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Georg Uecker und Gunnar Solka 2006 in der "Lindenstraße" 

Gunnar Solka

„Lindenstraße“: „Manche wollten Georg Uecker vergasen“

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„Lindenstraßen“-Darsteller Gunnar Solka über polarisierende Figuren, die politische Wirkung einer Serie und seinen neuen Spot über das Sterben im Mittelmeer.

Gunnar Solka, Jg. 1970, lebt in Berlin. Der Schauspieler wurde als Peter „Lotti“ Lottmann in der ARD-Serie „Lindenstraße“ bekannt, den er seit 2004 spielt. Derzeit macht Solka mit einem politischen Spot auf sich aufmerksam.

Ende der „Lindenstraße“: Vor einem Jahr wurde bekannt, dass die ARD die Serie einstellen will, im März 2020 soll die letzte Folge gezeigt werden. Die erste „Seifenoper“ Deutschlands mit politischem Anspruch läuft seit 1985.

Herr Solka, Sie haben den Spot „Life“ gedreht, der sich mit dem Sterben der Menschen im Mittelmeer beschäftigt. Stehen Sie sonst nicht immer vor der Kamera?
Seit 15 Jahren spiele ich in der „Lindenstraße“. Da sie als Familienserie mit politischer Reflexion angelegt ist, erzählte sie schon immer beispielsweise mit der Nigerianerin Mary die Geschichte von afrikanischen Geflüchteten. Auch habe ich selbst 2016 und 2017 Deutschkurse für Geflüchtete an einer Fortbildungsakademie gegeben und daher einen direkten Bezug zu den dramatischen Geschichten der Flucht meiner Schüler.

Wer war am Dreh beteiligt?
Felix Kusser, Benjamin Gesing und ich haben den Spot als Künstlerkollektiv „3 11 12“ gedreht. Er soll das schöne sorgenfreie Leben in Europa zeigen, das in den direkten Zusammenhang mit dem Sterben im Mittelmeer gestellt wird. Uns drei hat das Menschenrechtsthema schon länger umtrieben, also die Flucht der Menschen über das Meer und die unsäglichen Debatten um sichere Häfen.

Politischer Spot über das Sterben im Mittelmeer

Gab es Unterstützung von außen?
Wir bekamen tatsächlich aufgrund des Themas jede Menge kostenlose Unterstützung bei Drehort, Boot und Catering. Das hätten wir uns sonst nicht leisten können, ebenso wenig die Schauspielergagen. Alle waren begeistert, endlich etwas im Rahmen ihrer Möglichkeiten tun zu können.

Dawit Tekle im Spot „Life“.

Wen haben Sie gecastet?
Für die Hauptfigur konnten wir Anja Karmanski gewinnen und als zweite Hauptrolle Sara Turchetto, die nicht nur in der „Lindenstraße“ meine Kollegin ist. Auch sie hat geflüchteten Syrern Deutschkurse gegeben. Felix Kusser, der demnächst in der „Lindenstraße“ den Hipster Josh spielt, steht ebenfalls vor der Kamera. Wunderbar, dass wir mit Komi Togbonou einen Schauspieler haben, der aktuell am Schauspiel Frankfurt in „sklaven leben“ spielt. Dort kehren sie den Status Quo einfach um – es sitzen Europäer in orangenen Westen in den Flüchtlingsbooten.

Wo lief der Spot bereits?
„Life“ lief überraschend im Kino beim Human Rights Film Festival Berlin. Ich saß mit Menschenrechtlern und Filmemachern in der Jury, und als ich der Festivalleiterin Anna Ramskogler-Witt unseren Spot zeigte, nahm sie ihn als Vorfilm ins Programm. Nun läuft er für eine breite Öffentlichkeit auf YouTube; wir hoffen, viele Menschen zu erreichen.

