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Wolfgang Hilbig als Stadtschreiber von Bergen-Enkheim in Frankfurt, 2002. Foto: Georg Kumpfmüller
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Wolfgang Hilbig als Stadtschreiber von Bergen-Enkheim in Frankfurt, 2002.

Wolfgang Hilbig

80. Geburtstag von Wolfgang Hilbig – Paul Celans Bruder

  • VonEberhard Geisler
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Es ist an der Zeit, dass wir Leser erkennen, gleichgültig ob aus Ost oder aus West, dass Hilbig zu einem kanonischen Dichter geworden ist: Zum 80. Geburtstag von Wolfgang Hilbig.

An einem Tag wie dem heutigen drängt sich der Gedanke auf, dass die bedeutendsten Beiträge zur deutschen Lyrik in den Jahrzehnten nach Ende des Zweiten Weltkriegs mit großer Wahrscheinlichkeit aus der Feder von zwei Dichtern stammen, die von der jüngsten Geschichte dieses Landes am unbarmherzigsten geschunden worden sind: von Paul Celan aus Czernowitz in der Bukowina und Wolfgang Hilbig aus Meuselwitz in der Nähe von Leipzig. Beiden Dichtern saß der Schrecken des Holocaust in den Gliedern, und beide sind zu Seismographen einer historischen Katastrophe geworden, die unsägliches Leid verursacht hat, und in der die besten geistigen Traditionen für immer dem Untergang geweiht schienen.

Diesen Überlieferungen haben sie allen Widrigkeiten zum Trotz die Treue gehalten, und beiden ist einzigartige Sprachmacht zugewachsen, indem sie sich auf die Suche nach Spuren des Verschütteten begaben.

Martin Opitz hat in seiner Biografie von 2017 Hilbigs Lebensgeschichte minutiös nacherzählt. Der Großvater, Kasimir Startek, stammte aus Ostpolen, war Analphabet und hatte sich auf der Suche nach Arbeit nach Meuselwitz begeben, wo er Lohn im Bergbau fand. Sein Vater war als Soldat 1943 bei Stalingrad als vermisst gemeldet worden und kehrte nicht mehr nach Hause zurück. In der engen Mietwohnung muss der Heranwachsende das ehemalige Ehebett mit der Mutter teilen, was für ihn ebenso sinnverwirrend wie peinigend ist. Die Erfahrung von Gewalt und Ohnmacht bestimmt seine Jugend. Wenn sein Onkel wüst die Töchter prügelt, erstehen Bilder von KZ-Wächtern vor ihm. Die Mutter, Verkäuferin zunächst und Sachbearbeiterin später, ist von der familiären wie allgemeinen Situation überfordert, tritt in die SED ein und bezeugt für den Sohn jene Sprachlosigkeit, die bleiern über der jungen sozialistischen Republik lastet und alles zu ersticken droht.

Hilbig erlernt den Beruf des Bohrwerkdrehers, wird Heizer, der Kohlen in Öfen schippt, und widmet die freie Zeit dem eigenen Schreiben. „Ich wollte nichts anderes, als ein Schriftsteller sein“, äußert er und gibt nicht auf, obwohl er schier an der selbstgesetzten Aufgabe verzweifelt, „den Leichengestank aus dieser Sprache zu vertreiben“. Hilbig geht 1985 in den Westen, auch dort, ohne heimisch zu werden, und stirbt 2007 an Lungenkrebs.

Der Autor hat Romane und Erzählungen geschrieben, in denen er seine Erfahrungen in der DDR zu verarbeiten sucht, die Bespitzelung durch die Staatssicherheit ebenso wie die Schwierigkeiten seiner Selbstsuche. Michel Opitz verweist darauf, dass diese Erfahrungen nach wie vor Gültigkeit besitzen, und bemerkt in seinem Nachwort zu der Erzählung „Sphinx“: „Wenn Hilbig auch offenlässt, welche Gesellschaft gemeint ist, hinterfragt er kritisch gesellschaftliche Zustände, in denen der Einzelne überwacht, bespitzelt und staatlich reglementiert wird.“ Die „Neue Rundschau“ hat kürzlich Hilbigs Briefwechsel mit den Institutionen der DDR abgedruckt, die engstirnig über die Publikationen im Arbeiter- und Bauernstaat wachten, aber die heutige, medial verwaltete Gegenwart ist nicht minder von umfassender Überwachung bestimmt.

