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Barack Obama vor dem Repertoire an Füllfederhaltern im Oval Office des Weißen Hauses.

USA

„Es ist den Leuten von Trump egal, ob er lügt“

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Ein Gespräch mit dem Berater Barack Obamas, Benjamin J. Rhodes, über internationale Diplomatie, Tränen in der Politik und die Ignoranz Donald Trumps.

Mr. Rhodes, hatte Kanzlerin Angela Merkel wirklich eine Träne im Auge, als sie Obama verabschiedete?
Obama hat das gesagt. Das war bei unserem letzten Deutschlandbesuch im Jahr 2016. Er sagte, er habe nie gedacht, dass er das bei Angela Merkel jemals sehen werde. „Sie ist jetzt ganz allein“, sagte er. Er glaubte, dass sie nun die auf sich selbst gestellte freie Welt anführen müsse.

Was bedeutet eine Träne unter Politikern?
Obama und Merkel haben über die Jahre eine wirklich sehr enge Beziehung zueinander entwickelt. Am Ende seiner Amtszeit war sie sein engster Partner. Merkel ist für Obama ein Freund, ich kann hier natürlich nur für ihn sprechen. Die Familien mochten sich, Merkel und ihr Ehemann Joachim Sauer, Barack und Michelle Obama.

Der Anfang war zwischen ihnen schwierig.
O ja, als Obama 2008 nach Berlin kam und eine Rede halten wollte, lehnte Merkel einen Auftritt vor dem Brandenburger Tor ab. Sie sagte, das sei nur Präsidenten vorbehalten. Darüber war er verärgert. Sieben Jahre später hat sie sich dafür bei ihm entschuldigt. Er entgegnete ihr, er hätte genauso wie sie entschieden.

Wann sind sie enger zusammengerückt?
Das fing 2011/2012 mit ihrer Zusammenarbeit während der Euro-Krise an. Wir hatten große Sorgen, dass die Euro-Krise den US-Aufschwung abwürgen würde. Seit dieser Zeit entwickelte sich ihre Beziehung. Obama ist zwar charismatisch, aber auch sehr analytisch in seiner Art, Probleme zu lösen. Genauso war Merkel auch. Sie war am Anfang etwas distanziert. Obama fand aber dann, dass sie ganz anders war, als er angenommen hatte. Sie hatte einen trockenen Humor, den er sehr schätzte. Auch Merkel hat gemerkt, dass sie und Obama so verschieden gar nicht waren. Für beide gab es viel Arbeit auf gemeinsamen Problemfeldern: Afghanistan, Eurozone, Ukraine-Verhandlungen, Iran, Flüchtlingskrise, es war eine ganze Reihe.

Wie hat Obama 2008 die Deutschen erlebt? Er hatte ja einen grandiosen Auftritt in Berlin vor der Siegessäule.
Obama mag die Deutschen. Er hatte aber schon Erfahrungen mit Deutschland, denn seine Schwester lebte bereits hier. Er kannte das Land also recht gut. Vor seiner Rede an der Siegessäule hatte er viel zu tun – er war im Irak, in Afghanistan, Israel, Jordanien, daher konnte er der Rede zunächst nicht viel Aufmerksamkeit schenken. Schon als wir landeten, sahen wir, dass sehr viele Menschen da waren. Er hatte mich vorher noch allen Ernstes gefragt: „Und was, wenn keiner kommt?“

Es waren dann sogar 200 000 Menschen. Die Rede hatten Sie geschrieben?
Kurz vor seiner Berlin-Rede habe ich ihm sagen müssen, dass wir einen Begriff wohl aus dem Manuskript herausnehmen müssten. Ich hatte geschrieben: „Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft“, am Ende des Skripts. Das war das einzige, was Barack Obama auf Anhieb gefiel. Ich sagte ihm, dass wir diesen Terminus wohl rausnehmen müssten, weil Hitler ihn in seiner ersten Reichstagsrede gebraucht hatte.

Und wie reagierte Ihr Chef da?
Obama hob eine Hand, um zu signalisieren, dass er etwas Wichtiges zu sagen hat: „Wir haben unseren Angestellten des Monats!“, sagte er. „Hitler? Wirklich?“, fragte er. „Obama knüpft in Berliner Rede an Hitler an“, antizipierte er die Schlagzeilen. Statt wütend zu werden, wurde er nur noch gelassener. Obama hat eine Gelassenheit, die ich nicht habe.

