Szene aus dem Film „Das Cabinet des Dr. Caligari“ mit Lil Dagover und Conrad Veidt und von Robert Wiene. Imago Images
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Szene aus dem Film „Das Cabinet des Dr. Caligari“ mit Lil Dagover und Conrad Veidt und von Robert Wiene.

Sachbuch über 1920

„1920. Am Nullpunkt des Sinns“: Gespensterhafte Zeiten

  • vonHarro Zimmermann
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„Am Nullpunkt des Sinns“: Wolfgang Martynkewicz diagnostiziert das Jahr 1920 und seine explodierenden Gleichzeitigkeiten.

Auf die vieldiskutierte Frage nach der Vergleichbarkeit unserer zwanziger Jahre mit denen des vergangenen Jahrhunderts lässt sich Wolfgang Martynkewicz gar nicht erst ein, er weiß um die prägnanten Differenzen zwischen beiden historischen Krisenlagen. Das Jahr 1920 in jenem Deutschland mit seinen fieberhaften Endzeit- und Untergangsvisionen, mit seiner zivilisatorischen Hypertonie infolge der Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs, ist nicht überein zu bringen mit der heutigen Angstlust und der Beschwörung von vermeintlichen historischen Parallelkatastrophen.

War in jenem Nachkriegsjahr 1920 nicht schon alles vorhanden, was wenig später zu einem menschheitsgeschichtlichen Inferno führen sollte? „Die Hoffnung auf einen neuen Menschen, die Suche nach Mythen und Selbstgewissheit, die Affekte gegen die unverständliche Moderne, die Hysterie und Suggestibilität der Massen, das unbedingte Glaubenwollen und gleichzeitig die Furcht vor Täuschung und Manipulation – sogar der Führer war schon da.“

Martynkewicz lässt das Gespensterhafte jener goldenen, so genuss- wie gegenwartssüchtigen Jahre in einem Furioso von Impressionen und Expressionen intellektueller Zeitgenossen Revue passieren. Alles drängt sich damals zu explodierender Gleichzeitigkeit zusammen, alles überstürzt sich in momentaner Ereignishaftigkeit. Man weiß, die alte Welt ist zur unwiederbringlichen Vergangenheit eingestürzt, aber man vermag nicht zu sagen, wie Deutschland in der sich radikal modernisierenden Zukunft aussehen könnte. Es heißt vielmehr überleben in einer seelisch traumatisierten und zutiefst überforderten Nachkriegsgesellschaft, in der Armut, Kriminalität und Fememorde, ideologische und politische Psychosen, aber auch mondäner Star-Glamour und Tanzwut, Theaterlust, Revue- und Kabarett, neben Box-Events, Rad- und Auto-Rennen nahezu orgiastische Formen annehmen.

Kein Wunder, dass die Filme über sinistre Figuren wie Dr. Mabuse und Dr. Caligari zu den erfolgreichsten Kino-Ereignissen avancieren: „Die Gesellschaft Anfang der zwanziger Jahre war von den heimlich-unheimlichen Herrschern fasziniert, die zerstörerische Kräfte entwickeln und Unterwerfung fordern.“

Angst vor und zugleich Faszination von den heraufziehenden Gewaltkräften der Zukunft, Zurückschrecken vor den Unbegreiflichkeiten einer explodierenden wissenschaftlichen Moderne – in der Bewunderung und hasserfüllten Abwehr einer Persönlichkeit wie Albert Einstein wird zu jener Zeit beides sinnfällig. Überhaupt sehen sich Führergestalten gleichermaßen sehnsüchtig erwartet wie beargwöhnt. Sigmund Freud schreibt damals: „Der Führer der Masse ist noch immer der gefürchtete Urvater, die Masse will immer noch von unbeschränkter Gewalt be-herrscht werden, sie ist im höchsten Grade autoritätssüchtig.“

Das Buch

Wolfgang Martynkewicz: 1920. Am Nullpunkt des Sinns. Aufbau Verlag, Berlin 2019. 383 S., 24 Euro.

