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„Bildnis Gerhart Hauptmann“ (1900) von Lovis Corinth.
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„Bildnis Gerhart Hauptmann“ (1900) von Lovis Corinth.

Deutsche Dichter

75. Todestag von Gerhart Hauptmann: Der Abbrecher

  • vonWilhelm v. Sternburg
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Zum 75. Todestag des deutschen Dichters Gerhart Hauptmann, der zeitlebens ein zerrissener Opportunist blieb.

Wer will, kann in dem Dichter Gerhart Hauptmann gut und gern den Typus des Deutschen erkennen, der es stets bestens verstand, sich zum eigenen Wohl und Wohlstand in allen politischen Systemen zurechtzufinden. Der junge rebellische Autor, dessen naturalistisches Sozialdrama „Die Weber“ Wilhelm II. nach der Uraufführung 1894 veranlasste, seine Loge im Deutschen Theater zu kündigen, versöhnte sich spätestens nach der Nobelpreisverleihung von 1912 mit dem wilhelminischen Staat. Später fand er sogar bewundernde Worte für den im holländischen Exil noch immer die Welt nicht verstehenden Ex-Kaiser.

In den Jahren der Weimarer Republik ließ er sich als Goethe-Nachfolger feiern, lobte die Republik, zeigte sich bei öffentlichen Auftritten ebenso gerne an der Seite des sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert wie an der des „Vernunftrepublikaners“ und Außenministers Gustav Stresemann. Gleichzeitig sprach er nicht weniger wohlwollend über den neuen römischen Cäsar Benito Mussolini. Unter der von ihm geliebten Sonne Italiens verlebte Hauptmann auch in den Jahren des Fascismo zahlreiche beglückende Urlaubsmonate.

Während viele seiner Schriftstellerkollegen nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 aus dem Land flohen (oder in den Folterkellern der SA verschwanden) und etwa Thomas Mann nach einigem Zögern schließlich das Exil dem entwürdigenden Leben in einer Diktatur vorzog, zeigte sich Mynheer Peeperkorn aus dem „Zauberberg“ rasch bereit, die Hand zum Hitler-Gruß zu heben oder vor seinem Haus auf der Insel Hiddensee die Hakenkreuzfahne hissen zu lassen. Der Kritiker Alfred Kerr, neben dem Theaterleiter und Regisseur Otto Brahm vielleicht wichtigster früher Förderer Hauptmanns, schrieb in seinem Londoner Exil tief enttäuscht und bitter: Der Dichter krieche vor den Machthabern „und vergisst die Opfer. Er guckt respektvoll auf blendende Scheinwerfer eines Tanks – und fragt nicht, wen er überfährt“.

Als dann das Ende kam, russische Offiziere und polnische Landnehmer sein Domizil im Riesengebirge (Haus Wiesenstein) besuchten und es vor Plünderern schützten, da wusste der greise Dichter den ihn bewundernden Gästen lebhaft von seinen Beziehungen zu Maxim Gorki und von seiner Liebe zur russischen Literatur zu erzählen. Das hatte wenige Jahre vorher noch ganz anders geklungen. Nach einem Kinobesuch am 13. Oktober 1937 in Baden-Baden, bei dem Hauptmann Bilder vom fünftägigen Treffen Hitler-Mussolini sieht, notiert er: „Der Eindruck der beiden Führer des Antibolschewismus war einfach, untheatralisch, und gewissermaßen machtvoll und sicher.“

Johannes R. Becher kam im Oktober 1945 ins Haus Wiesenstein, und die neuen Herren der kommenden DDR lockten den Dichter mit Preisen, Ämtern und neuen Auflagen seiner Werke. Hauptmanns Tod am 6. Juni 1946, am Sonntag vor 75 Jahren, bewahrte den 83-Jährigen vor einer neuen politischen Kehrtwendung. Als Fonty, der Protagonist in Günter Grass’ Roman „Ein weites Feld“, über die Insel Hiddensee streift und seinem Begleiter von der offiziellen Totenfeier für Hauptmann am 27. Juli 1946 in Stralsund erzählt, merkt er ironisch an, dass sich hier die „Tradition der Lobpreisungen“ fortgesetzt habe, „die dem lebenden Dichter zu jeder Zeit widerfahren war“. In Stralsund wurde nun, berichtet Fonty, der Ruhm des „vom Volk und dessen Führer im Dritten Reich zum Idol erhobenen“ Toten „unter stalinistischer Herrschaft in Szene gesetzt“.

