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Die „LOL-Liga“ organisierte sich im Wesentlichen in einer Facebook-Gruppe.

„Ligue du LOL“

Journalisten verlieren Jobs wegen Online-Mobbing

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In der „LOL-Liga“ haben sich Medienschaffende organisiert, um feministische Autorinnen zu diffamieren.

Eineinhalb Jahre, nachdem die #Metoo-Bewegung auch in Frankreich ein Schlaglicht auf den Sexismus in der Filmbranche geworfen hat, wird aktuell die Pariser Medienbranche von einem Skandal erschüttert. Eine Gruppe von 30 bis 35 Journalisten und Werbern hat sich offenbar über Jahre hinweg organisiert, um gezielt weibliche Kolleginnen in den sozialen Netzwerken lächerlich zu machen und zu diffamieren, zum Teil auch rassistisch.

Seit das zur Zeitung „Libération“ gehörende Rechercheportal „Checknews“ vergangene Woche über das Männer-Netzwerk berichtet hatte, das sich selbst „LOL-Liga“ nannte (LOL steht für „Laughing Out Loud“, zu deutsch: „Laut auflachen“), meldeten sich Dutzende von Journalistinnen, Bloggerinnen und Aktivistinnen, die zu Opfern geworden waren. Die meisten verbindet, dass sie öffentlich feministische Positionen vertreten oder zur Queer-Community gehören.

Die „LOL-Liga“ organisierte sich im Wesentlichen in einer Facebook-Gruppe, die vor rund zehn Jahren der Journalist Vincent Glad gegründet hatte. Glad arbeitete zuletzt selbst für die „Libération“, die den Skandal nun öffentlich machte. Die Zeitung hat das Arbeitsverhältnis mit ihm beendet, genauso wie mit Alexandre Hervaud, dem Chefredakteur des Online-Auftritts der Zeitung, der ebenfalls in der Gruppe aktiv war. Wie „Le Monde“ berichtete, wurde im Zusammenhang mit der Affäre um die „LOL-Liga“ zudem der Online-Chefredakteur des Pariser Kulturmagazins „Les Inrockuptiles“, David Doucet, entlassen. Die Podcast-Seite „Nouvelles Ecoutes“ hat die Zusammenarbeit mit Guilhem Malissen aufgekündigt. Andere Mitglieder der „LOL-Liga“ waren der heutige Chefredakteur des linksliberalen Onlinemagazins Slate.fr und ein Journalist, der für das Fernsehmagazin „Télérama“ arbeitet.

Politikum unter Pariser Journalisten

Auch wenn die krassesten Fälle von Mobbing durch die Gruppe schon einige Jahre zurückliegen und viele der Drangsalierer sich seit ihrem Aufstieg in angesehene Positionen zurückhielten, wird das Ganze unter Pariser Journalisten als Politikum gesehen. Denn viele der betroffenen Autorinnen hätten sich infolge der Anfeindungen von der öffentlichen Bühne zurückgezogen, ihre Gesellschaftskritik leiser oder gar nicht mehr geäußert. Die Wirtschaftsjournalistin Léa Lejeune schrieb in einem Beitrag auf Slate.fr, sie habe irgendwann aufgehört, über feministische Themen zu schreiben und sich nur noch auf unverfänglichere Wirtschaftsthemen konzentriert. Die Bloggerin Daria Marx sagte, sie habe sich ein Pseudonym zugelegt, um sich wenigstens etwas vor dem Beschuss der „Scharfschützen“ zu schützen. Mehrere Betroffene berichteten von psychischen Folgen der Online-Demütigungen. Zudem hätten sie bestimmte Medien nicht mehr als Arbeitgeber in Betracht gezogen, weil sie wussten, dass ihre Peiniger dort über Einfluss verfügten.

Auch wenn einige der Männer anonyme Profile verwendeten, so trollten die meisten von ihnen doch ganz offen unter ihren Klarnamen. In einigen Fällen kannten sich die Männer und die Frauen, die sie online diffamierten, sogar persönlich. Dass es trotzdem so lange dauerte, bis viele Betroffenen sich öffentlich äußerten, und bis Treiben der „LOL-Liga“ aufgedeckt wurde, erklären Beobachter in französischen Medien damit, dass es lange Zeit kaum ein Bewusstsein für Cyber-Mobbing, aber auch für die Machtverhältnisse innerhalb der Medienbranche gegeben habe. Im Gegenteil: Viele der Männer hätten von ihrem Ruf als „coole“, scharfzüngige, sogar „geniale“ Social Media-Persönlichkeiten profitiert, glaubt die Journalistin Mélanie Wanga, die sowohl sexistische als auch rassistische Angriffe durch die „LOL-Liga“ erlebte. Sie geht davon aus, dass die Gruppe vielen ihrer Mitglieder den Zugang zu bestimmten Pariser Medien erleichtert habe. Aude Lorriaux, freie Journalistin und Sprecherin einer Initiative zur Gleichstellung in der Medienbranche sagte der „New York Times“: „Sie haben ihre Karrieren auf diesem Männerclub aufgebaut, in dem sie sich gegenseitig den Rücken gestärkt haben – auf Kosten anderer .“

Mehrere der Männer, die des Online-Mobbings beschuldigt werden, haben sich auf Twitter zu den Vorwürfen geäußert. Vincent Glad, der Gründer der Gruppe, schrieb, er habe „ein Monster“ erschaffen. Er und die meisten anderen seien bei der Gründung der „LOL-Liga“ sehr jung gewesen. Zwar schreibt er, in den sozialen Netzwerken habe damals im Allgemeinen ein rauer Ton geherrscht, sie hätten sich „über alle“ lustig gemacht, Männer wie Frauen. Allerdings gibt er zu, genervt gewesen zu sein, weil „der Feminismus in die öffentliche Debatte zurückgekehrt“ sei. Er habe zu dieser Zeit fälschlicherweise geglaubt, die Gleichstellung in allen Bereichen sei längst erreicht. Heute habe er seine Einstellung grundlegend geändert.

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