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Unter freiem Himmel ein Buch zu lesen, ist besonders schön.

Kultursommer

Lesetipps für den Sommer

Auch wenn das Wetter hervorragend ist: Schauen Sie nicht direkt in die Sonne, schauen Sie direkt in ein gutes Buch. Hier kommen entsprechende Empfehlungen aus der FR-Redaktion. Dazu wie immer ein paar Filme und Musik.

Laut „Musik war das nicht“, schreibt F.C. Delius am Anfang. Und doch wird bald alles Musik in der kleinen Erzählung. Für den jungen Autor, den es 1966 in New York zu einem Auftritt des großen Jazz-Saxofonisten Albert Ayler verschlagen hat, fügen sich die schrägen Töne Musikstück für Musikstück zu einer Symphonie seines bisherigen Lebens. Und in der spielerischen Gleichgültigkeit gegen jede musikalische Konvention zeichnet sich der anti-autoritäre Aufstand des Jahres 1968 mit seinen schönsten Seiten ab. Ein Büchlein, das sagt: Niemand kann politische Geschichte besser erzählen als ein begnadeter Literat.

Bunt Wer den Jazz noch in den Ohren hat und etwas für die Augen sucht, wird in dem Bildband „Imagine“ fündig. Auch hier geht es um „68“ und Umgebung, genauer: um die Jahre von 1960 bis 1969. Die meisten Fotos sind schwarz-weiß, aber so bunt hat man die Welt ohne Farbe selten gesehen. Die Bilder und die klugen, kurzen Texte schauen weit über Europa hinaus und zeigen, wie es das Vorwort verspricht, eine globale Epoche des Aufbruchs.

Tot Wenn ein Autor 29 Tote ihr Kleinstadt-Leben erzählen lässt; wenn es ihm gelingt, den Leser noch mit der banalsten Episode zu berühren, ohne aus der Jenseits-Nummer Kitsch werden zu lassen; wenn er die Biografien Stück für Stück zusammenwachsen lässt und einen Roman daraus macht – dann muss das ein großer Erzähler sein. Seethaler eben.

Schwarz Das Buch ist alt. In den USA erschien es schon 1984, auf Deutsch 2002. Die dunkle Geschichte aus dem kalifornischen Surfer-Milieu gilt als Klassiker des „Surf Noir“. Und jetzt? Sven Regener hat den Roman eingelesen. Surf and Crime meets Bremer Slang. Ein absoluter Hochgenuss! (Stephan Hebel)

Postkarten „Ich bin froh, dass ich nicht dem dicken Krug seine Ohren habe“, schreibt Jurek Becker 1978 aus New Orleans an Ottilie und Manfred Krug. Jede seiner Postkarten, die dieses phantastische Buch versammelt, macht es noch etwas schlimmer, dass Jurek Becker schon lang nicht mehr lebt. Aber jetzt haben wir wenigstens seine Postkarten. 

Postdemokratisch Was Juli Zeh sagt, lässt sich stets hören, und was Juli Zeh schreibt, lässt einen nicht los. Mag sein, dass die Welt untergeht, mag sein, dass wir alle verloren sind. Es ist nicht gerade ermutigend, was dieser Roman für die allernächste Zeit vorhersagt, aber es ist spannend zu lesen, und es könnte uns verdammt noch mal eine Warnung sein, wenn wir verstehen wollten.

Post ab Die beiden Herren müssten eigentlich in die Jahre gekommen sein. Aber wer sie auf dieser DVD wiedersieht, womöglich das erste Mal live seit Sprendlingen vor 15 Jahren – oder waren es etwa 17? –, der erkennt sie wieder. Dieselben Schnodderschnauzen, derselbe groteske Humor, dieselben zwei Typen, die live einfach eine Klapse für sich sind. 

