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Das ZDF lässt derzeit knapp 80 neue Geschichten über Maja und ihre Freunde produzieren. Mit moderner 3D-Animation sollen die Figuren und Grashalme künftig zum Greifen nah wirken. Maja-Fans können die neuen Abenteuer voraussichtlich von 2013 an im ZDF schauen.
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Das ZDF lässt derzeit knapp 80 neue Geschichten über Maja und ihre Freunde produzieren. Mit moderner 3D-Animation sollen die Figuren und Grashalme künftig zum Greifen nah wirken. Maja-Fans können die neuen Abenteuer voraussichtlich von 2013 an im ZDF schauen.

Biene-Maja-Autor Bonsels

Ein abbes Bein kann nicht krabbeln

Waldemar Bonsels schuf die berühmteste Biene der Welt. Doch hält die "Biene Maja"-Romanvorlage, was die berühmte Trickfilmserie verspricht? Lohnt es sich Bonsels als Autor wiederzuentdecken oder nicht? Eine kritische Auseinandersetzung.

Von Sven Hanuschek

Waldemar Bonsels hatte das Glück, dass er einen Longseller geschrieben hat: die „Biene Maja“. 1912 ist der „Roman für Kinder“ erschienen, er ist in alle Weltsprachen übersetzt worden, seit der japanisch-österreichischen Trickfilmserie aus den siebziger Jahren ist die Biene endgültig populäres Kulturgut. Es gibt eine stumme Verfilmung des Romans aus den zwanziger Jahren, mit wirklichen Insekten; es gibt Hörspiele, Musicals, Merchandising-Artikel von Stofftier und Brettspiel bis zum Biene Maja-Honigbonbon und der Fruchtschnitte aus der Apotheke. Durch das Alltagsleben schwirrt die Biene als beliebter Name für Kindergärten, als „sexy“ Faschingskostüm und als „Biene-Maja-Drink“.

Diesen Grad an Popularität hat Bonsels nicht mehr erlebt, er ist 1952 mit 72 Jahren gestorben. Ein Glück war der Erfolg des Kinderbuchs für ihn schon allein, weil er durch dieses frühe Buch unabhängig war. Die Maja machte ihn so bekannt, dass auch seine folgenden Bücher zur Massenliteratur bis in die fünfziger Jahre gehörten: Die Maja-Fortsetzung „Himmelsvolk“ (1915), der pseudoautobiografische Reisebericht „Indienfahrt“ (1916), „Menschenwege“ und die folgenden Bände der „Vagabunden-Trilogie“ (1917– 1923), Naturmärchen wie die Trilogie „Mario, ein Leben im Walde“ (1928 –1937). Auf eine Zeitungsumfrage nach dem ersten Misserfolg sagte er 1931, er könne peinlicherweise von keinem berichten – und schließlich komme es doch „auf die Leistung“ an.

Das klingt nach einem angenehmen Leben; Pech hatte Bonsels mit diesem Buch nur, weil er auf lange Sicht immer der „Biene Maja“-Autor geblieben ist. Ein genauerer Blick auf diesen Massenautor minderer Kanonhöhe ist mit wenigen Ausnahmen bislang unterblieben. Allmählich ändert sich das, und die naheliegenden Fragen werden gestellt: Ist dieser Autor wiederzuentdecken oder nicht? Warum ist er damals so sehr gelesen worden, seit seinem Tod aber in der öffentlichen Wahrnehmung verschollen? Hat sein Verhalten unter der nationalsozialistischen Diktatur damit zu tun, nach „Maja“ das bekannteste Stereotyp über Bonsels? Und hält die „Biene Maja“ als historischer Text, was die Trickfilmserie verspricht?

Nicht eindeutig politisch

Die Qualitäten des Kinderromans liegen darin, dass er noch nicht eindeutig politisch zu lesen ist. Die aufmüpfige Biene lebt nicht mit ihrem Stamm und lernt neugierig nach und nach die Lebewesen auf ihrer Wiese kennen, die sind mal gefährlich, mal komisch oder freundlich. Der dramaturgische Aufbau ist episodisch und repetitiv, also erfreulich durchschaubar. Eine Episode ist anders instrumentiert, das Finale: Maja hört, in die Vorratskammer des Hornissennests gesperrt, vom Plan, am nächsten Morgen den Bienenstock zu überfallen, dem sie entstammt. Ihr gelingt die Flucht, sie warnt das Bienenvolk, das die Schlacht gegen die Hornissen gewinnt, unter großen Verlusten. Maja wird in Ehren wieder aufgenommen und reüssiert zur Beraterin der Königin.

