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400 Jahre Christoffel von Grimmelshausen – Was seynd Leut vor Dinger?

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Von: Arno Widmann

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Simplicius Simplicissimus und sein Lehrer.
Simplicius Simplicissimus und sein Lehrer. © imago/imagebroker

Eine Erinnerung an Christoffel von Grimmelshausen aus Anlass seines 400. Geburtstages

Am 17. März 1622 wurde Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen in Gelnhausen geboren. Das genaue Datum ist strittig. Einigkeit dagegen besteht darin, dass er Autor eines der bedeutendsten Romane ist, die jemals in deutscher Sprache geschrieben wurden.

Es wird oft gesagt, der „Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch“ (1668) sei noch heute ein reines Lesevergnügen. Das ist falsch. Vor dieses Vergnügen haben die Schutzgeister der Lesekunst dicke Mauern der Anstrengung gezogen. Wer versucht, den Originaltext einfach mal so zu lesen, wird schnell aufgeben. Man muss sich einlesen. Am besten geht das, wenn man zur Reclam-Ausgabe, herausgegeben von Dirk Niefanger (2017) greift. Sie bietet den Orginaltext inklusive der „Continuatio“ und einiger anderer „Simpliciana“, alles mit knappen Erläuterungen, die einem das sich Vertrautmachen mit dem Original erheblich erleichtern.

Allerdings bietet neben Vokabular und Schreibweise auch dann noch die Grimmelshausensche Syntax ihre Schwierigkeiten. Wir sind es nicht mehr gewohnt, einem Gedankengang durch die Widersprüche hindurch zu folgen, wenn uns nicht an jeder Gabelung ein passendes Satzzeichen oder besser noch eine erläuternde Konjunktion als Wegweiser dient. Wer frei von solchen Schwierigkeiten einfach lesen möchte, für den gibt es Reinhard Kaisers Übertragung dieses und anderer Romane von Grimmelshausen aus dem Deutsch des 17. Jahrhunderts. Sie erschienen in der Anderen Bibliothek. Dort kam auch heraus das wohl schönste Buch über den Autor: „Grimmelshausen – Leben und Schreiben. Vom Musketier zum Weltautor“ von Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz.

Noch ein paar Worte zu von Grimmelshausen, bevor wir uns seinem literarischen Werk zuwenden. Grimmelshausen im heutigen Thüringen ist der Heimatort der Familie. Aber schon die Großeltern des Dichters hatten ihn verlassen und waren nach Gelnhausen gegangen. Eine verarmte Adelsfamilie, die auf ihren Titel verzichtete, um als Handwerker ihren Lebensunterhalt verdienen zu können. Man blickt hinüber nach Spanien zu Miguel de Cervantes Saavedra (1547–1616), ebenfalls ein verarmter Adliger, der nach einem Soldatenleben, das ihn auch in die Sklaverei führte, den „Don Quijote“ schrieb, ebenfalls ein parodistisches Meisterwerk in Romanform. Ein Buch, in dem – wie bei Grimmelshausen – viel gelitten und viel gelacht wird.

Auf Cervantes habe ich bei Grimmelshausen nur einen einzigen Hinweis bekommen. Aber eine genauere Lektüre wäre interessant. Beide Autoren legen Wert darauf, sich gegen die das Rittertum verherrlichenden Amadis-Romane zu stellen, die Bestseller des Spätmittelalters. Der „Don Quijote“ zeigt in welchen Wahn diese Lektüre seinen Titelhelden treibt. Grimmelshausen setzt seinem Roman „Proximi und seiner unvergleichlichen Limpidae Liebs-Geschicht-Erzehlung“ (1672) ein Gedicht voran, das mit den Worten beginnt „Hjnweg nun! Amadis und deines gleichen Grillen ... .“ Die auch satirische Beschreibung der Welt, wie sie ist, soll gesetzt werden an die Stelle erfundener Großartigkeit.

Grimmelshausens Vater starb, da war er vier oder fünf Jahre alt. Die Mutter zog mit ihrem neuen Mann nach Frankfurt am Main. Grimmelshausen blieb bei seinem Großvater in Gelnhausen. 1634 und 1635 wurde die protestantische Stadt von den katholischen Truppen des Kaisers verwüstet. Die Bevölkerung floh zur Festung Hanau, die von schwedisch-lutherischen Truppen gehalten wurde.

Seit 1637 kämpfte Grimmelshausen auf Seite der Kaiserlichen. Die letzten Jahre seiner 1649 endenden Soldatenzeit war er Kanzleisekretär. Alles andere als ein Simplicius Simplicissimus. Er heiratete 1649 nach katholischem Ritus. Auf der Urkunde zeichnet er als „von“ Grimmelshausen. Er wurde Gutsverwalter, betrieb ein Gasthaus, wurde Schultheiß von Renchen. Ein Happy End?

1673 aber war wieder Krieg. Über seinen Tod am 17. August 1676 ist im Renchener Kirchenbuch vermerkt: „Es verstarb im Herrn der ehrbare Johannes Christophorus von Grimmelshausen, ein Mann von großem Geist und hoher Bildung, Schultheiß dieses Ortes, und obgleich er wegen der Kriegswirren Militärdienst leistete und seine Kinder in alle Richtungen verstreut waren, kamen aus diesem Anlass doch alle hier zusammen, und so starb der Vater, vom Sakrament der Eucharistie fromm gestärkt, und wurde begraben. Möge seine Seele in heiligem Frieden ruhen.“ Mit seiner Frau Catharina, die 1683 starb, hatte er zehn Kinder.

