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Abbas Khider „Der Erinnerungsfälscher“: Ein Mann erfindet sein Leben

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Von: Cornelia Geißler

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Gläubige 1985 in Bagdads Al-Kazimain-Moschee.
Gläubige 1985 in Bagdads Al-Kazimain-Moschee. © AFP

Abbas Khider führt mit seinem Roman „Der Erinnerungsfälscher“ nach Bagdad und zu traumatischen Erfahrungen.

Der Mann hat mit seiner ersten veröffentlichten Erzählung gleich so viel Erfolg, dass er zu Lesungen eingeladen wird. Nun lernt er nach der deutschen Literatur, die er studiert hat, mehr von dem Land kennen, dessen Staatsbürgerschaft er seit einigen Jahren hat. Aber dann ruft ihn sein Bruder dringend nach Bagdad zurück. Als Said Al-Wahid aus dem Irak wegging, schreibt Abbas Khider, „war das Land ein Loch der Verzweiflung; zwei Jahrzehnte später ist es zu einem Loch der Hoffnungslosigkeit geworden“. Khider, der in Berlin lebt, ist wie der Held seines Romans „Der Erinnerungsfälscher“ in Bagdad geboren. Aber erzählt er hier seine Erinnerungen?

Die Kränkungen, die seine Figur erleidet, verpackt er nicht in den satirischen Ton, mit dem er bekannt geworden ist. Seine Romane „Der falsche Inder“ und „Die Orangen des Präsidenten“ beschäftigten sich bissig mit dem Irrsinn von Gewalt und Zensur, die „Ohrfeige“ ließ einen Emigranten an der deutschen Bürokratie verzweifeln. In „Palast der Miserablen“ erzählte er von einer Kindheit im Irak, mit einem Humor, der Armut und Angst den Schrecken nahm. „Der Erinnerungsfälscher“ nun ist einerseits eine leicht sentimentale Reise, auf die sich Said zurück zu seinem Elternhaus begibt. Und andererseits ist es ein Roman, der die Kraft der Literatur feiert.

Er hat ein Buch dabei

Das Buch:

Abbas Khider: Der Erinnerungsfälscher. Roman. Hanser, München 2022. 126 S., 19 Euro.

Der Held erinnert sich, wie er auf verschiedenen Stationen seiner Flucht über Amman, Kairo und Athen ein Buch in die Hände bekam und immer wieder verlor. Das ist eine Verneigung vor Patrick Süskind und seiner Novelle „Die Taube“ um einen traumabelasteten Mann.

So fremd diesem Said Al-Wahid die alte Heimat geworden ist, die er nach dem Besuch sogar schneller als geplant wieder verlassen muss, so fremd wird ihm sein neues Zuhause immer wieder gemacht. Seine Frau hat nie erlebt, wegen ihres Namens nicht am Telefon durchgestellt, oder wie es ist, von Polizisten grundlos auf der Straße nach dem Ausweis gefragt zu werden. Sie hat einen deutschen Namen und weiße Haut. Said beschließt um seines Familienglückes willen, seine Frau und den gemeinsamen Sohn nicht mit seinen Problemen zu behelligen: „Es ist, als hätte Said eine Affäre, von der keiner erfahren soll, eine mit sich selbst.“

Der Titel des Romans zielt auf den Umgang des Helden mit seinen traumatischen Erfahrungen. Den Ratschlag, sich in Therapie zu begeben, missachtet er, denn er könne ja nicht sein Leben selbst in ein Behandlungszentrum schicken.

Abbas Khider lässt seinen Helden im Schreiben Zuflucht finden, indem er das, woran er sich nicht erinnern kann oder will, neu erfindet. Fotos oder Tagebücher braucht er dafür nicht. Saids Texte seien Versuche, „eine einzige wahre Geschichte zu schreiben, nämlich seine, die niemals wahr sein kann“. So ist dieses schmale, aber reiche Buch auch eine Allegorie auf das autofiktionale Erzählen: Die Erkundung der eigenen Prägungen, ohne in jedem Detail der Wirklichkeit zu entsprechen – der Wahrheit aber schon.

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