Aber was soll aus der „ermüdeten und mythenentleerten Welt“ werden, wie Gottfried Benn die zwanziger Jahre nennt? Diese Zeit besitze etwas „Gespensterhaftes“, sie sei verloren zwischen Vergangenheit und Gegenwart, sekundiert damals Kurt Tucholsky. Soll man auf den neuen Menschen setzen, auf einen verjüngten Heros und seine unendlichen Möglichkeiten, oder befindet sich die Welt am „Nullpunkt des Sinns“, droht nun so etwas wie eine „stürmische Leere“ heraufzuziehen?

So verschieden wie die intellektuellen Geister, die Martynkewicz ausgiebig zitiert und kommentiert, so variantenreich kommen in jenen Jahren auch die einschlägigen Denkansätze und Problemphantasien daher. Kann man einen individuellen Reizschutz entwickeln vor den Schock-Erlebnissen der neuen Gegenwart, bzw. in abgeklärter Kälte verharren gegenüber den Gefahren einer kriegsähnlichen Arbeits- und Leistungswelt à la Ernst Jünger? Oder könnte es eine Rückkehr zum christlichen Glauben, zum Ganzheitsdenken des Orients, oder zur Beruhigung in russischer Seelenfülle geben?

Besonders an Freud und Brecht, Döblin und Kafka macht Martynkewicz gleichsam die intellektuellen Aufmerksamkeitsspitzen gegenüber dem Mentalitätsumbruch von 1920 erkennbar. Freud muss jetzt, ähnlich wie C. G. Jung, unter dem Eindruck der grässlichen Zeitverhältnisse den Aufklärungsimpetus der Psychoanalyse relativieren, weil sich die archaisch-destruktiven Triebimpulse auch des zivilisierten Menschen nicht länger übersehen lassen.

Brecht demonstriert in seinem antiromantischen „Baal“ die ungebändigte männliche Triebnatur, den Tier-Menschen, und in späteren Stücken die „schamlose Großartigkeit“, ja den enthumanisierenden „Stadt-Dschungel der Weltgeschichte“ zwischen Amerika und Europa. Aber auch Döblin kann als Romancier vom „Zerstörungstaumel“ der neuen technisch-apparativen Modernisierungsmächte nicht lassen, ihn zieht es auf dem Wege der Naturmystik zurück zu den grundlegenden Lebenstatsachen von Individuum und Gesellschaft, zu einer „Urwesenheit, einem einzigen Ursinn“. Dass die immer abstrakter werdende Welt der Moderne aus den Fugen geraten sei und man unter dem Druck einer „Katastrophenerwartung“ stehe, gegen den sich ein jeder zu wappnen habe, hat damals auch Franz Kafka wahrgenommen, dessen Lebens- und Liebesversuche sich von einem „unterirdischen Drohen“, von dämonisch wirkenden Zwängen gesteuert sahen.

An die Katastrophen der dreißiger Jahre hätten die Protagonisten von 1920 (noch) nicht ge-dacht, meint Wolfgang Martynkewicz, ihr Problemhorizont sei der Untergang der Zivilisation, der clash der Kulturen gewesen. Das mag schon deshalb zutreffen, weil – nach einem Wort von Robert Musil – die Menschen eigentlich nichts gelernt hätten, obwohl sie seit Jahren „Weltgeschichte im grellsten Stil“ machten.

Fazit: Erinnerung und Anschauung können als Medien des Geschichtsverstehens sehr wohl versagen, denn zum Trauma gehört der Symbolisierungsverlust, die Unverfügbarkeit der Ereignisse, als Angstträume und Wiederholungszwänge kehren sie im Seelenhaushalt der Individuen wieder. 1920 war der Inbegriff eines Zeitenbruchs, einer Ära der Haltlosigkeiten und der Relativitäten, sie hat ihren eigenen Taumel in die zivilisatorische Katastrophe nicht zu ahnen vermocht. Der kenntnisreich und prägnant schreibende Kulturhistoriker Martynkewicz entlässt seinen Leser mit der Frage, an welchem Geschichtspunkt des Sinns wir uns hundert Jahre danach befinden.

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