Helga Karrenbrock hat darauf hingewiesen, dass die Biene Maja ein Lieblingsbuch von Mädchen war, weil es eine „Glorifizierung der Trotzkopfphase“ sei. Hier lässt sich eine Biene gerade nicht als Arbeitsbiene „einspannen“, sie verhält sich kindgemäß, oft ohne die Folgen zu überblicken. Sie erfüllt die Gesetze von „Kinder-Wünschen und Tagträumen“, es realisiert sich „der Traum vom Ausbrechen, der Traum vom Fliegen“ (Karrenbrock).

Das sind Wünsche, die bei Erwachsenen mindestens als Wünsche noch präsent sind. Die Anthropomorphisierung der Tiere ist Kindern noch selbstverständlich, sie gehen selbst in dieser Weise mit der (Tier-)Welt um, erst recht im Trickfilmzeitalter. Erwachsene sehen sich in ihrer Erwartung an Kinderliteratur bestätigt, können aber auch ein Kunstmittel darin erkennen, mit dem versucht wird, Distanz aufzuheben. Und sie können komisch finden, wie die Tiere miteinander sprechen – in einem der schönsten Dialoge, zwischen Maja und dem Weberknecht Hannibal, fällt der Satz „ein abbes Bein kann nicht krabbeln“. Hannibal korrigiert sie streng: „Man sagt: ein ausgerissenes Bein. Jedenfalls ist es wahr, dass unsere Beine noch lange zappeln, nachdem sie ausgerissen worden sind.“

Wespen als "Diebesvolk"

„Biene Maja“ ist aber nicht nur antiautoritär lesbar, sondern gleichermaßen als affirmative Beschreibung des Kaiserreichs. Majas Auflehnung mündet in ihre Wieder-Eingliederung. Durchgängig findet sich ein Unterton, der von den ökologischen Zusammenhängen nicht gedeckt ist, wohl aber vom nationalistischen Diskurs im Kaiserreich: Die Wespen gelten als „nutzloses Raubgesindel“, als „Diebsvolk“, die Stubenfliege ist „Gesindel“. In der Schlacht um den Bienenstock stirbt man den kühnen Soldatentod, und die Bienenkönigin schickt den Hornissen die Botschaft: „Gefangene sind nicht gemacht. Die Euren, die eingedrungen sind, sind alle tot. ... wenn ihr fortkämpfen wollt, findet ihr uns bis auf den letzten Mann bereit.“

In dieser Botschaft finden sich einige Anklänge an die so genannte Hunnenrede Wilhelms II., die er am 27. Juli 1900 in Bremerhaven den deutschen Truppen auf den Weg gegeben hat, die in China den „Boxer“-Aufstand niederschlagen sollten: „Pardon wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht. Führt eure Waffen so, dass auf tausend Jahre hinaus kein Chinese mehr es wagt, einen Deutschen scheel anzusehen. Wahrt Manneszucht.“

Solche Sätze machen auch verständlich, warum „Die Biene Maja“ 1933 mitnichten verboten wurde. Diese politische Unterströmung hat gleichzeitig die Funktion, gegen die verharmlosenden Kinderbilder von Natur anzugehen, in der eben Fressen und Gefressen-Werden an der Tagesordnung sind. Bonsels war schon an einem nichttrivialen Bild von Natur gelegen, in Teilen entspricht sein Buch dem Stand der Zoologie zu seiner Zeit. „Niedlich“ ist das nicht, wenn die Libelle den Brummer Hans Christoph fängt und Maja „zärtlich“ bestätigt, der sei ein „lieber kleiner Kerl“, und ihm den Kopf abbeißt.

Dass sich die 104 Folgen des Trickfilms ganz vor das Buch geschoben haben, ist also nicht nur zu bedauern. Und die Macher des Films haben auch zusätzliche Figuren erfunden, allen voran Majas Freund Willi, ohne die der Stoff gar nicht mehr vorstellbar ist. Neben dem immer hungrigen Zauderer, Faulpelz, Mäkler Willi mit der markanten Stimme von Eberhard Storeck, der auch die deutschen Dialoge der Serie geschrieben hat, wirkt Maja fast brav; die Rezeption hat den Stoff selbst dauerhaft verändert.