Ein Idol der Nazis, wie es Günter Grass haben wollte, war der Dichter Gerhart Hauptmann allerdings nie. Sein Schauspiel „Die Weber“ wurde nicht in der von seinem Autor geschriebenen Fassung aufgeführt, sein schwaches Historiendrama „Florian Geyer“ zu einem nationalistischen Jubelereignis stilisiert. Propagandaminister Joseph Goebbels mochte ihn nicht, notierte aber im Juni 1942 nach einer privaten Essenseinladung an der auch Hauptmann teilnahm, dieser stehe dem „Kriegsgeschehen mit warmem Herzen und fast jugendlicher Leidenschaft gegenüber“. Wie Hitler ahnte er jedoch, dass der Dichter mit der Rassenideologie der Nazis nichts anzufangen wusste, ja, sie ablehnte.

Schon während seines Rom-Aufenthaltes 1883/84 – der Zeitgeist lässt ihn aus heutiger Sicht problematische Begriffe wählen – schreibt er: „Die Vermischung mit Juden kann für die Deutschen eine nützliche Blutauffrischung bedeuten.“ Viele seiner besten Freunde und geschätzten Kollegen waren Juden. „Ich sollte für ein Volk eintreten, das Jüdische“, notiert er nach einem Traum. Im Tagebuch aus dem Jahr 1938 liest man dagegen: „Ich muss endlich diese sentimentale ,Judenfrage‘ für mich ganz und gar abtun: es stehen wichtigere, höhere deutsche Dinge auf dem Spiel.“ Vier Tage nach den Pogromen vom 9. November 1938 heißt es wiederum in den privaten Notizen: „Ihr entschleiert das Gesicht der Medusa allzu leichtfertig: nehmt euch in Acht. Es macht noch die Menschheit zum Stein.“ Als er im Oktober 1941 bei einem Spaziergang in einem Dresdner Park einem Juden begegnet, ist er erschüttert: „Ich sah einen sauber gekleideten, stillen Mann: er schritt sittsam ohne sich umzublicken. Er trug auf der Brust einen großen gelben Stern, darauf stand Jude! Sind wir Deutschen wirklich so weit gekommen, das ohne Scham anzusehen?“

Ein zerrissener Opportunist blieb dieser viel redende, die Frauen und den Wein recht übermäßig liebende und sich selbst gerne als Olympier im deutschen Dichterhimmel stilisierende Schlesier. Bei Hauptmann-Premieren zeigte er sich dem Publikum in seiner Loge bedenkenlos an der Seite von Nazi-Größen. Am 15. November 1933 kommt Hitler zur Feier von Hauptmanns 71. Geburtstag in die Berliner Philharmonie und drückt dem Dichter die Hand. Ehefrau Margarete hält bewegt fest: „Stumme Begrüßung, langer Händedruck“. Der Geehrte wiederum notiert: „Seltsames und schönes Auge“. Noch nach einer Hitler-Rede im November 1941 äußert Hauptmann begeistert: „Er ist tatsächlich seit Menschengedenken das größte politische Ereignis Deutschlands.“ Im gleichen Jahr kommen die Fotografen des weit verbreiteten und in viele Sprachen übersetzten Nazi-Blattes „Signal“ zu dem weltberühmten Mann, um Bilder für eine große Hauptmannstory aufzunehmen. Ein Dichter lässt sich bereitwillig für die Auslandspropaganda des Dritten Reiches instrumentalisieren.

In den Februartagen 1945 fiel Dresden nach schweren alliierten Luftangriffen in Schutt und Asche. Hauptmann erlebte dieses Inferno persönlich mit und erlitt angesichts des Untergangs seiner deutschen Lieblingsstadt einen schweren Schock. Tagelange körperliche Lähmungen und seelische Resignation folgten. Und doch ließ er es zu, dass die Nazis seinen Prosatext „Dresden“ („Ich weine“) unter der Überschrift „Die Untat von Dresden. Gerhart Hauptmann klagt an“ und mit bewussten Kürzungen im Rundfunk verbreiten.

