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Mit Spaß bei der Sache: Die Brüder Joel (links) and Ethan Coen.

Filmfestival Cannes

Der letzte Gerechte

Claude Lanzmann und die Brüder Ethan und Joel Coen werden beim 66. Filmfestival Cannes gefeiert. Sie erhalten Szenenapplaus für ihren „Inside Llewyn Davis“.

Von Anke Westphal

Die Kulturnation Frankreich weiß, was sie ihren großen Regisseuren schuldig ist. Am Pfingstwochenende ziert ein Foto von Claude Lanzmann die Titelseite der renommierten Tageszeitung Libération. „Dieser Film ist mein Testament“, lautet die Schlagzeile. Zur Premiere von „Le Dernier des injustes“ sind nicht nur die französische Kulturministerin Aurélie Filippetti anwesend und natürlich Thierry Frémaux, der künstlerische Chef des Filmfestivals von Cannes.

Auch Valérie Trierweiler, die Lebensgefährtin des Präsidenten François Hollande, ist angereist und folgt neben Regisseuren wie Raoul Peck oder Jacques Audiard nun der dokumentaríschen Erzählung über den letzten Judenältesten des Ghettos Theresienstadt. Judenälteste waren Vorsitzende jener Judenräte, die in den Ghettos die Anweisungen der deutschen Besatzer umzusetzen und den Alltag zu organisieren hatten. Und da die Judenräte an der Schnittstelle zwischen Tätern und Opfern operierten (gleichwohl sie zu den Opfern gehörten), war und ist ihre Rolle hochumstritten.

Die Philosophin Hannah Arendt warf ihnen sogar vor, dass nicht sechs Millionen Juden hätten sterben müssen, wenn die Judenräte nicht mit den Deutschen „kooperiert“ hätten. Vertreter der Judenräte hielten dagegen, dass sie versucht haben, mit ihrer Arbeit so viele Ghettojuden wie möglich vor der Deportation in die Todeslager zu bewahren. Benjamin Murmelstein war von Dezember 1944 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs der letzte Judenälteste von Theresienstadt - und der einzige, der überlebt hat. Das wurde ihm nach der Kapitulation vorgeworfen; die anderen Judenältesten wurden ja ermordet. Vom Verdacht, nicht allein eine „Marionette“ gewesen zu sein, sondern ein Kollaborateur, wurde Murmelstein nach 18 Monaten Haft entlastet.

Claude Lanzmann, 1926 in Paris geboren und der gefeierte Regisseur von „Shoah“, ist Benjamin Murmelstein, 1905 in Lemberg gebürtig, schon 1975 in Rom begegnet, wo der Überlebende wohnte. Fast dreißig Jahre hat das Material also darauf gewartet, doch ein Film zu werden, zur Öffentlichkeit zu sprechen. Murmelstein emigrierte nie nach Israel. Die Vorwürfe gegen ihn schließen Machtmissbrauch ein. Hier redet nun der einstige Judenälteste vor Lanzmann und dem Publikum über sein Leben, seine Arbeit im Ghetto und über den Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann, dem Murmelstein lange Report erstatten musste. Auch das war anderen Juden verdächtig. Aber Lanzmann urteilt nicht, er stellt Fragen.

Warum Murmelstein, der noch nach 1938 mehrfach die Gelegenheit dazu hatte, nicht im Ausland geblieben sei? Warum er diese Arbeit getan habe? („Auch aus Abenteuerlust.“) Ob er Macht gehabt habe? Warum er so ohne Gefühl spreche über die Toten, die Juden im Ghetto? Nun, ein Arzt müsse auch sachlich sein, entgegnet der Befragte, die Stimme recht schneidend. „Le Dernier des injustes“, zu Deutsch: Der Letzte der Ungerechten (eine Anspielung auf den Roman „Der Letzte der Gerechten“ von André Schwarz-Bart), nähert sich fast vier Stunden lang einer Wahrheit, die weder schwarz noch weiss zu haben ist. Zurück bleibt dennoch ein Gefühl größter Unbehaglichkeit. Die Testamentseröffnung des großen, greisen Claude Lanzmann erfolgte außer Konkurrenz, ein historischer Augenblick bei diesem 66. Filmfestival Cannes.

Und auch eine Art Stolperstein im Festivalbetrieb. Fast hatte man geglaubt, dass es vorbei sei mit der Majestät von Cannes. Erst lösten sich die Defilees auf dem roten Teppich im strömenden Regen auf. Dann wurde der Schmuckbeauftragte des Luxuslabels Chopard von Dieben um Juwelen im Wert von mehreren Millionen Euro erleichtert, was als filmreif durchgehen könnte – man denke an „Über den Dächern von Nizza“! -, aber wo wohnte der Unglückliche? Nicht etwa standesgemäß in einem der 5-Sterne-Hotels der Stars, an denen während der Großpremieren die Colliers und Ohrringen von Chopard funkeln, sondern Im Novotel Cannes! Novotel, wo auch Irmgard Meyer aus Augsburg nächtigt.

Und schließlich schaffte es ein Irrer sogar während einer offiziellen Runde, mit einer Schreckschusspistole zum Oscar-Preisträger Christoph Waltz vorzudringen. Wo sind wir hier eigentlich? Cannes ist alles zugleich: erhebend, banal, gültig und zutiefst albern. Die Skandälchen bekommt man nicht mit, wenn man tut, weswegen man nach Cannes gereist ist: im Kino sitzen, Filme sehen. Etwa die neue Regiearbeit der Brüder Ethan und Joel Coen. „Inside Llewyn Davis“ (im Wettbewerb) erzählt die Geschichte eines glücklosen Folksängers im New York des Jahres 1961. Llewyn Davis hat einen ergreifenden eigenen Stil, nur dass ihm dieser kaum mehr einbringt als das Trinkgeld im Gaslight Café des Village.

Und so muss der notorisch klamme Llewyn auf den Sofas von Kollegen nächtigen und auch mal das Arzthonorar für einen Schwangerschaftsabbruch aufbringen, denn er ist ein sinnenfreudiger Mensch. Was Llewyn auch anpackt, geht irgendwie schief – etwa der Kater, den er für Freunde hüten soll, haut natürlich ab. Und schon hier erweist sich die Kunst der Brüder Coen – darin, wie sie den Gang dieses Tiers durch den langen Flur einer Wohnung filmen bis in die Tiefe von Llewyns Dilemma hinein. Sein verzweifeltes Ringen um eine Karriere als Künstler ist mit so viel Genauigkeit, Anteilnahme und Humor inszeniert, dass es teils Szenenapplaus gab während der ersten Vorführung des Films am Samstagabend. Vor allem bei den Musiknummern, die einen Querschnitt bieten durch die populäre Musik jener Zeit.

Justin Timberlake hat einen Gastauftritt als Mainstream-Songwriter. Frauen mit seltsamen Brillen und staubig wirkenden Haaren zupfen die Zither. Und am Ende, das wissen wir, kam dann irgendwann Bob Dylan. Mit Llewyn Davis haben die Coens einen würdigen Nachfolger geschaffen zum legendären „Dude“ aus „The Big Lebowski“, aber auch zur Hiob-Gestalt aus „A Serious Man“. Mit einer wunderbaren Balance aus Komik und Melancholie, sogar Grauen und dem Aufgebot zahlreicher skurriler Figuren, etwa John Goodman als Voodoo-Priester, verankern die Coens den Folk dort, wo er wuzelt, in den amerikanischen Archetypen.

Mit dem neuen Film der Coens wurde ein Star geboren: Oscar Isaac, der Llewyn pielt, hat nun eine große Zukunft vor sich. Auch andere schmieden Pläne: Scarlett Johansson und Ryan Gosling geben demnächst ihre Regiedebüts, Johansson mit einer Adaption von Truman Capotes Roman „Summer Crossing“ und Gosling mit einem eigenen Fantasy-Stoff. Der preisgekrönte russische Regisseur Alexander Sokurow wird einen Film über den Pariser Louvre unter deutscher Besatzung drehen. Während dessen pendelt sich der Wettbewerb von Cannes im Bereich der gepflegten Mittellage ein. Etwa mit „Jimmy P.: Psychotherapy of a Plains Indian" von Arnaud Desplechin über den Schwarzfußindianer Jimmy Picard, der 1948 in Topeka, Kansas, psychoanalytisch behandelt wurde.

Oder mit dem Polizistendrama „Shield of Straw“ des japanischen Kultregisseurs Takashi Miike, der heftig ausgebuht wurde dafür, dass er die Todesstrafe des Rechtsstaats gegen Selbstjustiz ausspielt. Auch der Niederländer Alex van Warmerdam präsentierte seine Version von Selbstjustiz in „Borgman“: Hier suchen ein paar Underdogs, die buchstäblich von unten, nämlich aus dem Erdreich kommen, eine reiche Familie heim, bis diese zerstört ist. Mit diesen drei Filmen konnten die starken Akzente, die der Wettbewerb gleich zu Beginn setzte, nur unterboten werden. Cannes – war es das schon?

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