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Über Hölderlin weiß man so vieles nicht, dass es einem manchmal den Verstand rauben möchte.

Dichtung

250. Geburtstag von Hölderlin: Das wache Auge steht doch ganz im Diesseits

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Überlegungen zu Geist und Geld am 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin: Dass der Dichter, der keine besondere Begabung für sein eigenes Lebensglück hatte, in Frankfurt glücklich war, wurde bisher nie ernst genommen, das Glück nie erkundet.

Wer war Friedrich Hölderlin, vor genau 250 Jahren in Lauffen bei Heilbronn geboren, 1843 gestorben, nicht weit davon, in Tübingen, ebenfalls am Neckar? Ein Leben von 73 Jahren, davon etwa die Hälfte in geistiger Umnachtung, im berühmten Tübinger Turm. Dichter ja, Dichter im eigentlichsten Sinn, Dichter so sehr, dass man sein vielleicht größtes Gedicht, „Brod und Wein“, bis heute kaum versteht, kaum verstehen kann.

Wer sich in Hölderlins Gedichte versenkt, findet eine Welt, die dunkel, fern und fremd ist, er findet eine Welt, die faszinierend, zart und voll von Ahnungen ist, eine Welt, bei der man das Gefühl hat, dass es wirklich das Gebiet der Poesie ist, das man betritt.

Hölderlin ist so ganz anders als die Weimarer (in Weimar lebte er übrigens auch), so anders als Goethe und Schiller, über die man so endlos viel weiß, dass es einem manchmal die Lust zu nehmen droht. Bei Hölderlin, wie bei Heinrich von Kleist, weiß man so vieles nicht, dass es einem manchmal den Verstand rauben möchte.

Wie kann das sein, so große Autoren, so sehr im Zentrum des kulturellen Erbes, und man weiß so wenig? So lange her ist es doch auch nicht, und man weiß wirklich so vieles nicht! Wie kann das sein?

Eine der wesentlichsten Auseinandersetzungen zu Hölderlin drehte sich zum Beispiel um die Frage, ob er verrückt war oder ob er die Umnachtung nur simuliert hatte. Eine andere vieldiskutierte Frage war: War er Anhänger der Französischen Revolution oder nicht? Wir wissen tatsächlich beides nicht.

Es liegt an der Dichtung selbst. Es liegt an der Dichtung Hölderlins, die so dunkel ist, dass daraus kein Bild der Person hervorwächst, kein psychologisches Profil zu entnehmen ist. Es liegt an einer Dichtung, die sich um anderes dreht als die einzelne Person. Hier, wenn irgendwo, dann bei Hölderlin, macht das Wort „Tiefe“ seinen Sinn. Geht man tief genug, wird es dunkel, das könnte ein geheimer Grundsatz des Lichtanbeters und Nachtdichters Hölderlin gewesen sein. Oder: Ist es dunkel, weiß man, dass man in der Tiefe ist. Deswegen haben die Dunkeldeuter, allen voran Martin Heidegger aus dem Schwarz(!)wald, auch gedacht, sich mit Hölderlin so gut zu verstehen.

So wird es auch jetzt wieder sein: Mit Hölderlin entzieht sich die Vergangenheit in ein ziemlich dumpfes, sogenanntes Wissen, zwischen der routinierten Langeweile der Kulturbewahrer und der ebenso routinierten Langeweile der Kulturverwerter. Wir feiern Geburtstag, und wir wissen viel weniger, als wir meinen.

Dabei ist es doch so, dass wir, einfach zur Verständigung darüber, wer wir sind, die Tradition brauchen. Wir brauchen eine lebendige Tradition, in der wir uns die Geschichten der Vergangenheit neu erzählen, weniger eine Tradition des philologischen Zeigefingers und des Schulbuchs als eine Tradition der imaginierten oder wahren Nähe, zu Hölderlin, zu Kleist, auch zu Goethe.

Wir brauchen die Vergangenheit, um uns immer wieder die Zukunft neu vorzustellen, unsere Zukunft, wir brauchen die Vergangenheit, um die Geschichten, Mythen und Fabeln der Gegenwart, die uns im Moment so zahlreich um die Ohren fliegen, zu überprüfen. Wir brauchen eine Vorstellung, eine Imagination der Vergangenheit, um uns selbst vorzustellen.