Andere wären vielleicht ausgerastet. Wie war er als Ihr Chef?
Obama hat einen ausgeprägten Sinn für Humor. Er lacht eher, als dass er böse wird. Das macht es viel einfacher, mit jemanden zu arbeiten, als jemanden zu haben, der einen Hang zur Frustration hat. Er ist sehr geerdet und äußerst diszipliniert. Er lobt seine Mitarbeiter zwar nicht so schnell, verliert aber selten sein Temperament. Einmal rief er mich zu sich ins Oval Office. Das war im Zuge des Bengasi-Skandals, wo ich ziemlich in der Öffentlichkeit stand. Obama fragte: „Hast du irgendetwas falsch gemacht?“ Ich verneinte. „Worüber machst du dir dann Sorgen?“, wollte er wissen. Er illustrierte mir damit, dass er die Geräusche drumherum nie so wichtig nahm. Wichtig war nur, was er dachte, nicht das Umfeld. Er hat die Leute, die für ihn gearbeitet haben, unterstützt. Seine Devise war: Du kontrollierst nur das, was du kontrollieren kannst, über die anderen Dinge sollte man sich keine Sorgen machen.

Benjamin J. Rhodes, Jg. 1977, war Stellvertretender Berater für nationale Sicherheit und strategische Kommunikation von US-Präsident Barack Obama. Von 2007 an schrieb er für ihn Reden zur internationalen Politik.

Wie war das gewöhnliche Leben im Weißen Haus? Sie hatten ein scheußliches Büro, schreiben Sie in Ihrem Buch.
O ja. Es gab keine Fenster, an der Decke waren Kabel zu sehen und ich hörte, wie die Ratten durch die Wände krochen. Alles war viel kleiner, als ich gedacht hatte. Das gilt übrigens auch für die Air Force One, sie hat wirklich den Charme der 80er Jahre. Darin stand ein alter Computer, der so groß war wie ich.

War Michelle Obama oft bei Barack Obama?
Ja, aber sie hat sich nie in die Politik eingemischt. Sie hatte zwei junge Kinder, auf die sie sich konzentrierte. Das Weiße Haus war für sie eher eine Art Falle. Sie konnten nicht rausgehen, einen Spaziergang machen oder als Familie essen gehen. Das ging alles nicht. Die Presse wartet draußen und es gibt unheimlich viele Sicherheitskräfte. Man kann sich nicht frei bewegen. Es ist schon eine sehr eingeengte Existenz.

Wird Michelle Obama irgendwann Präsidentin?
Nein, sie ist nicht daran interessiert, auch wenn sie eine beliebte öffentliche Person in Amerika ist. Ich erinnere mich noch an eine Szene am Ende von Obamas Präsidentschaft. Ich war schon in der Air Force One, als Michelle Obama das Flugzeug bestieg, sie kam in die Kabine, fiel in die Couch und fing an zu weinen. Sie weinte nicht deshalb, weil sie darüber trauerte, dass die Präsidentschaft ihres Mannes nicht weiter ging; sie weinte, weil es für sie endlich zu Ende war. Alles fiel in dem Moment von ihr ab.

Und nun sitzt ein gewisser Donald Trump im Weißen Haus.
Es ist erstaunlich und es ist frustrierend für mich, das zu sehen. Wenn man in den West Wing des Weißen Hauses geht, ist es unglaublich klein, du gehst rein und es gibt gerade einmal 30 Büros. Die Leute da haben eine riesige Verantwortung für die ganze Welt. Es ist sehr befremdlich, jetzt diese Menschen in denselben Büros zu sehen, in denen wir damals saßen. Ihnen ist es jedoch egal ist, ob Trump lügt oder sich abfällig über Menschen äußert oder alles niederreißt, was vor ihm aufgebaut wurde. Diese Menschen nehmen die Verantwortung, die sie tragen sollten, nicht ernst. Von einem US-Präsident wird in der Welt erwartet, dass er auf alles eine Antwort hat: auf die Ebola-Epidemie in Afrika, den Krieg in Syrien, den Konflikt mit China im südchinesischen Meer oder ein Erdbeben in Japan. Niemand erwartet das ernsthaft von Trump. Es hat sich einiges verschoben.