Ein wehrloser Künstler? Im Januar 1933 stand Gerhart Hauptmann kurz vor seinem 71. Geburtstag. Alle Überlieferungen aus dieser Zeit weisen ausdrücklich auf die körperliche und geistige Vitalität des Dichters hin. Hauptmann wusste genau, was in all diesen Jahren mit seinen jüdischen Freunden geschah, und ihm konnte schließlich auch nicht verborgen geblieben sein, welche Verbrechen in den östlichen Vernichtungslagern begangen wurden. Der Generalgouverneur des Gebietes, in dem Auschwitz lag, der „Schlächter von Polen“ Hans Frank, war gerngesehener Gast in Haus Wiesenstein. Der Hausherr hat Hitler ebenso gefeiert wie die frühen militärischen Triumphe des Regimes.

Der Ruhm ließ ihn nicht blind werden, aber er erlag seinen Verlockungen, als es galt, die von ihm in seinem Werk so viel beschworenen humanistischen Bekenntnisse in die Tat umzusetzen. Er lebte, unterbrochen von zahllosen, oft monatelangen Reisen in den Süden, auf seiner Burg Wiesenstein, seiner „Arche Noah“ in Zeiten der politischen und militärischen Sintflut, und sorgte sich um sein üppiges Genussleben und die dafür nötigen Honorare. Noch einmal Alfred Kerr aus dem Juli 1933: „Dieser Mensch, der sein Leben lang einen Dichter des Altruismus dargestellt hat, dienert vor dessen Todfeinden.“

Hauptmanns Dichtertalent hatte sich im Grunde schon in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts erschöpft. Die großen naturalistischen Dramen, Tragikomödien und Märchen, die zwischen 1889 („Vor Sonnenaufgang“) und 1903 („Rose Bernd“) entstanden, begründeten seinen Weltruhm. Was danach kam – „Hamlet in Wittenberg“ etwa oder die Atriden-Tetralogie – bleibt abgesehen von wenigen Ausnahmen („Die Ratten“ 1911, „Vor Sonnenuntergang“ 1932) weit hinter dem zurück. Hauptmanns Prosa glänzt in seinen frühen Erzählungen („Fasching“ 1887, „Bahnwärter Thiel“ 1888) und sie verliert sich im Romanwerk der späteren Jahre in mythischem Geraune. Er schrieb auch in den späteren Jahren tausende von Seiten, aber sie sind 75 Jahre nach seinem Tod nahezu vergessen. Auch der bis in die 1960er Jahre hinein zu den meistgespielten deutschen Dramatikern zählende Hauptmann findet sich in den aktuellen Spielplänen der Theater nicht mehr allzu häufig.

Gerhart Hauptmann war im Leben immer ein Abbrecher. Er verließ die Schule ohne Abschluss. Seine Landwirtschaftslehre brach er ebenso vorzeitig ab wie seine Bildhauerlehre auf einer Kunstschule in Rom. Seine erste Ehefrau, die ihm in seinen frühen, erwerblosen Jahren als Schriftsteller dank ihres Vermögens die notwendige Unabhängigkeit ermöglichte, verließ er, als der nun Berühmte eine andere Frau begehrte. Als Dichter fand er schließlich seine Bestimmung. Aber auch da wanderte er nach seinen naturalistischen Theatertriumphen auf unsicheren Pfaden. Warum sollte das mit seinem politischen Wankelmut und seinen egomanischen Selbstdeutungen der Welt anders gewesen sein? Er verließ die wilhelminische Monarchie mit ebenso wenig wirklichen Herzschmerzen wie das demokratische Weimar. Nicht ganz auszuschließen ist es, dass er Hitler mit Stalin ausgetauscht hätte, wenn der Tod ihm da nicht die gnadenvollere Alternative angeboten hätte.

Aus der Hauptmannstory für das NS-Blatt „Signal“, hier der französischen Ausgabe entnommen.

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