Wer also ist Hölderlin? Als ich vor etlichen Jahren nach Frankfurt am Main kam, fragte ich mich etwas befremdet, warum Hölderlin hier eine so geringe Rolle spielt, in dieser unsentimentalen, pragmatischen, geschäftigen Stadt, die so anders ist als andere deutsche Städte. Ich frage mich das bis heute. Drei Jahre, drei wirklich entscheidende Jahre hat er hier verbracht. Ist er hier tatsächlich so fremd geblieben? Was geschah damals? Wer war Hölderlin in Frankfurt?

Hölderlin in Frankfurt – das wird gemeinhin erzählt als die Geschichte einer tragischen Liebe. Es ist, so wird gesagt, die Geschichte der innigen Beziehung zwischen Susette Gontard und Friedrich Hölderlin. Es ist die bekannteste Erzählung aus seinem Leben: Hölderlin war Hauslehrer von Susette Gontards Sohn, fast drei Jahre hat er ihn unterrichtet, bevor er, durch den eifersüchtigen Hausherrn und Ehemann beleidigt, die Familie verließ. Jakob Friedrich Gontard war ein ausgesprochen wohlhabender und einflussreicher Bankier, ein Mensch der Frankfurter Gesellschaft, deren merkantile Ausrichtung, so folgert man weiter, Hölderlin missfallen musste.

Es scheint sich in dieser Erzählung alles so zu fügen, wie es sein muss: Der etwas unsensible Bankier Gontard entdeckt die geheime Liebschaft und jagt den dichtenden Liebhaber zum Teufel. Die Liebenden schreiben sich geheime Briefe. Die Ehefrau bzw. die Geliebte stirbt vier Jahre später an geheimem Gram. Der Liebhaber und Dichter hält länger durch, das traumatische Erlebnis der Trennung aber lässt ihn einige Jahre später der geistigen Nacht anheimfallen. Tübingen, Turm, Klappe.

Zum Autor

Peter Michalzik ,Jahrgang 1963, ist der Autor mehrerer historischer Bücher, darunter einer vielbeachteten Biografie über Heinrich von Kleist (2011 bei Propyläen). Im vergangenen Herbst erschien sein Band „Die Liebe in Gedanken. Die Geschichte von Boris Pasternak, Marina Zwetajewa und Rainer Maria Rilke“ (Aufbau Verlag). Michalziks neues Buch, „eine biografische Erzählung“ über Hölderlins Zeit als Hauslehrer bei der Familie des Bankiers Jacob Gontard und seiner Frau Susette , ist soeben herausgekommen: „Der Dichter und der Banker. Friedrich Hölderlin, Susette und Jacob Gontard. Reclam, Ditzingen 2020. 188 S., 16 Euro.

Die Briefe von ihr, die über ein Jahrhundert später gefunden wurden, werden gelesen wie Offenbarungen einer unvergleichlichen Seele. Man sah und sieht in ihr nun das Vorbild für Diotima, die Frau in Hölderlins einzigem Roman „Hyperion“. Die Philologie feiert Triumphe. Mehr noch, Susette wurde Diotima, zwischen Susette Gontard und Diotima schien kein Unterschied mehr zu bestehen. Als wäre der „Hyperion“ ein Buch über Hölderlin.

So klingt eine wunderbar traurige, in sich stimmige, folgerichtige Geschichte. Sie ist nie ernsthaft bezweifelt worden – nicht von Adolf Beck, auf den der größte Anteil des biografischen Wissens über Hölderlin zurückgeht, nicht von den großen Germanisten des vergangenen Jahrhunderts, fast alle passionierte Hölderlinausleger, auch nicht in Peter Härtlings schönem Hölderlinroman. Nirgends.

So klingt eine wunderbar traurige Liebesgeschichte, die heute niemanden mehr interessiert. Zu kitschy, zu sehr Klischee, zu herzig-romantisch.

Aber ist es wirklich so gewesen? Lange geheime Liebe, Vorbild für den Roman, dann großes einsames Leid? Skepsis, starke Skepsis ist angebracht. Die Geschichte ist zu romantisch, zu schicksalsschwer, die Rollen sind zu eindeutig verteilt, die Liebe zu groß und zu rein.

Ich habe deswegen versucht, eine andere Spur zu legen. Sie dreht sich nicht um die Liebe, eine wesentlich private Angelegenheit, sondern um die damals wie heute gesellschaftsrelevante Frage des Geldes. Denn im Hause Gontard standen sich zwei Systeme gegenüber: Poesie und Ökonomie. Hölderlin bei den Gontards, das war auf jeden Fall einmal eine Begegnung zweier exponierter Positionen, das war eine Schlüsselbegegnung für das Verhältnis von Geist und Geld. Das ist nicht weniger interessant, spannend und ergreifend als die Liebesgeschichte. Und es ist bis heute relevant.