Post-Folk Drei Leute gründen in Australien eine Band nach einer langen Partynacht – kann man machen. Sängerin Julia Jacklin wollte nach Jahren des Folks mal gucken, was passiert, wenn sie ausnahmsweise keine traurigen Lieder zur Gitarre singt, sondern Leute zum Tanzen bringt und dazu, sich gut zu fühlen. Was soll man sagen, es schnarrt, es rumpelt, es funktioniert. (Thomas Stillbauer)

Der Zornige In Europa herrscht Krieg, es wird geschossen und gestorben jeden Tag. In der Ukraine. Und Serhij Zadan erinnert uns daran. So, dass wir es nie vergessen werden. Er war die junge zornige Stimme der ukrainischen Literatur und es lohnt, auch frühe Texte zu lesen („Anarchy in the UKR“). Mit Internat“ erreicht der 44-jährige eine neue Stufe. 

Der Ex-Banker Das Buch für die tropisch heißen, endlosen Sommernächte, die jetzt kommen. Ein ehemaliger Investmentbanker beschreibt, wie diese Form des zynischen Geldverbrennens sich in unser aller Leben hineinfrisst. Und wie die Gesellschaft um das Goldene Kalb des Kapitals tanzt. Der Kern von Alexander Schimmelbuschs böser Satire ist ein Appell: Es braucht eine neue Revolte. 

Der Heimatlose Er muss endlich (wieder) gelesen werden. Der große Erzähler und Essayist Georges-Arthur Goldschmidt. In seinem Leben spiegelt sich das 20. Jahrhundert: Flucht als Kind vor den Nazis, lange innerlich und äußerlich heimatlos. Und doch ein Mann, der die Lebensfreude nicht verlor. Dieses Buch wirft einen ersten Blick auf Leben und Werk. 

Der Ausbrecher Lässt sich ausbrechen aus den Zwängen von Familie und Tradition? Das ist eine Frage, mit der sich der katalanische Schriftsteller Jaume Cabré schon seit Jahrzehnten immer wieder beschäftigt. Hier geht es um einen Mann, der seine Familie hinter sich gelassen hatte, um die Franco-Diktatur zu bekämpfen. Doch dann geht dieses System zuende, die Familie aber ist noch da. (Claus-Jürgen Göpfert)

Aus dem Stand vermag der Autor zu erklären, warum der Fußball dermaßen komplex ist. Ist er also ein Spiegel der Gesellschaft? Das ist eher eine Floskel, die Jürgen Kaube, von der ersten Seite an hellwach, intellektuell hartnäckig beharkt. Schön, dass der Fußball eine dermaßen hohe Kunst ist. Aufschlussreich, wie sehr er ein kapitales Geschäftsmodell ist. 

Außer Rand und Band So sieht der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen die Kommunikation im digitalen Zeitalter. Mit dem Buch ist nicht so ohne weiteres fertig zu werden, führt es doch die Facetten einer „Empörungsdemokratie“ ohne Umschweife vor. Eine bittere Bestandsaufnahme. Dennoch der Appell, die Gesellschaft möge zur Besinnung kommen. 

Kein Strand unter dem Pflaster. Hätten sich die 68er auf die Lektüre von Hannah Arendts Revolutionsanalyse eingelassen, sie hätten sich nicht dermaßen umstandslos ihren Umsturzgedanken hingegeben. Im Rückblick einer der weitsichtigsten Texte zur Revolte vor 50 Jahren. Ein Text, der auch heute eine Zukunft hat. Ein Text in Flugschriftformat.

Von Bestand auch der jüngste Enzensberger. Es sind Porträts des Essayisten und Verwandlungskünstlers über 99 Überlebenskünstler im 20. Jahrhundert. Kein Wunder ist die Neugier des 88-Jährigen, denn Verwandlung ermöglichte im Jahrhundert des Terrors zahllosen Intellektuellen das Überleben. Einige Vignetten mit einem Trauerrand.  (Christian Thomas)

Für Hartgesottene Wenn bei Dominique Manotti ein Finanzdirektor überraschend Urlaub macht, dann nicht freiwillig. Denn ihre Krimis, dieser ist inspiriert von der „Alstom-Affäre“, erzählen bitterböse Geschichten von Managern, Bankern, Geheimdiensten – und haben das Zeug, einen im Liegestuhl bibbern zu lassen. 

Für Waldläufer Wurzeltiefes, Wipfelhohes, Nahe- und Abgelegenes, Augenfälliges und Mysteriöses, Verarbeitetes, Zufallsgeformtes: Von allem erzählt Roger Deakin, wenn es nur um Holz geht. Nicht unbedingt muss man sich während der Lektüre sofort in den Wald begeben, direkt neben dem Liegestuhl liegt vielleicht ja ein Treibholz.

