Wirtschaftswissenschaften

Liquide

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Der Marktfundamentalismus der jüngsten Finanzkrise hat nicht allein ökonomische Folgen. Er bewirkt obendrein den Verlust des Vertrauens in den Staat und die repräsentative Demokratie.

Wer viel auf der Bahn ist, der kann in den Bahnhofsbuchbuchhandlungen zusehen, wie das Angebot die Nachfrage regelt. Büchertürmchen annoncieren in diesen Tagen eine kräftige Konjunktur der Kapitalismuskritik. „Das Ende der Weltwirtschaft und ihre Zukunft“ ist so ein Titel, Untertitel „Crisis Economics“, der boomt. Verfasst von dem amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Nouriel Roubini und dem Wirtschaftsjournalisten Stephen Mihm, notiert eine Rankingagentur wie die Spiegelbestsellerliste das Buch positiv.

Bahnreisende wie überhaupt die lesende Gesellschaft verdanken Mihm und Roubini, der Bill Clinton als Berater zur Seite stand und auf internationalen Podien einer der mobilsten Wirtschaftsexperten ist, Erklärungen für den großen Finanzcrash. Beide diskutieren die Frage des Bankrotts in ihren Widersprüchen, und Dialektik heißt hier: War die Ursache für den globalen Finanzkollaps nun eine Liquiditäts- oder eine Solvenzkrise? Dass die 500 Seiten umfassende Analyse nachfragende Leser nicht wirklich befriedigt, weil das Buch manchen Abriss liefert, zeigt etwa die Zusammenfassung der Kritik der Politischen Ökonomie, wie sie Karl Marx formulierte – ein „abstract“ von anderthalb Seiten. Da lautet das Fazit, dass „Marx’ Theorie sehr viel komplexer ist, als diese knappe Zusammenfassung vermitteln kann.“

Dennoch betonen die Autoren, ausgehend von Marx’ fundamentaler Einsicht, die immanente Krisenanfälligkeit des Kapitalismus, die dem Kapitalismus inhärente, die ihm eigene Instabilität. Ohne es ausdrücklich auszusprechen, bestätigen Roubini und Mihm, die sich auf so unterschiedliche Wirtschaftstheoretiker wie John Maynard Keynes, John Stuart Mill oder Josef Schumpeter berufen, die Zukunft einer sich ausdrücklich „links“ verstehenden Kapitalismuskritik. Ihre ökonomische Analyse des globale n Finanzsystems bezweifelt den berühmten Gedanken von Adam Smith, die Metapher von der „unsichtbaren Hand“.

Smiths klassische Wirtschaftsauffassung gründete in einem physikalischen Modell, das sich auf das Gleichgewichtskonzept Isaac Newtons (1642 – 1726) als Bewegungsgesetz in der Natur berief. Durch diese Fiktion wurde der Markt zum Schauplatz eines vermeintlich vernünftigen Naturgesetzes erklärt, ja, mit der „newtonschen Semantik in der ökonomischen Theorie“, daran hat kürzlich der Berliner Kulturwissenschaftler Joseph Vogl erneut (mit Marx) erinnert, kam die Legende in die Welt, der „Markt exekutiert gleichsam ein Naturgesetz.“ Wiederum der Frankfurter Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe hat soeben festgehalten, dass es Karl Marx war, der die Vorstellung vom naturgegebenen Gleichgewichtszustand des Marktes Mitte des 19. Jahrhunderts „wirkungsvoll in Frage“ stellte, „ohne aber das Gleichgewichtsparadigma damit aus den Angeln heben zu können.“

Nichts weniger als diesen Versuch unternehmen auch Roubini und Mihm. Auch sie misstrauen der großen Fiktion, dass „sich Märkte selbst regulieren und immer ein magisches Gleichgewicht herstellten“, dass durch die unsichtbare Hand die „egoistischen und oft widerstreitenden Interessen der einzelnen wirtschaftlichen Akteure zu einem stabilen und sich selbst regulierenden Wirtschaftssystem zusammenfinden“.