Daraus ergibt sich wie von alleine eine ganz andere Geschichte zwischen Hölderlin und Jacob Gontard, einem interessanten, klugen Mann, bei dem der Lehrer und Dichter drei Jahre gut lebte, einem Banker, der doch so verwandt ist mit den Damen und Herren, die diese Stadt bis heute bestimmen.

Diese Geschichte vom Dichter und dem Banker muss doch einmal erzählt werden, dachte ich. Es stellte sich dann schnell die immer wieder (vor allem bei Erschütterungen des Finanzsystems, damals wie heute) auftauchende Frage nach dem Geld selbst. Was ist wahr? Ist das Geld das, was es scheint? Ist es seinen Preis wert? Ist das, was an Geld kursiert, gedeckt?

Das verhandelt sich fast notwendig zwischen den beiden Protagonisten, Hölderlin und Gontard. Wie wir selbst lebten sie in einer Zeit, in der das Geld in seiner alten Form zur Disposition stand. Nicht nur heute, auch damals war das Geld selbst fragwürdig.

Die revolutionären Franzosen erlebten einen enormen Wertverfall ihrer Währung, obwohl die damals kursierenden Assignaten durch enteignete Kirchengüter gedeckt waren. Die merkantilen Engländer dagegen, die Papiergeld in Umlauf brachten, hatten keine Deckung vorgesehen, ihr Geld aber blieb trotzdem stabil. Die kriegerisch überlegenen und finanztechnisch dilettierenden Franzosen standen damals wiederholt vor den Toren Frankfurts, um es zu erobern. Was sie auch taten. Die Fragen nach dem Geld, nach seinem Wert, seiner Deckung, seiner Natur, waren damals mindestens so wichtig wie heute, zwischen einer vergangenen Finanzkrise und einer kommenden.

Mit der Frage der Deckung des Geldes, in eigenartiger Parallelität, steht zur Verhandlung: Was geschah damals wirklich in Frankfurt? Auch in der Erzählung gibt es, wie beim Geld, das Problem der Deckung. Nur dass es hier nicht der Goldschatz ist, der das Geld deckt, das Münzgeld, das das Papiergeld deckt, das Volksvermögen, das die Staatsschuld deckt; die Deckung ist und bleibt die Wahrheit der Aussage. Auch wenn man akzeptiert, dass es unterschiedliche Fassungen einer Geschichte gibt, bleibt doch die Frage: Ist es wirklich so gewesen?

Sie ahnen es: Wir haben die alternative Fassung einer allzu bekannten Geschichte zu erzählen. Die Alternative beansprucht nicht die endgültige Wahrheit, so wie es die traditionelle Fassung oft noch tut. Aber sie hält sich doch für eine notwendige Alternative. An manchen Stellen hat sie sogar den Vorteil, wahrscheinlicher zu sein. Die Geschichte zwischen Gontard und Hölderlin war mindestens so interessant wie die zwischen Hölderlin und Gontards Frau. Die Dinge sind niemals so klar, wie sie scheinen, wenn man sie sich nur lange genug zurechtbiegt.

Denn Hölderlin war glücklich in Frankfurt. Dieser Mensch, der wahrscheinlich keine besondere Begabung für sein eigenes Lebensglück hatte, dessen Leben um anderes kreiste als Glück, war in Frankfurt glücklich! Dieser Umstand wurde aber bisher nie ernst genommen, das Glück wurde nie erkundet, ergründet und ausgemalt. Hölderlin, der große Unglückliche, konnte glücklich sein! Auch davon muss doch einmal die Rede sein.

„Rings um ruhet die Stadt; still wird die erleuchtete Gasse, / Und, mit Fackeln geschmückt, rauschen die Wagen hinweg. / Satt gehn heim von Freuden des Tags zu ruhen die Menschen, / Und Gewinn und Verlust wäget ein sinniges Haupt / Wohlzufrieden zu Haus; leer steht von Trauben und Blumen, / Und von Werken der Hand ruht der geschäftige Markt.“ So diesseitig, so ruhig betrachtend, so frankfurterisch beginnt Hölderlins Nachtdichtung „Brod und Wein“. Dann geht es langsam weiter mit Musik und Dämmerung, mit Mond und Nacht. Aber der Fuß, der Beginn, das wache Auge, steht doch ganz im Diesseits.

Lasst uns noch einmal nachdenken, lasst uns neu denken, lasst uns mit Hölderlin in einer Erinnerung graben, die vielleicht doch anders ist, als wir uns es immer und immer wieder vorgesagt haben!

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