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Memento mori und Gleichnis auf die pure Malerei: Gerhard Richters „Kerze“ von 1982.

Burda-Museum

Sie leuchten wieder

Kerzen als Motiv: Eine Ausstellung des Burda-Museums in Baden-Baden zeigt glanzvolle, aber auch banale Beispiele.

Von Peter Iden

Es ist jetzt wieder ihre Zeit: Advent, Weihnachten – Festtage, besondere und doch Jahr um Jahr auch flüchtige Anlässe, beglänzt durch das Licht von Kerzen. Die aus Wachs geformte Kerze gehört zu denjenigen dinghaften Objekten, die überhaupt erst zu sich selber kommen, indem sie ihrer Funktion entsprechen: Wenn eine Kerze dann aber angezündet leuchtet, transzendiert sie ihre pure Gegenständlichkeit. Und zwar bis zu deren vollständigem Verschwinden. Einmal heruntergebrannt, erloschen, bleibt von der Kerze: nichts. Auch ist der Vorgang nicht wiederholbar. Die elektrische Kerze ist nur Ideologie, Vortäuschung des Ephemeren als ein Bleibendes.

Die Selbstauflösung eines Objekts, die notwendig zugleich Erfüllung von dessen Sinn ist, hat die Kerze zur Metapher werden lassen dafür, wie es geht mit jedem Leben. Ob nun immerzu schwermütig oder alleweil munter, gut oder schlecht gelaunt – Horaz hat das (in seinen Versen zu Ehren des Maecenas) so gesehen – macht jeder sich einen Sinn für seine Zeit und tummeln sich alle, bis sie verlöschen. Das Museum Burda in Baden-Baden hat jetzt Bildwerke sehr und weniger prominenter Künstler in einer Ausstellung zusammengeführt, die von Kerzen erzeugte Wirkungen, Stimmungen, Assoziationen zum Thema hat.

Daraus ist, im Ganzen genommen, ein durchaus abwechslungsreicher, manchmal mit seinen Angeboten auch amüsanter Kerzenladen geworden. Unterhaltsam, aber nur selten berührend. Eine der Ausnahmen lieferte der Unternehmung den Anlass: Das Gemälde „Kerze“ (Öl auf Leinwand, 100 mal 100 Zentimeter), das ein Hauptwerk der Sammlung des Burda-Museums ist. Gerhard Richter hat es 1982 geschaffen und damit sogleich großes Aufsehen gemacht, sechs Jahre nach der Entstehung war das Potential zur Ikone erkannt, als in New York eine fotografische Reproduktion auf dem Cover des Albums „Daydream Nation“ der amerikanischen Rockband Sonic Youth erschien.

Die herausgehobene Bedeutung des Bildes von Richter in der jüngeren Geschichte der modernen Kunst besteht darin, dass Richter der metaphorischen Bedeutung der Kerze als Memento mori noch eine weitere Dimension hinzugedachte: Als Motiv einer Reihe von bildlichen Darstellungen wurde ihm die Kerze auch zu einem Gleichnis auf die pure Malerei. Wie nämlich die wirkliche Kerze im Augenblick des Anzündens nicht mehr ist, was sie eben noch war, vielmehr sich verwandelt in den offenen Ausdruck für etwas Immaterielles, so ist auch der gemalte Gegenstand im Bild nicht mehr, was er zuvor ursprünglich gewesen ist. Richter hat dazu notiert: „Bilder stellen immer etwas dar, was sie nicht sind“. Bei Alberto Giacometti (in „Gestern, Flugsand“) findet sich der gleiche Gedanke: „Aber das Gemälde kann nur darstellen, was es nicht ist, das heißt, etwas, das eine andere Sache vortäuscht.“

Die Kerze mit der leicht geneigten Flamme in dem gleichnamigen Bild Richters ragt, ohne dass eine Halterung oder ein Boden für den sicheren Stand sichtbar sind, in das linke Drittel der Leinwand. Der Bildgrund ist fast monochrom links in einem fahlen Braunton angelegt, der sich zum Zentrum hin nach rechts in ein mattes Grün verändert, den schmalen rechten Rand bildet eine durch winzige, helle Spuren kaum wirklich unterbrochene, nahezu schwarze Vertikale. Diese Farbgebung verhilft dem Hintergrund der brennenden Kerze zu einer gewissen Tiefe, es entsteht die Vorstellung einer Räumlichkeit.

Wobei der Hintergrund der Kerze sich offen hält für eine Vielfalt von assoziativen Deutungen, die von der Erfahrung einer versöhnenden Beruhigung durch das einfallende Licht bis zu dem, hier gleichsam an den schwarzen Rand vorläufig abgedrängten Verdacht reicht, zur Beruhigung sei letztlich kein Anlass. Es ist diese Spannweite möglicher Projektionen durch die das Abbild der Kerze zum Inbild werden kann für Stimmungen und für die Zeit, die in ihnen wirkt.

Es gibt, die Ausstellung beweist es, schlichtere Formen des Umgangs mit dem Motiv. Walter de Maria stellt in seiner Installation „Candle Piece“ (von 1965) eine brennende Kerze vor eine Stahlplatte, in der sie sich spiegelt, was durch den Gegensatz von hartem Stahl und weichem Licht immerhin etwas Effekt macht, wohingegen die nur langweilende Video-Arbeit „First Light“ auf Wunsch von Dunja Evers vom Zuschauer erwartet, er möge mehr als eine Stunde lang zusehen, bis eine Kerze niedergebrannt ist, und die in Paris lebende Oda Jaune ein Gemälde beisteuert, das als lustvolles Spiel mit dem Feuer vorführt, wie jemand den Mittelfinger seiner Hand so dicht an eine Flamme hält, dass der Finger schwarz verrußt. Der mit seinen Banalitäten derzeit allgegenwärtige Amerikaner Robert Gober versteht die Kerze grobschlächtig als Phallus, der sich aufrichtet aus Menschenhaar, eine Dürftigkeit, die in der Ausstellung nur überboten wird von der lächerlichen Groß-Skulptur einer kerzenähnlichen Stele, die sich hoch erhebt aus einer Halterung von Hirschgeweihen.

So bleibt vieles glanzlos und misslungen. Auch Jörg Immendorffs die Backen mächtig aufblasendes „Negerchen mit Kerze“ (1966), wie Eric Fischls „Dining Room“, ein Gemälde, in dem die Kerze nur Requisit eines Geschlechtsakts ist, der eine Vergewaltigung sein könnte. Zwar im Mittelpunkt und doch nur Versatzstück ist die Kerze in Jeff Koons’ knallbuntem Arrangement von Bikinis, Unterwäsche, Blumen und dem Ausschnitt einer Landschaft mit Meer und Küste. Von solchem Budenzauber heben sich deutlich ab das „Totentanz“-Gemälde von Markus Lüpertz (1997) und Christian Boltanskis Installation „Die Schatten“ (1986), in der kleine Scherenschnitte aus Blech, beleuchtet von Teelichtern, an der Wand die Schatten von Tod und Teufel erzeugen. Es ist ein Werk ähnlich demjenigen, das Boltanski auch in der Krypta des Doms in Salzburg realisiert hat. Kerzen und ihr Licht – Erinnerung an die Flüchtigkeit von allem und allen.

Museum Frieder Burda, Baden-Baden: bis 29. Januar, www.museum-frieder-burda.de

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