchtling nach Großbritannien, wo er promovierte und an der University of Kent Englisch und postkoloniale Literaturen lehrte. Dass sich die Schwedische Akademie, wenn schon einmal wieder für einen Afrikaner, erneut für einen in englischer Sprache Schreibenden entschied, wurde kritisch angemerkt. Wenn es ihr jedoch um eine andere Perspektive auf den Kontinent und seine bittere Geschichte ging, darum, die Aufmerksamkeit europäischer Leserinnen und Leser auf die Wahrnehmung der Kolonisatoren durch die Kolonisierten zu lenken, dann ist diese auf anregende Weise fremde Perspektive bei Gurnah nicht nur zu finden, sondern allemal auch scharf gestellt.

Schauplatz von „Das verlorene Paradies“ ist Ostafrika, vor allem das heutige Tansania, vor dem Ersten Weltkrieg. Der zwölfjährige Yusuf, sein Vater führt ein kleines Hotel, wird dem reichen Händler Onkel Aziz ausgehändigt und mitgegeben, um Schulden seiner Familie abzuarbeiten. Anlernen wird ihn in Aziz’ Laden der nur um einige Jahre ältere Khalil, der von seinem ebenfalls verschuldeten Ba zusammen mit seiner Schwester verpfändet wurde. Diese arbeitet im prächtigen Haus des Händlers, wo sich eine kranke „Mistress“ versteckt (oder versteckt wird). Ein herrlicher Garten spielt noch eine Rolle, der Yusuf magisch anzieht, so dass er sich nicht vom mürrischen alten Gärtner abschrecken lässt.

Yusuf ist wunderschön

Ein Entwicklungsroman steckt in „Das verlorene Paradies“ – oder eher: eine Entwicklungsfabel, angelehnt an die Geschichte des Propheten Yusuf im Koran (Joseph in der Bibel). Auch Gurnahs Junge ist so schön, dass die Mistress sich in ihn verliebt, ihn ständig zu sich bestellt – und ihm schließlich, als es ihm unheimlich wird und er wegrennt, hinten das Hemd zerreißt. Ein Beweis für seine Rechtschaffenheit.

Weit schlimmer ergeht es Yusuf und den Angestellten des Händlers auf einer Reise ins Landesinnere, zuerst zu einer „Stadt am See“ – Gurnah vermeidet reale Ortsangaben –, von der aus eine sturmumtoste, angsteinflößende Überfahrt in Booten folgt, dann ein von Krankheit, Schmerz und Tod geprägter Marsch zu „den Wilden“. Die muslimischen Figuren Gurnahs benutzen dieses Wort gewohnheitsmäßig und durchaus verächtlich für die Einheimischen, die Stammesgesellschaften, die sie ungebildet und unzivilisiert finden. Die Karawane Aziz’ zieht trotzdem in das Land Chatus im Marungu-Gebirge, denn gute Geschäfte kann man dort schon auch machen.

Das Buch

Abdulrazak Gurnah: Das verlorene Paradies. Roman. A. d. Engl. von Inge Leipold. Penguin 2021. 334 S., 25 Euro.

Jedoch lässt Chatu sie gefangen-, ihnen, weil der Herrscher von einem anderen Händler betrogen wurde, alle Waren wegnehmen. Ihr Schicksal wendet sich erst, als ein Europäer kommt, an den sich Chatu erinnern wird als „rot glänzenden Mann, aus dessen Ohren Haare wuchsen“. Der Europäer spricht von Gesetzen und Regierung: „,Welche Regierung? Wovon redest du da?‘, schrie Chatu den Übersetzer an.“

So werden die Europäer, allen voran die Deutschen, von Gurnahs Figuren durchweg wahrgenommen: als unvermittelt wie Heuschrecken auftauchend und ebenso gierig als rotfleckig oder leichenähnlich, in jedem Fall als hässlich. Aber auch als mit Superkräften ausgestattet, Köpfen aus Eisen, giftiger Spucke, dazu einer Grausamkeit, die kaum einen Anlass braucht, Menschen aufzuhängen oder anders zu massakrieren. Unter den muslimischen Händlern und indischen Geldverleihern kursieren Gerüchte, geradezu Legenden. Aber manche haben einen klaren Blick auf ihre Zukunft: „Wir werden alles verlieren, auch unsere Art zu leben (…). Und die Jungen werden sogar noch mehr verlieren. Eines Tages bringen sie sie dazu, auf alles zu spucken, was wir wissen, und ihre Gesetze und ihre Geschichte der Welt herzusagen, als wäre es das Wort Gottes. Und wenn sie dann etwas über uns schreiben, was werden sie sagen? Dass wir Sklavenhändler waren.“

Weil sie es können

Ihre Version der Geschichte haben die Europäer tatsächlich lange genug verbreitet, ihre Interpretation historischer Ereignisse durchgesetzt. Abdulrazak Gurnah stellt dem eine andere Geschichte Ostafrikas entgegen, sie schildert eine zwar nicht vorurteilsfreie, aber doch multiethnische Gesellschaft, deren Regeln plötzlich Fremde aufstellen – einfach, weil sie es dank ihrer größeren Skrupellosigkeit und Brutalität können.

Der Nobelpreisträger erzählt in diesem Roman zudem auf unerwartete, von mündlicher Tradition beeinflusste Weise. Manchmal drollig, oft kühl, mit Abstand und immer wieder den gleichen Attributen für seine Figuren. Er scheint keinen Wert darauf zu legen, dass die Leserin mit Yusuf, Khalil, vielleicht der Mistress mitfühlt, verzichtet auf Komplexität und psychologische Tiefe.

Yusuf wächst heran, muss Zudringlichkeiten von Männern wie Frauen abwehren. Manchmal versteht er nicht, was da passiert, denn er bleibt ein naiver, etwas dummer Junge, der macht, was man ihm aufträgt.

Jedenfalls bis zum verblüffenden, nachbebenden Ende des Romans: Ein deutscher Offizier kommt mit (zwangs-)rekrutierten Einheimischen, mit Askari-Kolonne in den Ort, in dem Yusuf und Khalil den Laden hüten. Die beiden verstecken sich, um nicht auch gepresst zu werden. Die Soldaten marschieren schon weiter, die weiße Uniform des Deutschen leuchtet nur noch von fern, da erkennt sich Yusuf als „Scheißefresser“ und Feigling – und rennt, „mit brennenden Augen, der Kolonne nach“.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare