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Wie können ethnologische Sammlungen die Unterscheidung zwischen „Eigen“ und „Fremd“ überwinden?
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Wie können ethnologische Sammlungen die Unterscheidung zwischen „Eigen“ und „Fremd“ überwinden?

Beutekunst

Linden-Museum Stuttgart: Koloniales Erbe der Sammlung wird zur ethischen Herausforderung

Das Linden-Museum in Stuttgart will sich mit dem kolonialen Erbe seiner ethnologischen Sammlung auseinandersetzen. Dafür müssen alte Denkmuster durch faire Kooperationen ersetzt werden.

Stuttgart - Die ethnologischen Museen stehen in Deutschland im Zentrum einer kontroversen öffentlichen und medialen Debatte, die auch stark von zivilgesellschaftlichem Druck getragen wird und sich insbesondere an der Konzeption des Humboldt-Forums in Berlin entzündet. Den Museen wird – zum Teil zu Recht – vorgeworfen, viele Objekte ihrer Sammlungen seien erbeutet und unter ethisch verwerflichen Bedingungen während der Zeit des Kolonialismus in die Häuser gelangt. Man unterstellt ihnen zudem, koloniale Denkmuster bis heute zu reproduzieren und zu legitimieren, vor allem durch die Betonung der kulturellen Differenzen. Daran knüpfen sich in der Debatte ethische Fragen nach den Besitzverhältnissen von Objekten und nach Restitution.

Wie auch andere ethnologische Museen, stellt sich das Linden-Museum Stuttgart dieser Debatte aktiv. Es sucht mit seiner Sammlung von rund 160.000 Kunst- und Alltagsgegenständen aus Asien, Amerika, Afrika und Ozeanien seit vielen Jahren in einem reflexiven Umwandlungsprozess nach einem verantwortungsvollen Umgang mit den Sammlungen und deren Geschichte, nach neuen Formen von Präsentations- und Sammlungspraxis sowie nach dialogischen und multiperspektivischen Formaten in Wissenschaft und Ausstellungen.

FR-Serie „Der Utopische Raum“ zum Kolonialerbe in Museen: Wie kann es in Zukunft weitergehen?

Eine ethisch respektvolle und zeitgemäße Museumspraxis, die eine neue Aushandlung von Deutungshoheiten und das Erzählen vieler Geschichten jenseits der eurozentrischen Sichtweise erlaubt, kann nur mit Hilfe partizipativer Formate und in Zusammenarbeit und Partnerschaft mit Vertreter:innen aus den Herkunftsgesellschaften und der diversen Stadtgesellschaft erfolgen. In einer Reihe von Ausstellungen und Projekten experimentieren wir daher mit verschiedenen Teilhabe-Formaten. Diese umfassen ko-kuratierte Ausstellungen, gemeinsame Formen des Sammelns (co-collecting), gemeinsame Workshops, Interventionen von Künstler:innen in Ausstellungen und Projekten, Residency-Programme, gemeinsame Forschungen oder Projekte mit gesellschaftlicher Teilhabe.

Inés de Castro ist Ethnologin. Seit 2010 leitet sie das Linden-Museum – Staatliches Museum für Völkerkunde in Stuttgart. Unter der Leitung der Deutsch-Argentinierin hat das Museum mit zahlreichen Ausstellungen, unter anderem zu altamerikanischen Kulturen, für Aufsehen gesorgt. De Castro gilt als Expertin für Provenienzforschung und nimmt aktiv an den Debatten über Raubkunst und neue Strategien für Weltkulturen-Museen teil. FR

Eines dieser Projekte ist das „LindenLAB: Partizipation, Provenienz, Präsentation“, welches von der Kulturstiftung des Bundes im Rahmen der Initiative für Ethnologische Museen von 2019-2022 gefördert wird. Acht Präsentationen veranschaulichen unterschiedliche Formate der Teilhabe und setzen sich mit Teilen der Sammlungen, mit Aspekten der gemeinsamen Provenienzforschung, mit diskriminierender Sprache oder mit der Macht der Bilder auseinander.

Ein gutes Beispiel für die mehrstimmige Umsetzung im Bereich einer größeren Sonderausstellung zeigt die Ausstellung „Wo ist Afrika?“. Sie vereint „subjektive“ Sichtweisen und Beiträge verschiedener Vertreter:innen aus den Herkunftsgesellschaften sowie aus der Stuttgarter Diaspora, die durch die Mitglieder des Beirates „Advisory Board for the Representation of African Collections“ (ABRAC) bereits im Rahmen der Konzeption in Texten, Objektauswahl sowie Präsentation eingeflossen sind.

Auch wenn Provenienzforschung schon immer Teil der kuratorischen Arbeit am Museum war, arbeiten wir seit 2016 an einer systematischen Aufarbeitung der Provenienzkontexte zu den Sammlungen, die je nach Ländern und Regionen sehr unterschiedlich sind und komplexen Begegnungsprozessen entstammen. Wir konzentrieren uns dabei nicht nur auf die faktische Zeit des deutschen Kolonialismus, sondern – gemäß dem Leitfaden des deutschen Museumsbundes – auf die Zeit zwischen dem 15. Jahrhundert und heute in weltweiten Zusammenhängen. Den Fokus nur auf den afrikanischen Kontinent zu setzen, wie es oft in der medialen Diskussion den Anschein hat, erscheint uns wenig zielführend.

Die Ergebnisse der Provenienzforschung und die Erkenntnisse zur historischen Rolle des Museums werden transparent mit den Angehörigen und Interessensvertreter:innen der Herkunftsgesellschaften und mit unseren Besucher:innen geteilt. Im Linden-Museum geschieht dies sowohl in den Ausstellungen als auch mit Hilfe der „Sammlung digital“. Für diese digitale Objektpräsentation haben wir uns gegen die sonst übliche und schnellere Übertragung der internen Datenbanken und Inventarbücher in ein neues digitales Format entschieden. Um diskriminierende und rassistische Begriffe und Zuschreibungen nicht wiederzugeben und um das Bewusstsein für einen neuen ethischen Umgang mit den Objekten zu vermitteln, werden die Texte in Zusammenarbeit mit den Herkunftsgesellschaften neu aufbereitet und die dazugehörende Provenienzforschung transparent präsentiert.

Der Utopische Raum

„Das Museum neu denken!“ ist der Titel einer Veranstaltung in der Reihe „Der utopische Raum“, bei der Inés de Castro über ihre Arbeit berichtet und diskutiert. Es geht um eine Neuorientierung der Weltkulturen-Museen, deren Ziel es vor allem ist, „Mehrstimmigkeit in die Häuser zu bringen“, um die Vielfalt zeitgenössischer Perspektiven auf den Kolonialismus zu repräsentieren.

Der Vortrag beginnt am Donnerstag, 18. November, um 19 Uhr im Osthafenforum im Haus von Medico international, Lindleystraße 15. Wer persönlich teilnehmen will, wird gebeten, wegen der Corona-Maßnahmen frühzeitig zu erscheinen, Einlass ist ab 18.15 Uhr. Es gelten die aktuellen Corona-Hygieneregeln. Die Veranstaltung wird auch gestreamt auf dem Youtube-Kanal von Medico international. Näheres zur Teilnahme finden Sie hier.

Die Reihe „Der utopische Raum“ ist eine Kooperation von Medico international, dem Institut für Sozialforschung und der Frankfurter Rundschau. FR

Linden-Museum Stuttgart: Mithilfe der Provenienzforschung das „Schwierige Erbe“ überwinden

Bis Mai 2022 ist zudem die Sonderausstellung „Schwieriges Erbe. Linden-Museum, Württemberg und der Kolonialismus“ zu sehen, in der die Ergebnisse einer eigens vom Museum initiierten historischen Forschung zur Geschichte Württembergs während der Kolonialzeit als Werkstatt-Ausstellung gezeigt werden. Die Schau befasst sich mit der Rolle des Linden-Museums im Kolonialismus und erforscht die wenig bekannte Alltagswelt in Württemberg zu dieser Zeit. Der Fokus liegt dabei nicht auf den Auswirkungen des Kolonialismus in den deutschen Kolonien, sondern darauf, wie er sich in Württemberg darstellte und bis heute fortwirkt. Ziel der Ausstellung und des umfangreichen Begleitprogrammes ist es, diesen Diskurs in die Öffentlichkeit zu bringen.

Im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte zum Umgang mit dem kolonialzeitlichen Kulturgut steht auch die Forderung nach Restitution. Wir befürworten Restitution als Bestandteil einer verantwortungsvollen, partnerschaftlichen Zusammenarbeit. Mit der Rückgabe der Bibel und der Peitsche des bekannten Nama-Anführers Hendrik Witbooi durch das Land Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart an die Republik Namibia im Jahr 2019 erfolgte eine der ersten Restitutionen von Kulturgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland. Das Linden-Museum hat sich im Vorfeld der Rückgabe für einen langfristigen Dialogprozess mit Namibia eingesetzt und in Zusammenarbeit mit zahlreichen namibischen Partnern das Projekt „With Namibia: Enganging the Past, Sharing the Future“ konzipiert. Dieses Projekt ist nun Teil der „Namibia Initiative“ Baden-Württembergs, die deutsch-namibische Zusammenarbeit auf zahlreichen Ebenen interdisziplinär ermöglicht und in einem größeren Kontext begreift.