Die „Lindenstraße“ hat die Gesellschaft beeinflusst

Was konkret möchten Sie erreichen?
Wir wollen ein Bewusstsein für die eigene Verantwortung schaffen. Wie erklären wir der nachfolgenden Generation unsere ignorante Haltung zum Sterben von notleidenden Menschen im Mittelmeer? Was wir zeigen, ist nicht fiktiv, es ist die Wirklichkeit. Semidokumentarisch sozusagen. Es sind keine Zahlen, nichts Abstraktes, der Spot zeigt, wie wir uns verhalten: Wir leben weiterhin im Überfluss, machen im Mittelmeer Urlaub, während Menschen täglich vor unseren Augen sterben. Wir wollen den Leuten ihren Urlaub nicht madig machen, aber sie zum Nachdenken anregen. Denn jeder einzelne kann etwas tun.

Glauben Sie, dass auch die Kultur Einfluss auf die Politik nehmen kann?
Ja. Nehmen Sie die „Lindenstraße“, die die Gesellschaft durchaus beeinflusst hat - alleine was die Ermutigung zum Coming out und die Ehe für alle betrifft. Sie brachte linke Politik selbst in die spießigsten Wohnzimmer und erzielte so ihre Wirkung. Anderes Beispiel ist das Filmfestival, auf dem unser Spot lief. Dort sah ich zur Eröffnung „For Sama“. Es ist unmöglich, sich der Unmittelbarkeit dieser Bilder aus Aleppo zu entziehen. Oder wie es die Festivalleiterin sagte: „Man ist der Wucht der Ereignisse ausgesetzt“. Dass dieses Festival auf Tour nach Brandenburg geht, wo die AfD so viele Wähler hatte, finde ich enorm wichtig. Und natürlich wollen wir mit unserem Spot natürlich auch Einfluss auf die Politik, auf die Menschen nehmen.

Stichwort „Lindenstraße“. Seit 15 Jahren spielen Sie in der ARD-Serie. Was reizt Sie an der Serie?
Ich hatte nach der Schauspielschule fast nur Theater gespielt, als mich der Besetzungschef Horst D. Scheel zu Probeaufnahmen einlud. Kurze Zeit später erhielt ich die Rolle des Peter „Lotti“ Lottmann, eines auffälligen Typen und Ex-Maskenbildners, der inzwischen Mitinhaber des Frisörsalons ist. Man könnte meinen, ein Konzept der „Lindenstraße“ ist: Niemand ist wirklich normal, die Figuren müssen polarisieren. Zur 1000. Folge schrieb die „taz“, dass die heutigen Homopärchen vor lauter Normalität kaum noch auffallen und Lotti daher schon als Paradiesvogel durchgehe. Ja, Peter Lottmann polarisiert, zum Glück.

Morddrohungen und Post von „besorgten“ Eltern

Warum ist Ihnen das Polarisieren so wichtig?
Ich habe früher als Journalist gearbeitet und wollte auch als Schauspieler weiter gesellschaftspolitisch Einfluss nehmen können. Die „Lindenstraße“ hinterfragte von Anfang an die gesellschaftlichen Strukturen und bringt über Bande linke Politik aus einem teilfiktiven Alltag in den realen Alltag. Sie fordert Identifikation ein und provoziert daher die Auseinandersetzung mit dem eigenen Weltbild. Aktuelle Ereignisse werden ja stets zeitadäquat behandelt.

Auf dem Festival: Gunnar Solka, Felix Kusser, Benjamin Gesing

Beispiele?
In einer Folge reagiert Lotti recht trocken auf den Tod eines Papstes: „Sie mochten ihn wohl nicht?“ - „Ich hab’s nicht so mit den Katholen. Und die mit mir auch nicht.“ Oder die Bundestagswahl 2005. Da hatten wir im Vorfeld extra verschiedene Versionen für den Wahlsonntag gedreht. Lotti stand auf Seiten der Linkspartei und der SPD. Dann starb plötzlich eine Direktkandidatin der NPD aus Dresden, und wir mussten rasch eine erneute Aktualisierung drehen. Für Lotti waren die Dresdner nun „das Zünglein an der Waage“.