Für Ironiegenießer Sie ist perfektes Hausmädchen-Material (groß, blass, nicht zu hübsch) und soll lernen, wo ihr Platz ist. Doch sieht Cluny nicht ein, dass sie den Platz im Leben einnehmen soll, den ihr andere aussuchen. Ihre Geschichte ist ihrerseits perfektes, dazu Kichern provozierendes Liegestuhllektüre-Material. 

Für gerne mal Abtaucher Wehe, man fängt im Liegestuhl zu lesen an – schon ist man verloren in dieser Geschichte minutiöser Polizeiarbeit und grotesker Hierarchien, fremder Traditionen und 
bestürzender Seelennot. Ein (zugegeben dicker) Roman überwältigt mit einem  Porträt der japanischen Gesellschaft.  (Sylvia Staude)

Visionärer chillen Bereits im Jahr 1981 erschien dieser visionäre Schachzug des Krautrock-Veteranen und Elektronikpioniers, und sein entspannter Minimalismus wird immer moderner. Erst in der vergangene Woche verzauberte Manuel Göttsching damit die Hamburger Elbphilharmonie. Cooler chillen geht nicht. 

Zehn Mal hören, mindestens Als der große japanische Komponist und Musiker Ryuichi Sakamto nach einer schweren Krebserkrankung ins Leben zurückkehrte, entstand ein Album von kostbarster Feinheit. Die schönsten Klänge entlockte er dabei einem Piano, das den Tsunami überlebte. Auch beim zehnten Hören entdeckt man noch Neues. 

Unschuldiger erotisieren May Spils war die erste moderne Regisseurin in Deutschland, und auch nach fünfzig Jahren ist dieses Meisterwerk des unabhängigen Films noch keinen Tag gealtert. Die Sommermonate sind nach wie vor die beste Jahreszeit für die unschuldigste Erotik, die es jemals gab.

Weniger langweilen Wer mit Kindern Urlaub macht, sollte zur Not immer einen Film dabei haben, den wirklich jeder mag. Hayao Miyazakis Meisterwerk „Mein Nachbar Totoro“ um einen freundlichen Waldgeist ist ein Klassiker, der niemals altert. Regisseur Akira Kurosawa, der den Film bewunderte, gefiel am besten der Katzenbus. (Daniel Kotheschulte)

Beinhart Sich im postapokalyptischen, gottlosen sowie pilzartigen Kosmos von Georg Kleins Roman „Miakro“ zurechtzufinden, ist praktisch unmöglich. Freude und Grusel sind der Lohn für die, die es wagen. Man sollte sich Orientierungspunkte im bleichen Labyrinth setzen. Mit einem 
Bleistift im Strandkorb zu hocken, ist nicht cool, aber souverän. 

Augenfällig Die Novelle „Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen“ der Schweizerin Dana Grigorcea macht kein Hehl aus ihrer Nähe zu Tschechows ähnlich betitelter Erzählung. Die betörend nüchterne Liebesgeschichte besticht nun mit Neuerungen. Das schmucke Büchlein macht an der Promenade des Zürichsees erst recht eine gute Figur.

Armselig Dass der Zustand in den USA sich mit dem Blick auf blanken Rassismus nicht grundsätzlich von James Baldwins Amerika unterscheidet, ist bitter. „Von dieser Welt“ – eine treffliche Neuübersetzung von „Go Tell it on the Mountain“ (1953) – ist dennoch ein zutiefst lebenszugewandter Roman. Vom kleinsten Balkon aus lässt sich der Horizont erweitern.

Ganz Ohr Die wunderbare Sopranistin Marlis Petersen und ihr Pianist erstellen eine „Dimensionen“-Trilogie, deren erster Teil die Schönheit des Diesseits umkreist. Nicht nur, aber auch mit Abseitigem, so von Hans Sommer. Hans Sommer? O ja! Gut gegen das Geschnatter in der S-Bahn, noch besser ist es aber, „Welt“ im Juligarten aufzulegen. (Judith von Sternburg)

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