Die große ökonomische Erzählung von der kollektiven Weisheit des Marktes, vom ökonomischen Weltgeist, der ein jedes finanzielle Detail durch das große vernünftige Ganze sanktioniere, hat in der letzten Finanzkrise Schaden genommen. Mit Blick auf die „tumultöse Welt jüngster Finanzmärkte“ (Joseph Vogl) hat das Vertrauen in diesen Weltgeist nicht nur in deutschen Talkshows Schaden genommen.

Wie mancher Kritiker, den die letzte Krise zum konjunkturellen Kapitalismuskritiker gemacht hat, diskutieren Roubini/Mihm trotz aller ökonomischen Fixierung, den „menschlichen Faktor“, gewissermaßen die durch ökonomische Umstände stimulierten anthropologischen Sünden, Gier an erster Stelle, aber auch „moral hazard“, also verantwortungsloses Risikoverhalten. Dass psychologische Mechanismen beim Zocken an den Börsen ins Spiel kommen, „irrationaler Überschwang“, „Euphorie“, Prestigedenken, ebenso zwangsläufig Potenzgebaren – nein, wir wollen nicht psychologisieren.

Interessant an der ökonomischen Analyse ist, dass sie auch vom „Vertrauen“ spricht, doch Vertrauen genau wie den Vertrauensverlust ohne Ausnahme allein auf wirtschaftliche Beziehungen reduziert: zwischen Aktienverkäufer und Aktienkäufer, zwischen Sparkassenfilialleiter und Sparkassenkunde, zwischen Bankenvorstand und Aufsicht. Vertrauen als rein ökonomisch definiertes Verhältnis, von der Zweierbeziehung am Schalter, bis hin zu vollkommen anonymen Geschäften im globalen Maßstab. Roubini und Mihm sind, wenn es um Vertrauen geht, fixiert auf den „homo oeconomicus“, weil sie von ihm fasziniert sind.

In der Tat hat das große Beben an den Finanzmärkten und in den Regierungen zu einer großen Vertrauenskrise geführt. Doch der Vertrauensschwund hat nicht allein ökonomische Ursachen, Vertrauen ist nicht allein, auch wenn Roubinis und Mihms ökonomistische Perspektive es darauf reduzieren, ein Liquiditätsproblem. Im Normalfall, schreiben sie, „sind Märkte relativ liquide und es herrscht Vertrauen.“ Zu den mentalen Hypotheken der jüngsten Weltwirtschaftskrise gehört ein Misstrauen ganz anderer Art, ein Vertrauensverlust, der sich nicht auf ein erschüttertes „Marktvertrauen“ beschränkt.

Als „flüssige Moderne“ hat der Sozialphilosoph Zygmunt Bauman das Stadium des Kapitalismus analysiert, in dem die sozialstaatliche, die gesamtgesellschaftliche Verantwortung aufgekündigt ist. Qualifiziert ist man dazu durch Chuzpe, Gleichgültigkeit, Verantwortungslosigkeit. Für Bauman befindet sich die von einem ökonomischen Fundamentalismus gegängelte Politik und Gesellschaft im Zustand der „liquiden“ Moderne“ – wobei Zustand ein unangemessener Ausdruck ist angesichts der Dynamik und sich gegenseitig aufschaukelnden Energien der Börsen und Finanzmärkte.

Nicht dass diese Finanzmarktkrise die erste wäre, und deshalb haben Kapitalismuskritiker zuletzt darauf hingewiesen, dass es nicht verkehrt wäre, wenn man, um das Krisennaturell des Kapitalismus, seine strukturelle Verfasstheit besser zu verstehen und um gegen dessen, nein, nicht nur wiederkehrende Krisenanfälligkeit sondern zyklisch wiederkehrende Krisenanhänglichkeit vielleicht ein besser gefeit zu sein, die historische Analyse stark macht.