Ich habe das vorausgeschickt, weil man sonst gar zu leicht dem erzählerischen Talent Christoffel von Grimmelshausen erliegt und die Lebensgeschichte seines Helden für die des Autors hält. Davon kann keine Rede sein. Der kleine Grimmelshausen besuchte die Lateinschule, und der berühmte Dialog zwischen dem Einsiedler und dem Jungen, der auf die Frage, wie er heiße, antwortet: „Bub“, ist eine wunderbare Erfindung. Sie führt uns vor Augen, was alles geschehen muss, dass wir einen Namen erhalten, statt einfach nur gerufen oder gar angeschrien zu werden. Der Junge weiß nichts und kennt nichts. Er ist – so würden wir heute sagen – traumatisiert.

Das hindert uns nicht daran, auch über ihn zu lachen. Wir erkennen Tragik und Komik seiner Lage. Die außerordentliche Lebensgeschichte des Simplicissimus lehrt uns, unsere ordentlichen Lebensläufe besser zu erkennen. Wenn er fragt „Was seynd Leut vor Dinger?“ oder „Was seynd Leut, Menschen und Dorff?“ dann erkennen wir, dass aus seinem Gehirn eine Tabula rasa gemacht wurde. Um überleben zu können, musste er alles loswerden. Das freilich gibt dem Einsiedler die Chance, auf ein leeres Blatt zu schreiben. Der gelehrte Autor erinnert sein Publikum an Aristoteles, der die Seele des Menschen mit einem leeren Blatt verglich. Darauf könne man schreiben, was man wolle.

Grimmelshausen verfuhr als Autor ähnlich. Er liebte es, den Ich-Erzähler zu geben. Aber nur selten gab er ihm seinen Namen. Meist versteckte er sich hinter einem Pseudonym. Meist ein Anagramm seines Namens. Ein Versteck also, das dazu diente, aufgedeckt zu werden. Dabei half immens, dass die Bücher immer wieder Bezug nahmen aufeinander. Man darf nicht vergessen: Grimmelshausen war ein Bestseller-Autor, einer den man kannte und den man wiedererkannte.

Sein Versteckspiel erinnert an das, das unsere Mütter mit uns spielten, und unser Juchzen, wenn sie uns fanden. Es erinnert aber auch an die Grimassen, mit denen sie uns erschreckten und ängstigen, bis sie uns wieder ihr wahres Gesicht zeigten. „Was seynd Leut vor Dinger?“ Das ist die Frage des dummen Simplicissimus und es ist die, die uns bis in den Tod verfolgen wird, weil wir niemals aufhören werden zu erschrecken über das, was der Mensch sein kann.

Grimmelshausens Kunst ist ein Kriegsprodukt. Ihr Thema ist immer wieder der Krieg. Ihr Verfahren ist kriegerisch. Sie ver- und zerstört. Dass nichts so bleibt, wie es war, dass auch das wohlschmeckende Mahl endet in Fäkalien, dass der schöne Schein zerschlagen werden muss, um zu einer Wahrheit vorzudringen, an deren Gültigkeit man nach all den Vernichtungen nur sehr zögerlich glauben mag, ist die sich aufdrängende Erkenntnis eines Grimmelshausen-Lesers. Und doch ist auch ein Vergnügen darin. Man erfährt, wie leicht Idole und Ideologien zerstört werden können. Dazu muss man die Perspektive wechseln, mit anderen Augen sehen, was man getan hat.

Im „Simplicissimus Teutsch“ erzählt German Schlejfhejm von Sulsfort – so hier das Pseudonym Grimmelshausens -, wie der Simplicissimus im Bad Sauerbrunnen eine junge Frau verführt, ihr ein Kind gemacht und sie dann verlassen hat. Er erzählt das als Heldengeschichte. In „Trutz Simplex oder Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courasche“ erzählt die Betroffene ihre Version. Sie sieht sich nicht als Opfer. Er hat nicht sie, sondern sie hat ihn betrogen.

Grimmelshausen hat zu seinem Roman einen Gegenroman geschrieben. Und nicht nur den. Der „Simplicianische Zyklus“ besteht aus fünf Romanen, die zusammen nicht etwa ein Bild ergeben, sondern deutlich machen, dass es ein Bild nicht geben kann. Es gibt immer nur Drauf- und Ansichten. Die Welt ist zerschlagen. Selbst der Autor ist viele. Nicht einmal in seinen Geschichten kann er die Welt wieder heil machen. Der Trost der Kunst liegt nicht in der Herstellung einer Illusion, sondern in der Bereitschaft, ihr immer wieder den Garaus zu machen.

Seit dem 24. Februar 2022 stehen Grimmelshausen, der Dichter des Dreißigjährigen Krieges, sein Sarkasmus, seine Fähigkeit, ohne Hoffnung die Hoffnung nicht aufzugeben, uns näher als in den Jahren davor. Wir wissen wieder, dass die Epoche Grimmelshausen, die des allgegenwärtigen Krieges, noch lange nicht zu Ende ist. Was seynd Leut vor Dinger?

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