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„Keiner von uns Jüngeren war ein wilder Kerl“, heißt es bei Abbas Khider in „Palast der Miserablen“: Der Buchmarkt in der Al-Mutanabi-Straße in Bagdad, 2003.

Jugend im Irak

Abbas Khider: „Palast der Miserablen“ – Auferstanden aus dem Dreck

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Abbas Khider lässt in seinem Roman „Palast der Miserablen“ über eine Kindheit und Jugend in Bagdad Bücher zum Überlebensmittel werden – und erzählt damit längst nicht nur vom Irak.

In meiner Familie war keiner von uns Jüngeren ein wilder Kerl“, lautet der erste Satz unter der Kapitelbezeichnung „Eins. Lufternte“ in Abbas Khiders Roman „Palast der Miserablen“. Damit gibt er den Lesern ein paar Zeichen; er stellt sie darauf ein, dass von einer Familie die Rede sein wird. Und er verweist auf ein Stück Weltliteratur für Kinder, „Wo die wilden Kerle wohnen“.

Ein wilder Kerl wird der Erzähler Shams Hussein auch im Verlauf des Romans nicht werden, aber ein zäher und kluger Junge, ein junger Mann, der erkennt, dass er für die Verwirklichung seiner Träume mehr braucht als Mut. Dass dem ersten Kapitel jedoch noch zwei Seiten vorangestellt sind, ebenfalls in der Ich-Form geschrieben, in der zum Beispiel die Worte Aufseher, Waffe und Handschellen vorkommen, deutet allerdings einen düsteren Rahmen an.

Shams‘ Großvater, der Einzige, den man hätte wild nennen können, schreibt der Autor, „besaß die unschöne Eigenschaft, einfach jedem ohne Zögern und geradeheraus seine Meinung ins Gesicht zu speien“.

Nun muss man wissen, dass die Familie im Irak lebt, wo es mindestens zur Zeit der Handlung – und die umfasst das Heranwachsen des Erzählers in der Zeit der Golfkriege bis etwa zum Jahr 2000 – nie von Vorteil war, die eigene Meinung offen zu vertreten.

Abbas Khider: Palast der Miserablen. Roman. Hanser Verlag. München 2020. 320 Seiten, 23 Euro.

Abbas Khider erzählt in diesem Roman von einer Jugend, die vermutlich einiges mit seiner eigenen gemein hat. Er selbst ist 1973 in Bagdad geboren, ist aber längst ein deutscher Schauspieler, jawohl ein deutscher: der Sprache und dem Pass nach. Seine Romane seit 2008, „Der falsche Inder“, „Die Orangen des Präsidenten“, „Brief in die Auberginenrepublik“ und schließlich „Ohrfeige“, zeigen ihn als einen Autor, der variantenreich, ironiegewürzt und mit langem Atem erzählen kann. Seine Figuren halten den Leser auch dann noch fest, wenn er sie mit schlechten Eigenschaften ausstattet, denn er lässt ihnen immer noch genug anderes, das das Interesse an ihnen wachhält.

Der Romanheld Shams lebt mit seinen Eltern und seiner Schwester Qamer zunächst im Süden des Irak in einem Ort mit dem merkwürdigen Namen Herzliche Hölle. Durch seine Kindheit geistert „der mythische Riese Bush“ so, wie andere Kinder sich vielleicht vor Dieben oder Hexen fürchten, das liest sich abenteuerlich. Doch die Bedrohung erweist sich eines Tages als real, der Vater muss in den Krieg, und die Mutter durchlebt mit den Kindern Tage und Nächte in höllischer Angst. Als sie wieder zusammen sind, fliehen sie in die Hauptstadt.

Eine Erlösung ist das nicht. Ein Großteil der irakischen Bevölkerung ist bitterarm, um Bagdad wachsen Slums. Und so finden die Husseins nur im „Blechviertel“ Platz. Es besteht aus notdürftig zusammengekleisterten undichten Hütten. Abbas Khider schreibt hier aus dem Blickwinkel des Heranwachsenden, der jeden Weg im Schlamm neu entdeckt, der noch im Müll Verlockendes findet und sich freut, Plastiktüten verkaufen zu dürfen. Seine Erzählposition macht das Elend erträglich. Wie um dem Leser gelegentlich in Erinnerung zu rufen, dass dies keine Abenteuergeschichte ist, setzt er zwischen die Kapitel kurze Abschnitte, in denen sich der Erzähler in einer Zelle quält. Sachlich und nüchtern sind sie geschrieben.

Für jedes Familienmitglied bietet Khider eigene eindrückliche Episoden, die er auch mal satirisch zuspitzt, wenn die Mutter das Wahrsagen entdeckt oder die von Shams eben noch innig geliebte Schwester als Ehefrau in Windeseile zu Reichtum kommt. Die schönste Geschichte aber handelt vom jungen Erzähler selbst, wie er fast aus Versehen die Literatur für sich entdeckt. Sein sexuelles Erwachen geht mit dem geistigen einher. Das führt ihn in die Al-Mutanabi-Straße, die tatsächlich seit Jahrhunderten der Ort in Bagdad ist, wo Schriften und Bücher verkauft werden, offizieller und inoffizieller Art.

Shams hilft weiterhin dem Vater als Träger oder Krimskramsverkäufer, er geht aufs Gymnasium, hat aber einmal in der Woche ein festes Ziel: „Ich fieberte jeden Freitag und dem Büchermarkt entgegen, als sehnte ich mich nach einem Wiedersehen mit meiner Traumfrau.“ Von da ist es nicht weit zum titelgebenden „Palast der Miserablen“, einem Gesprächskreis von Intellektuellen.

Nach der Kriegsangst und der Not im Alltag erlebt Khiders Held hier seine Rettung: Der Austausch über Dichtung ermöglicht ihm, so etwas wie Öffentlichkeit und Freiheit zu erschnuppern, wovon er in der Diktatur Saddam Husseins bisher nie hatte kosten können. Abbas Khider schreibt dies so mitreißend, dass es schaudern macht. Doch ist es die Wirklichkeit, die diesem Roman die hoffnungsvollen Seiten verdunkelt.

Der Autorgeht nach der Leipziger Buchmesse auf Lesereise, im Frankfurter Literaturhaus ist er am 21. April, in der Stadtkirche Darmstadt am 22. April.

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