War die Politisierung der deutschen Serie revolutionär?
Ja, es war vollkommen neu. Als Langzeitformat ist die „Lindenstraße“ in dieser Form einzigartig. Sie hat viel vorgelebt, obwohl sie nicht die klassische Familie als Gesellschaftsmodell zeigt, sondern vielmehr die Gesellschaft als Familie, in der jeder mitverantwortlich ist. Ich erinnere hier an den Kuss zwischen zwei Männern 1990. Die Zuschauerreaktionen waren erschreckend, und sie kamen aus allen Schichten der Gesellschaft. Vergasen wollten manche die Figur Carsten Flöter oder seinen Darsteller Georg Uecker als minderwertiges Leben, andere wollten ihn „an den Eiern aufhängen“. Neben Morddrohungen gegen Uecker gab es auch Post von „besorgten“ Eltern, die sich beschwerten, dass ihre Kinder „das sehen“. Gerade vor diesem Hintergrund bin ich froh, dass sich niemand einschüchtern ließ und Georg Uecker und ich uns in der Serie viermal küssen durften, auch mal im Bett. Es wurde als Alltäglichkeit eben auch Kindern gezeigt, die dann ihren Eltern Fragen stellen.

ARD verabschiedet sich mit der „Lindenstraße“ von einer ihrer profiliertesten Marken

Die sogenannten „besorgten Eltern“ waren ja mehrfach Thema in der „Lindenstraße“...
Richtig, dazu hat sich Lotti auch geäußert. 2015 begann in Baden-Württemberg die Kontroverse gegen die Akzeptanz sexueller Vielfalt im Bildungsplan. Das griff die „Lindenstraße“ in einer Szene auf, in der die Christin Gabi Zenker und der damals bei ihr wohnende schwule Lotti nach dem Frühstück über die Homophobie Putins sprechen. Während Lotti den Tisch wischt, fragt er lapidar, ob Putin bei den olympischen Spielen das Curling für Männer verbieten könnte: „Das ist ja eher ein nichttraditionelles Verhalten: Männer, die wischen.“ Woraufhin Gabi Putins Homophobie als Kalkül für Stammtischparolen abtut. Kein Mensch könne ernsthaft glauben, sein Kind würde alleine vom Anblick von Schwulen und Lesben homosexuell. Der Konter von Lotti: „Kein Mensch?! Und was war mit der Petition in Baden-Württemberg? Allein 200.000 glauben genau das!“

Eine klare Botschaft auch an christliche Zuschauer?
Die Position der Gabi Zenker ist bemerkenswert, weil sie sich als christliche Figur gegenteilig äußert als Frauen wie Hedwig von Beverfoerde, Birgit Kelle oder Beatrix von Storch aus dem Netzwerk um die „Demo für alle“.

Wie groß ist der gesellschaftliche Verlust, wenn es die Lindenstraße nicht mehr gibt?
Viele sehen das als Verlust. Die ARD hat sich von einer ihrer profiliertesten Marken verabschiedet. Die „Lindenstraße“ zeigt den Menschen, dass sie auch gegen gesellschaftliche Normen leben können. Das soll nun wegfallen? Gerade jetzt, wo ein Faschist wie Björn Höcke im öffentlich-rechtlichen Fernsehen versucht, sich als Demokrat zu verkaufen, setzt sich die „Lindenstraße“ fiktional damit auseinander: mit dem NAP-Politiker Thomas, der ganz klar eine AfD-Figur repräsentiert, oder mit der ambivalenten Figur des AfD-Wählers Roland Landmann. Zudem hat die Serie immer Geschlechterklischees um die hübsche, erfolgreiche Frau neben dem hübschen, und noch erfolgreicheren Mann vermieden. Bei uns ist man nicht hübsch und bei uns kann ein Mann dann auch nach einiger Zeit eine Frau sein, wie Tanjas Freundin Sunny, deren Transition thematisiert wird. Das wird fehlen: die Auseinandersetzung über Generationen hinweg mit politischen Themen auf zugängliche und doch unbequeme Art.

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