Hilbig ist bedeutend aber vor allem als Lyriker. Uwe Kolbe hat im Nachwort zur Ausgabe seiner Gedichte festgestellt: „Um angemessen über Wolfgang Hilbig zu schreiben, muss man etwas nachvollziehen, das er vorgelebt hat: Sich zurückziehen auf ein Gebiet, das nur einem selbst gehört, sich abschließen von der Welt, als sei man ein Verächter derselben… Es ist ein Gebiet, auf dem nur Dichtung wohnt.“

Dieses Terrain lädt nun erneut zu vielen wunderbaren Trouvaillen ein. In dem großen Langgedicht „prosa meiner heimatstraße“ heißt es zum Beispiel: „o salz das ich vergaß ... versunken in jeglicher spur / tief verborgen: nur einzelner dichter vision“. Hilbig kennt viele andere Vertreter der europäischen Poesie, lässt hier zugleich aber eine Stelle aus dem Neuen Testament anklingen, an der friedfertige Menschen, die gegen den Hass in der Gesellschaft arbeiten, als Salz der Erde bezeichnet werden. Und er konstatiert wieder und wieder den von ihm erfahrenen Mangel: „ein deut der mir fehlte ... / ein einziger beweis ... ein gottesbeweis ... / ein einziger wirklichkeitsbeweis im wahnhaften sein“. Eine Gesellschaft, die Spiritualität ahndet und verbannt, wird am Ende selber von Unwirklichkeit ereilt, gerät zu wahnhaftem Gespinst und erstirbt. Denkt man den Gedanken weiter, dann liefert Hilbig in diesen Versen sogar eine Umschreibung der Ideen von Inkarnation und Abendmahl. Den jüdischen Motiven bei Paul Celan hat er christliche Motive zur Seite gestellt.

Franz Fühmann ist ein Förderer Hilbigs gewesen und hat in ihm einen Geistesverwandten von Novalis gesehen. Tatsächlich hat Hilbig dessen Roman „Heinrich von Ofterdingen“, wie es heißt, wiederholt und begeistert gelesen. Aus einer unveröffentlichten Notiz aus seiner Hand geht hervor, dass er die „kolossale Unmännlichkeit“ dieses Buchs besonders erwähnens- und lobenswert fand. Man ertappt sich dabei, dass man bei einer solchen Bemerkung auf einmal bequemer und entspannter auf seiner Lesecouch sitzt.

Karl Corino kommt das Verdienst zu, Hilbig im Westen bekannt gemacht zu machen, indem er den Dichter für den Brüder-Grimm-Preis der Stadt Hanau 1983 vorschlug und bei der Verleihung die Laudatio auf ihn hielt. Für Corino war er „ein Hölderlin des Tagebaus, und vielleicht noch mehr“, und der Laudator hielt es regelrecht für ein Wunder, „dass ein sächsischer Proletarier die Elemente der literarischen Rhetorik handhabte, als sei er mit dem Quintilian aufgewachsen“, als habe er, mit anderen Worten, eine humanistische Ausbildung genossen. Unlängst sind mit Wolfgang Hilbig und die (ganze) Moderne sowie Wolfgang Hilbigs Lyrik. Eine Werkexpedition zwei Bände im Verbrecher Verlag Berlin erschienen, die auf eine Kooperation von Literaturwissenschaftlern der Pariser Sorbonne, der Universität Nantes und der Friedrich-Schiller-Universität Jena zurückgehen und nach der spezifischen Art der Modernität dieses Dichters fragen bzw. seine Bezugnahmen auf die deutsche Romantik, auf Baudelaire, Rimbaud und Hofmannsthal herausarbeiten. Wieder einmal zeigt sich, wie notwendig der Kontakt unter den verschiedenen Nationalliteraturen ist, nicht nur weil Hilbig von stupender grenzüberschreitender Belesenheit gewesen ist, sondern auch weil erst der fremde Blick Konturierungen der Werke vorzunehmen vermag, die dem bloß aufs Nationale gerichteten Auge verborgen bleiben müssen.

Henri Michaux hat einmal geschrieben: „Von mir war nur noch das eine Hosenbein meiner Seele übrig und flatterte im Wind“. Hilbig hätte ein solches Bild gefallen, und tatsächlich hat der Autor dieses Geburtstagsgrußes an anderer Stelle die Vermutung geäußert, Hilbig habe ein ziemlich verstecktes Prosastück des belgischen Dichters gekannt, in dem dieser Wesen beschreibt, die allein als empfindsame Seelen erscheinen und entsetzt vor einer Gesellschaft Reißaus nehmen, die sie gängeln, normieren und unterwerfen will, und das zu dessen ergreifendsten, gelungensten Texten gehört.

Seit einiger Zeit bemüht sich die Wolfgang-Hilbig-Gesellschaft zu Leipzig um das Erbe des Dichters und organisiert darum auch anlässlich seines Geburtstags zahlreiche Veranstaltungen zu seinem Werk. Das Echo sollte aber nicht auf den Raum seiner Heimat beschränkt bleiben.

An diesem 31. August 2021 ist es an der Zeit, dass wir Leser erkennen, gleichgültig ob aus Ost oder aus West, dass Hilbig zu einem Dichter geworden ist, den es als kanonisch zu begreifen gilt und der das zerrissene, mühsam wieder zusammenwachsende Land an gemeinsame Fundamente erinnert, auf denen Versöhnung möglich wird und eine andere Zukunft.

Der Autor würdigt Wolfgang Hilbig auch innerhalb seines neuen Buches, das im Oktober erscheint: „In drei Gottes Namen. Bruchstücke einer Eröffnung des Raums“, Passagen Verlag, Wien.

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