Restitution ist eine wichtige Möglichkeit, sich der historischen Verantwortung zu stellen. Sofern sie dabei nicht auf eine Entledigung von „schwierigem Erbe“ reduziert wird, sondern als Basis für eine neue transkulturelle Museumspraxis gesehen wird, liegt darin auch eine große Chance für die Museen. Ich würde mir jedoch bei der aktuellen Debatte wünschen, dass eine gesamtgesellschaftliche Betrachtung der deutschen Kolonialzeit und deren gesellschaftliche, politische sowie wirtschaftliche Folgen bis heute stärker mitberücksichtigt würden. Zuweilen entsteht der Eindruck, ethnologische Museen seien allein für den Prozess der Geschichtsaufarbeitung sowie für die „Heilung“ kolonialer Wunden verantwortlich. Auch wenn diese Museen einen wichtigen Beitrag dazu leisten können, diesen wichtigen Diskurs in die Öffentlichkeit zu bringen, werden sie sicher diese Aufgabe nicht allein bewältigen können, auch nicht mit Hilfe von Restitution.

Doch jenseits der Frage, wie man mit Sammlungen, die unter umstrittenen oder ethisch verwerflichen Umständen in die Museen gelangten, umgehen sollte, ist noch eine weitere wichtige Thematik mit dem „schwierigen Erbe“ verbunden. Sieht man die Museen nicht nur als Wissensspeicher, sondern auch als Institutionen der Identitätsbildung, werden die ethnologischen Museen mittels ihrer „außereuropäischen Sammlungen“ und der historischen Sichtweise eines Fremd-Eigen-Gegensatzes stark belastet. Denn zur Zeit ihrer Gründung haben sie dazu beigetragen, eine eurozentrische kulturelle Hierarchisierung zu legitimieren.

Es steht außer Frage, dass ein Museum der „außereuropäischen Kunst und Alltagskultur“ heute nicht mehr in dieser Form gegründet werden würde, da es unserer Migrationsgesellschaft nicht mehr entspricht. Aber wie kann ein ethnologisches Museum diese Last des „schwierigen Erbes“ überwinden? Wie kann das Museum Zuschreibungen und Stereotype des „Fremden“ durch neue Sichtweisen und Netzwerke ersetzen und zu einer neuen, gesamtgesellschaftlichen Betrachtung des globalen Südens beitragen?

Museumssammlungen stehen für Beziehungen zwischen unterschiedlichen Gesellschaften. Die Überwindung der historisch bedingten Teilung zwischen dem „Eigenen“ in Europa und dem „Fremden“ außerhalb Europas sowie eine verbesserte Darstellung transkultureller Zusammenhänge kann meines Erachtens nur durch die Einbeziehung ethnologischer Sammlungen aus Europa gelingen.

Ein „Schwieriges Erbe“ sollte kein Grund zum Stoppen sein, oder?

Zur Überwindung kolonialer Denkmuster müssen zudem unterschiedliche Gruppen der Gesellschaft als integraler Bestandteil der gesamten Museumspraxis verstanden werden, um eine multiperspektivische Herangehensweise in Wissenschaft, Präsentation und Vermittlung zu ermöglichen und die Stimmen der marginalisierten oder bislang kaum gehörten Gruppen zu stärken. Das ethnologische Museum könnte so zu einem Ort werden, an dem Bedeutungen und Interessen verschiedener Gruppierungen ausdiskutiert werden.

Die Zukunft ethnologischer Museen liegt in der Zusammenarbeit auf Augenhöhe

Wir befinden uns inmitten eines intensiven Veränderungsprozesses. Auf dem Weg zum „neuen“ ethnologischen Museum sind noch einige Herausforderungen zu meistern. Wenn wir multiperspektivische Formate und dynamische Beziehungsprozesse in den Mittelpunkt der Museumspraxis stellen, müssen auch die Rahmenbedingungen entsprechend angepasst werden. Hier sind unter anderem zusätzliche finanzielle Mittel und Personal, die Anerkennung des zusätzlichen zeitlichen Aufwands für partizipative Formate, die Einführung einer gerechten Entlohnung für Partizipation oder veränderte haushaltsrechtliche Grundlagen für Aufenthalte von Vertreter:innen der Herkunftsgesellschaften zu berücksichtigen.

Essentiell erscheint mir auch die Etablierung von Förderprogrammen, bei denen Vertreter:innen der Herkunftsgesellschaften selbst Anträge stellen können, um Projekte mit Partnern in Deutschland durchzuführen, bei denen sie die Inhalte selbst bestimmen. Wenn Projektmittel nur von den deutschen Museen ausgehen, ist ein gleichberechtigtes Miteinander nur schwer möglich.

Ethnologische Museen – und auch das Linden-Museum Stuttgart – stehen gerade an einem wichtigen Scheidepunkt. Sie stehen – wie noch nie in ihrer Geschichte – im Fokus des medialen und des politischen Interesses und haben nun die einmalige Chance einen wichtigen gesellschaftspolitischen Beitrag zu leisten. Wir sollten diese Chance ergreifen!

Ein Gastbeitrag von Inés de Castro

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