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Warum ist Soichiro Kaji nach Shinjuku gefahren, nachdem er seine Frau getötet hat?  William West/afp
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Warum ist Soichiro Kaji nach Shinjuku gefahren, nachdem er seine Frau getötet hat?

Kriminalroman aus Japan

„50“ von Hideo Yokoyama: Die Schande der Polizei

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Hideo Yokoyamas bestechend fremdartiger Kriminalroman „50“.

Mit „64“ erregte Hideo Yokoyama hierzulande Aufsehen: Ein Roman, dessen Titel sich auf 1989, das letzte Jahr der Showa-Ära bezieht. Der 1957 geborene Japaner erhielt dafür 2019 gleich den Deutschen Krimipreis, so dass der Schweizer Atrium-Verlag unter dem arg an den Haaren herbeigezogenen Titel „2“ (weil es zwei Novellen sind) und jetzt „50“ (Orig. „Han’ochi“, 2002) nachlegte. Soichiro Kaji, nicht nur Polizist, sondern auch ein hervorragender Kalligraph, hat „Der Mensch lebt fünfzig Jahre“ prominent in seiner Wohnung liegen. Die ermittelnden Kollegen vermuten darin die Ankündigung eines Suizids, den der 49-jährige Kaji begehen will, sobald er 50 wird. Schon nach der Tötung seiner Frau hat er versucht, sich das Leben zu nehmen – aber warum hat er es sich anders überlegt und zwei Tage später selbst angezeigt? Und warum ist er offenbar in den Tokioter Unterhaltungs- und Rotlicht-Bezirk Shinjuku gefahren, während die Leiche seiner Frau noch in der Wohnung lag?

„50“ ist so weit weg von einem Krimi, in dem ein Mörder oder eine Mörderin erraten werden muss, wie es nur geht. Seinen Reiz bezieht der Roman aus dem Rätsel eines Mannes, der immer aufrecht, ehrlich, freundlich war, der seine schwer an Alzheimer erkrankte Frau auf deren mehrfaches Verlangen hin getötet hat, dem man einfach nicht zutraut, nach der Tat und nach seinem Suizid-Versuch zu einer Prostituierten gefahren zu sein.

Die offizielle Formulierung

Aber leider steht dieser Verdacht nun im Raum, ein Krawattenverkäufer hat Kaji auf dem Shinkansen-Bahnsteig gesehen und es einem Journalisten erzählt. Und von da an kommt die deutsche Leserin aus dem Staunen nicht heraus: Denn im Zentrum des Romans steht bald der ganze intrikat hierarchisierte, von Schande bedrohte Polizeiapparat, stehen diverse Kollegen Kajis; zwei wollen von ihm die Wahrheit hören, andere – und vor allem die Chefs – wollen der Polizei die Schmach ersparen und einigen sich auf die Formulierung, dass Kaji zwei Tage lang einen „Platz zum Sterben“ gesucht habe. Dies nicht, um ihn zu schonen, sondern die Polizei, die einen solchen Mann beschäftigt hat. Ein Glossar am Ende des Bandes erklärt: „Nach dem japanischen Verständnis von Gruppenverantwortung wirkt sich der Fehltritt eines Individuums auf das Ansehen der gesamten Organisation aus.“

Es werden also Strippen gezogen, mit der Justiz wird ein Tauschhandel eingegangen, Kaji schnell und still verurteilt. Bleiben die ehemaligen Kollegen, die ihn für einen guten Menschen halten und einen Suizid fürchten (zu schweigen von der ungeheuren Schande für die Angestellten der Justizvollzugsanstalt, könnten sie es nicht verhindern).

Hideo Yokoyama hat sich darauf spezialisiert – und man liest es mit Faszination –, die Regeln und Bräuche der japanischen Gesellschaft von innen heraus, aus dem Blickwinkel und mittels der Gefühle seiner Figuren sichtbar zu machen. In „50“ sind es in sechs Kapiteln sechs mit dem Fall Soichiro Kaji befasste, zweifelnde und bangende Männer, darunter ein Journalist, ein Richter, ein Gefängnisaufseher, der kurz vor der Pensionierung steht und sich fragt, womit er den Ärger verdient hat. So ist dieser fremdartige Kriminalroman ohne Mörder (denn wirklich niemand behauptet, dass Kaji ein Mörder ist) vor allem ein feines psychologisches Panorama.

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