Zwiespältiger Dichter

Zwiespältig wie der Roman bleibt auch die Figur des Dichters, der „sanfte Bonsels mit den Unterbeinkleidern aus Sehnsucht und Flanell“, wie Tucholsky ihn genannt hat, der seinen Büchern bescheinigte, sie hätten etwas von einem „weißen Stück Hühnerfleisch“, aber mit „ganz, ganz leichten Haut-goût“. Die sehr deutsche Mischung aus Sentimentalität, Empfindsamkeit, Naturschwärmerei und inszenierter Gewalt geht im Werk von Bonsels durch alle Gattungen inklusive eines Eheromans, eines Krimis, eines Versepos’, weltanschaulicher Traktate und Verteidigungsschriften. Die zehnbändige Werkausgabe, die seine Witwe 1980 zum 100. Geburtstag herausgegeben hat, enthält entgegen dem Untertitel „Gesamtwerk“ nur eine (bearbeitete) Auswahl. Seine Texte sind oft prätentiös, schon auf einer handwerklichen Ebene nicht mehr recht überzeugend. Immer wieder finden sich Sätze, denen der Autor, gut Wittgensteinsch gesprochen, keine Bedeutung geben kann. Das ästhetisch vielleicht gelungenste Buch ist neben „Maja“ die Autobiografie „Tage der Kindheit“ (1931).

Bonsels ist eine Zwitterfigur zwischen früher Moderne und der epigonalen Neuromantik seit der Jahrhundertwende 1900: Ein Märchen-Dichter, der unpolitisch sein will, sich dann aber mit fliegenden Fahnen dem jeweiligen System andient, um sein Publikum zu behalten; ein Autor, der in seinen Natur- und Vagabundenbüchern, in der Indienfahrt einen autobiografischen Kern suggeriert, aber aus so großer Entfernung zur eigenen Indienreise und zu etwaigen Vagabunden-Erfahrungen schreibt, dass immer auch die Distanz, der „dichterische“ Wurf im Vordergrund steht. Das ist eine moderne Strategie, wie auch die Wiederverwendung einzelner Prosa-Teile in neuen Büchern, das Samplen, Montieren von Versatzstücken für einen professionellen, pragmatischen Autor sprechen, der sich nach den Bedürfnissen seiner Gemeinde als Guru und Weltweiser inszeniert. Seine antibürgerlichen und antimodernen Gesten, die Zelebrierung neu erfundener religiös angehauchter Weltanschauungen sind Posen. Sie haben seine Wahrnehmung als Dichter und Seher ermöglicht, der die vitalistischen, lebenssteigernden Ideologien der Jahrhundertwende verkörpert und das „richtige“ Leben lebt – vor einem überwiegend weiblichen Publikum, kann ergänzt werden, daher Tucholskys Sottisen gegen „Waldine“ und „Waldemarine“ oder Franz Bleis Bestimmung im „Großen Bestiarium der modernen Literatur“ (1922): Es handle sich um eine „englische, sehr bewegliche Windhundrasse, die nur männlich, aber mit starken weiblichen Merkmalen behaftet“ vorkomme.

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Antisemitischer Jesus-Roman

Dieses Bild, nicht frei von unfreiwilliger Komik, verfinstert sich noch, wenn man Bonsels’ Verhalten in der NS-Zeit betrachtet. Gleich 1933 schreibt er ein paar Zeitungsartikel – auf Capri sitzend, ohne äußeren Druck –, in denen er von den „Einflüssen fremdstämmigen Bluts auf den „heutigen deutschen Menschen“ salbadert und meint, die Bücherverbrennungen seien „etwas zu stürmisch, aber von Nutzen“. Der Reichskanzler zeige „mit der übernommenen Macht ... Sachlichkeit und Maß“. Diese publizistischen Beiträge hindern das Amt Rosenberg nicht, einige von Bonsels’ Büchern auf die Schwarze Liste zu setzen, wohl wegen der sexuellen Details, die nun als dekadent gelten.