Hat Obama die Menschen im Bible Belt, also Trumps jetzige Wähler, in seiner Präsidentschaft vergessen?
Er hat sie nicht vergessen. Er hat die Wahl ja gewonnen und wurde 2012 wiedergewählt. Hillary Clinton, die gegen Trump antrat, war nicht eine so gute Politikerin wie Obama. 2016 machten Obama und sie in ein Barbecue-Restaurant in North Carolina, einem der Staaten im Bible Belt, Wahlkampf. Fünf Minuten nachdem sie reingekommen waren, ging sie raus. Obama konnte es nicht glauben. Er sagte: „Ich weiß, dass diese Leute Fox News sehen, aber ich schüttele trotzdem ihre Hände. Ich weiß, dass sie mich nicht wählen, aber meine einzige Waffe und mein Schutz als Präsident ist, dass ich an Orte wie diesen gehe.“ Hillary ist nicht gut darin, einen Wahlkampf zu führen. Trump hatte weniger Stimmen als Romney, als Obama gegen diesen die Wahl gewann. Hillary verlor die Wahl dennoch gegen Trump. Wissen Sie, manchmal basiert Politik darauf, wer der Kandidat ist.

Von Obama erwartete man zu Beginn seiner Präsidentschaft Wunder, aber besonders am Anfang war er ein absoluter Pragmatiker. Warum?
Die Finanzkrise veränderte den Zuschnitt seiner Präsidentschaft völlig. Im September 2008 gab es den Kollaps von Lehman Brothers. Ich erinnere mich noch, wie ich raus ging, um eine Zigarette zu rauchen, bei der Gelegenheit sagten mir Wirtschaftsexperten, die Wahrscheinlichkeit betrage 50 Prozent, dass die Weltwirtschaft in sich zusammenbricht – das muss man sich mal vorstellen! Die Herausforderungen mit der Wirtschaftskrise haben Obama sehr in Anspruch genommen. Trotzdem hat er in dieser Zeit die Gesundheitsreform in Angriff genommen, immense Investitionen in grüne Energie getätigt. Es ist eine interessante Frage, wie seine Präsidentschaft ohne dieses Ereignis verlaufen wäre.

Warum hat Obama eigentlich nie militärisch intervenieren lassen, als es in Syrien Giftgas-Angriffe und Massenmorde gab?
Es gab eine Unterhaltung zwischen uns im Jahr 2013, bei der ich ihn zu überzeugen versuchte, in Syrien militärisch zu intervenieren. Es gab ein Treffen im Weißen Haus, wo die schrecklichen Geschehnisse in Syrien dargestellt wurden. Er sagte mir: „Wenn wir dort kämpfen, wird es wie im Irak, genauso schlimm.“ Die militärische Antwort wäre seiner Meinung nach nicht adäquat zu den erreichbaren Ziel.

Er sprach von einer roten Linie, die Assad nicht übertreten solle, der tat es dennoch.
Das war fast zur selben Zeit. „Ich verstehe“, sagte er mir. Und: „Ich wünschte, wir könnten mehr tun. Aber wenn wir etwas tun, muss es auch funktionieren.“ Das ist sein grundsätzliches Urteil. Er glaubte, dass sich nichts ändern wird, wenn wir eine Cruise Missile reinschießen. Das einzige, um Assad vom Töten abzuhalten, wäre ihn und sein Regime zu töten. Aber damit bringt man viel ins Rutschen: Denn mit dem Tod eines Diktators fängt der Krieg erst richtig an, wie wir es im Irak und Libyen gesehen haben.

Obama sagte ja einmal, er sei vielleicht 20 Jahre zu früh Präsident geworden. Nun ist das Pendel in die andere Richtung geschwenkt.
Es kann aber auch wieder in die andere Richtung gehen! Obama suchte für Amerika eine neue Rolle, er wollte unsere Politik an die Welt anpassen, in der wir leben. Dafür hat er internationale Vereinbarungen getroffen. Obama hatte einen weitreichenden Blick auf die Geschichte. Es wäre naiv zu glauben, dass die USA immer die einzige große Macht bleiben könnten. Die USA werden eine große Macht bleiben, aber nur, wenn Trump nicht wiedergewählt wird.

Interview: Michael Hesse

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