BLOGOSPHäRE

Letzte Spülung

Um Blogs hier zu Lande zum Erfolg zu verhelfen, bräuchte es mindestens fünf deutsche Päpste, schrieb der Münchner Redakteur Jochen Wegner vor einigen Monaten. Erst ein weltbewegendes Großereignis könne Bloggen zum Massentrend machen, mutmaßte er. Vielen Bloggern scheint jedoch schon ein Papst mehr als genug.

Von JANKO RÖTTGERS

Um Blogs hier zu Lande zum Erfolg zu verhelfen, bräuchte es mindestens fünf deutsche Päpste, schrieb der Münchner Focus-Redakteur Jochen Wegner vor einigen Monaten. Erst ein weltbewegendes Großereignis könne Bloggen zum Massentrend machen, mutmaßte er.

Vielen Bloggern scheint jedoch schon ein Papst mehr als genug. Als anlässlich des Weltjugendtags vorige Woche hunderttausende Katholiken nach Köln strömten, erklärten eine ganze Reihe prominenter Autoren ihr Blog in Anlehnung an eine Kölner Protestaktion zur religionsfreien Zone.

Auch der Schockwellenreiter nannte die Großveranstaltung ein "päpstliches Schmierentheater und Volksverdummungsevent" - und musste sich dafür prompt von einigen Lesern anhören, er sei in seiner Polemik schlimmer als Edmund Stoiber. Kritik an den Religionskritikern gibt es bei Pax et bonum: "Ob es auch eine Gegenveranstaltung 2006 à la ,Fußballfreie Zone' während der WM geben wird? Und wird man da auch Fußballfans verhöhnen?"

Für Zündstoff in der Blogger-Welt sorgten die Merchandising-Aktionen des Weltjugendtags. Dutzende Weblogs thematisierten kirchliche Klingeltöne, Papst-Poster in der Bravo und Schneekugeln im August. Public Void zählte die Vermarktungsobjekte auf: "Jacken, T-Shirts, Rucksäcke, Kerzen, Heiligenbildchen und geschnitzte Engelchen aus Holz. Die Metzgerei meines Vertrauens bietet noch keine Ratzi-Mettwurst an, das kann aber eigentlich nur noch eine Frage von Stunden sein."

Eine ungeahnte Nutznießerin meldete sich im Law Blog zu Wort. Eine Woche vor dem Weltjugendtag schrieb die als Prostituierte arbeitende Klientin des Law-Bloggers Udo Vetter, in der Branche herrsche eine Stimmung "wie bei den Taxifahrern am Tag vor Silvester". "Die Zimmer in den Etablissements sollen hoffnungslos überbucht sein. Fachkräfte werden bundesweit zusammengetrommelt. Man richtet sich auf verschärften Schichtdienst ein."

Frohnaturen unter Kutten

Jugendfrei-unverschärft ging es beim WDR zu, der für den Weltjugendtag ein eigenes Blog eingerichtet hatte. Drei Blogger berichteten - und entdeckten selbst unter heiligen Kutten rheinische Frohnaturen. "Ach, die Bischöfe: Die ließen sich von der jugendlichen Begeisterung derart anstecken, dass sie von der Domplatte herab die La Ola machten. Sachen gibt's ?"

Ganz pragmatisch reagierte ein Leser der Letzten Spülung auf die Berichte von der katholischen Spaßgesellschaft: "Wenn ich jewusst hätt, dat se dat janze Weltjugendtachjedöns für nen Karneval im August nutzen, wär ich auch hingefahren! Aber mir sagt ja wieder keiner was." Fragt sich, ob der Informationsfluss mit fünf Päpsten besser funktioniert hätte.

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