Bonsels kann es sich leisten, im Ausland zu bleiben, nach Capri geht er zwei Jahre in die USA, während sein Freund Hanns Johst, seit 1935 Präsident der Schrifttumskammer, das Feld wieder bereinigt und weitere Angriffe des Amts Rosenberg abwehrt. Seit 1935 können Bonsels’ Bücher wieder erscheinen, jedes Jahr ein, zwei neue, wenn auch die von der Schwarzen Liste nicht neu aufgelegt werden.

1942 lässt er seinen Jesus-Roman „Dositos“ als Privatdruck mit einer antisemitischen Führer-Eloge als Einleitung und persönlichen Widmungen an einige der Obernazis schicken; hier ist noch nicht klar, warum er das nötig zu haben meint. Wilhelm Haefs hat recherchiert, dass Bonsels zu den fünf Prozent der am besten verdienenden „Kulturschaffenden“ des nationalsozialistischen Deutschland gehört. Seine Einnahmen sind zeitweilig höher als die eines Reichsministers. Nach dem Krieg, 1948, erscheint die öffentliche Ausgabe von „Dositos“. Bonsels streicht die Einleitung, verändert den Text aber kaum. Die Schaffung eines „arisierten“ Heilands bleibt so widerwärtig wie zuvor, das Adjektiv „völkisch“ springt dem Leser alle paar Seiten entgegen. Die Witwe hat die allzu eindeutigen Stellen für die Werkausgabe getilgt, ohne Nachweise der Eingriffe, versteht sich.

Auf Angriffe in der Neuen Zeitung verteidigt Bonsels sich in Briefen: Er habe sozusagen einen „höheren“ Antisemitismus als es der „niedere“ der NSDAP gewesen sei. Sein Sinn für den passenden Opportunismus zur rechten Zeit verlässt ihn nun. Er beharrt darauf, er setze sich mit dem Judentum nicht als Antisemit auseinander, sondern sozusagen als Religionsphilosoph.

Keine literarische Neuentdeckung

Bonsels bleibt als wissenschaftlicher Gegenstand von großem Interesse, nicht als literarische Neuentdeckung. An seinen Werken lassen sich wie an wenigen anderen deutsche Kontinuitäten untersuchen, die über die jeweiligen politischen Systemwechsel hinaus Bestand hatten. Die nationalistischen Elemente der Kaiserzeit finden sich nicht nur in der Rede der Bienenkönigin. Es gibt sie auch in den „empfindsamen Kriegsberichten“ von 1918, „Die Heimat des Todes“. Dort ist von den „slawischen Fratzen“ die Rede, den „braunen Teufeln“, „wie schmutzige Säcke stürmten sie vor“. Die deutschen Toten dagegen „ruhen als Helden“, „starben einen herrlichen Tod, mit Jauchzen stürmten sie über die Schwelle, wie in unvergängliches Licht.“ Hier schreibt er auch: „Deutschland wird siegen, bald oder einst“, angesichts der Toten im jahrelangen Stellungskrieg eine Prognose, in der schon eine Vorbereitung des nächsten autoritären deutschen Staates steckte. 1945 war für Bonsels kein Einschnitt, wie der „Dositos“-Fall zeigt. An dem Kriminalroman „Mortimer. Der Getriebene der dunklen Pflicht“ (1946) lässt sich herausarbeiten, dass der Autor die partikulare Moral der NS-Zeit beispielhaft vertritt, die Raphael Gross in seinem Buch „Anständig geblieben“ beschrieben hat: Ein Edel-Krimineller, der mit seiner peer group seine „eigene“ Moral schafft, die wiederum ein „tieferes“ Sittengesetz darstellen soll. In einer abenteuerlichen Kategorienverwechslung wird der heroische Böse für amoralisch erklärt, amoralisch „wie die Natur“ selbst. Sicher ist Bonsels typisch für die deutsche Mentalitätsgeschichte. Ungleich unangenehmer, jenseits der Untersuchung eines historischen Phänomens, ist die Frage, welche Anteile dieser Ansichten womöglich nie ganz aus der deutschen Gesellschaft verschwunden sind. Bis heute lassen sich mit effektvollen Verallgemeinerungen und der Behauptung deutscher Superiorität ja ein paar Bücher verkaufen. Darauf einen Biene-Maja-Drink (Apfelblütentee, Orangensaft, Vanille, Honig). Oder doch lieber gleich einen Schnaps.

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