So tat es auch soeben erst wieder der Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson, der an erster Stelle Wirtschaftsunternehmen die Einstellung von Historikern empfahl, mit Kenntnissen der Geschichte des Kapitalismus. Wo doch dessen wechselvolle Geschichte mit Krisen reich gesegnet ist, angefangen mit dem frühkapitalistischen Crash der Florentiner Bankhäuser im 14. Jahrhundert, dem Bankrott der Peruzzi 1343 oder dem der Bardi 1346.

Wirtschaftsgeschichte ließe sich auch so verstehen, dass bereits der hochspekulative Spieltrieb von Banken am Ausgang des Mittelalters in Bahnen gelenkt werden musste, das freie Spiel der Kräfte, lange bevor davon ein Begriff entwickelt war, eingehegt oder gar diszipliniert gehörte.

Von einem historischen Langzeitgedächtnis, das über die Weltwirtschaftskrise nach 1929 weit hinausreicht, könnte auch die Politik profitieren, zumal die Rolle des Staates ins Spiel kommt. Da die Finanzökonomie kein gerechtes System ist, vielmehr der Gerechtigkeit immer wieder Hohn spricht durch die Freiheit weniger, die nicht der Gerechtigkeit vieler (um von allen gar nicht zu reden) dient, braucht der Bürger und Steuerzahler den Staat als Interventionsinstanz.

Man muss deswegen kein Keynesianer sein – was immer das heißt: Anhänger der Technokratie oder Segnungen staatlicher Interventions- und Lenkungsmaßnahmen. „Die Krise hat deutlich gemacht“, schreibt der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz in seinem Bestseller „Im freien Fall“, dass „freiwillige Selbstkontrolle nicht funktioniert hat.“

Auch Roubini und Mihm machen aus dem Versagen der Politik keinen Hehl. Der Ausstieg der nationalen Politik aus der Verantwortung zur Disziplinierung des Kapitalismus ist ein global gravierendes Problem. Zu den mentalen Hypotheken des Crashs gehört nicht nur die Frage nach der Verantwortung des Staates, dazu zählt vielmehr die mittlerweile zu registrierende resignative Abwendung von der Politik (Nichtwähler) wie vom Politischen (Desinteresse an demokratischen Formen der Willensbildung und an politischen Ereignissen). Dieser Ausstieg, angefangen mit dem Verzicht des Staates auf den Primat der Politik, ist die wirkmächtigste Erbschaft des Finanzkapitalismusdesasters. Die Loyalität gegenüber der repräsentativen Demokratie verschwindet mittlerweile auch rapide in der Mitte der Gesellschaft.

Sicher, der Bürger sollte sein Vertrauen in den Staat nicht überstrapazieren, denn die demokratische Tugend schlechthin ist der Zweifel. Doch ohne ein gesellschaftliches Grundvertrauen ist kein demokratischer Staat zu machen. Die Spielernaturen haben an den internationalen Finanzmärkten hemmungslos zocken dürfen, jetzt droht der Staat auch noch obendrein den gesellschaftlichen Konsens zu verspielen, einen Kredit, den ihm der Bürger einzuräumen bereit war.

Die dem Marktfundamentalismus geschuldete Finanzkrise, so schrieb zuletzt Stiglitz, „hat die Erosion des Vertrauens zum Vorschein gebracht und beschleunigt.“ Diese Vertrauenskrise, mentale Schuldenlast der ökonomischen Liquiditätsprobleme einer „liquiden Moderne“, wird eine der großen demokratischen Herausforderungen der Politik sein.

Das Unbehagen, das Ressentiment gegenüber der Politik und ihren repräsentativen Institutionen, ist eine der großen Provokationen für die Demokratie. Um es regelrecht staatstragend zu sagen. Kapitalismuskritik drängt sich aus demokratischen Motiven auf. Das wiederum erklärt, dass Kapitalismuskritik, nach der auch in Deutschland offenbar eine wieder größere Binnennachfrage zu existieren scheint, nicht konjunkturabhängig sein sollte.

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